Börsen-Spekulation als Sucht Kaufen! Sofort verkaufen! Kaufen!

Uli Hoeneß muss sich ab Montag wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten. Jahrelang hat er Börsengewinne nicht angezeigt. Kann Aktienhandel süchtig machen? Ja, sagen Experten. Besonders das schnelle Daytrading kann zum Zocken verlocken.

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Handel an der Börse: Das schnelle Daytrading kann suchtauslösen sein
Corbis

Handel an der Börse: Das schnelle Daytrading kann suchtauslösen sein


Der typische Spielsüchtige in Deutschland ist männlich, jung, arbeitslos, hat einen Migrationshintergrund und verzockt sein Geld am Automaten oