Katharina Saalfrank antwortet "Belohnungen sind eine Form der Strafe"

Eine Mutter möchte ihrem Fünfjährigen Schokolade schenken, weil er jetzt ohne Stützräder Fahrrad fahren kann. Die Pädagogin Katharina Saalfrank meint dagegen: Belohnungen manipulieren nur und stören die Eigenmotivation.

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Hallo Frau Saalfrank, mein Sohn ist jetzt fünf Jahre alt und hat gestern die Stützrädchen vom Fahrrad selbst abgemacht und ist zum ersten Mal ohne Hilfe gefahren. Ich hab ihm für diesen Schritt schon lange eine große Tafel Schokolade als Belohnung versprochen. In Ihrem Buch "Kindheit ohne Strafen" steht, dass Sie das nicht sinnvoll finden. Warum denn nicht? Mein Kind freut sich doch, und das Fahrradfahren hat er auch gelernt.

Katharina Saalfrank antwortet: Sie können natürlich Schokolade schenken und das so machen. Ich möchte Sie aber für die dahinter liegenden Mechanismen sensibilisieren. Interessant zu wissen ist dabei Folgendes: Vor allem ist das Belohnen, Loben und Belobigen ein manipulativer Umgang mit Kindern. Das machen wir uns oft gar nicht klar, weil es so gut klappt und auf den ersten Blick effektiv ist.

Schauen wir genauer hin, stellen wir fest, dass es entwicklungspsychologisch aber nicht sinnvoll ist. Denn es ist erwiesen, dass die Motivation aus dem Menschen selbst heraus noch wirksamer ist als die Motivation von außen. Die Entwicklungspsychologie geht davon aus, dass Kinder von sich aus selbstständig werden und aus sich heraus handeln wollen. Sie tragen also den Motor für ihre Entwicklung in sich und benötigen keine Motivation von außen.

Grundsätzlich gilt: Wenn wir lernen und Erfahrungen in der Welt machen, belohnt sich das Gehirn für jeden Erfolg selbst. Ein spannendes Phänomen, dem die Forscher weltweit auf der Spur sind. Wenn dieses Belohnungssystem im Gehirn besonders angesprochen wird, werden die Nervenzellen dort aktiviert und schütten den Botenstoff Dopamin aus. Das erzeugt in uns ein Glücksgefühl, das wir oft als Freude über den Erfolg wahrnehmen. Und weil sich das so gut anfühlt, verlangen die Hirnzellen nach mehr Erfolg, mehr Dopamin.

Zur Person
  • DPA
    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Der eigene innere Antrieb, etwas erreichen zu wollen, und die Art und Weise der Motivation spielen in der Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle: Die Erfahrung zeigt, dass Erfolge, die an eine Belohnung wie etwa Süßigkeiten geknüpft sind - also an eine Motivation von außen -, nur eine sehr kurzfristige Dopaminausschüttung herbeiführen und wenig nachhaltig sind.

Wenn der Erfolg jedoch aus der eigenen inneren Motivation heraus entstanden ist, ist die Freude tiefer und das Gefühl wird insgesamt als nachhaltiger erlebt. Das Selbstwertgefühl speist sich insbesondere aus diesem eigenmotivierten Erfolg, verankert sich tief im Gehirn und lässt Menschen innerlich wachsen. Sie können also Schokolade verschenken, müssen es aber nicht tun. Ihr Kind möchte ohnehin Fahrradfahren lernen.

Das Verführerische an Belohnungsmaßnahmen und -systemen ist allerdings, dass sie wie die Androhung von Strafen und Konsequenzen häufig funktionieren. Die Gefahr besteht darin, dass die wichtige intrinsische, also innere Eigenmotivation, die in jedem Menschen angelegt ist, durch die Belohnung geschwächt wird. Wird Belohnung als Maßnahme systematisch eingesetzt, kann sie diesen Impuls auch gänzlich verschwinden lassen kann.

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Wenn wir also unsere Kinder kontrollieren und belohnen, agieren sie irgendwann nicht mehr aus sich selbst heraus. Ihr eigener Entwicklungsmotor gerät ins Stocken, und sie verlassen sich mehr und mehr auf den Außenmotor. Eigene Impulse verkümmern und werden häufig sogar aufgegeben.

Am Ende manipuliert man Kinder mit Belohnungen, letztlich sind sie eine Form der Bestrafung. Denn lassen wir die Belohnung weg, kommt das einer Strafe gleich.

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Seite 1
Leser161 12.12.2017
1. Interessant
Ja verstehe. Das ist eine interessante Argumentation. Man sollte Belohnungen also sehr gezielt einsetzen und sehr genau abwägen. Manchmal ist es in Deutschland ja leider absolut notwendig das der Nachwuchs etwas ganz Bestimmtes kann, will man gut-gemeinte-aber-schlecht-gemachte Zusatzaktionen vermeiden (Eltern wissen was ich meine)
cyoulater 12.12.2017
2. Evht jetzt?
Die Mutter schreibt, der Sohn habe "gestern die Stützrädchen vom Fahrrad selbst abgemacht und ist zum ersten Mal ohne Hilfe gefahren". Hallo!! Der Junge hat soviel Motivation und Eigeninitiative, selbst diese Dinger abzumontieren (naja, da werden Mama oder Papa wohl geholfen haben, sonst taugte die Montage nix) und ohne Hilfe alleine zu fahren. Wow! Wenn da kein Wille zum Schritt nach vorne, zur Entwicklung, kein Wunsch nach Aufbruch und Veränderung, nach Großwerden und Selber-Schaffen dahinter steht, dann müsste ich mich schon schwer irren: Der Junge WOLLTE das. Diese in der Schilderung der Mutter spürbare Motivation erzeugen Sie aber doch nicht durch das Versprechen auf eine Tafel Schokolade, das erzählt mir keiner! Bei meinen eigenen Kindern habe ich das eher so erlebt: Zum Stolz, der Freude über Erreichtes kam noch eine kleine Freude über eine kleine Belohnung hinzu.
bandelier 12.12.2017
3. Der kleine Sohn hat die beste Belohnung,
die es gibt, nämlich den selbst erarbeiteten Erfolg. Die Motivation der Mutter finde ich fragwürdig, denn sie versprach ihm Schokolade, weil es offensichtlich für sie selbst wichtig ist, dass der Sohn ohne Stützräder fährt. Damit vermittelt sie ihm das Gefühl, dass er das Fahren ohne Stützräder für sie schafft. Ähnlich verhält es sich mit Schulnoten. Gute Noten sind an sich die beste Belohnung für Kinder, die Gutes geleistet haben, und sie sind sehr stolz über jede gute Note. Das noch zusätzlich materiell zu belohnen, halte ich nach wie vor für fragwürdig. Ein besonders gutes Zeugnis darf auch mal materielle Belohnung erfahren, jedoch im Zusammenhang mit der Leistung. Es ist wirklich nicht nötig, dass unsere Kinder schon in sehr jungen Jahren darauf getrimmt werden, dass Gutes immer nur materiell entlohnt wird. Die Leistung an sich hat ihren Wert, was sie sehr gut spüren und worauf sie stolz sind.
dasfred 12.12.2017
4. Also was ist das für eine Frage
Anstatt sich mit dem Kind gemeinsam zu freuen, das der kleine aus eigenem Antrieb Radfahren gelernt hat und den Lernerfolg in den Mittelpunkt zu stellen wird hier die Schokolade rausgezaubert. Für den Jungen soll doch der Stolz auf die eigene Leistung im Vordergrund stehen. Wenn ein Kind z.B. der Mutter nach dem Essen in der Küche hilft, dann weil man gemeinsam wieder Ordnung geschaffen hat, und nicht um Belohnungen abzugreifen. Für ein Kind, das sein Zimmer selbst aufräumt ist die Belohnung ein übersichtlicher und behaglicher Raum. Da sind Süßigkeiten und anderes einfach der falsche Anreiz.
sanchopansa 12.12.2017
5.
Ach, das ist aber mal doof! Unsere Kinder waren mit kleinen Belohnungen immer sehr motiviert, und haben sich über ihren Erfolg, der den Belohnungen zugrundelag, sicher mehr gefreut, als über eine Schokolade (was an und für sich schon gedankenlos ist). Wir haben Legosteine oder Bücher oder irgend etwas anderes geschenkt, manchmal auch nur eine Blume oder ein paar Erdbeeren. Kam insgesamt gut an, hat die Kinder in ihren Bemühungen bestärkt und die Eltern haben damit gezeigt, dass sie sich über ihre Kinder freuen, wenn sie was gut machen. Ich sehe durchaus ein, dass das manipulativ ist - aber was ist das denn nicht? Darf man dann folgerichtig nicht mehr loben und sein Kind nicht mehr drücken, wenn es mal richtig gut war? Ist doch alles Manipulation? Also, da lasse ich mir jetzt mal kein Schuldgefühl reinschrauben. Schließlich muss man als Eltern ja auch die Richtung vorgeben und kann sich nicht bei jedem Pipifax überlegen, ob das Kind jetzt manipuliert wird oder nicht. Außerdem: Die Manipulation als Bestechung funktioniert bei unseren Kindern überhaupt nicht. "Wenn Du jetzt eine halbe Stunde Klavier übst, kriegst Du Gummibärchen" finden die oberdoof, weil sie die Erpressung riechen würden. Die sind doch nicht dumm.
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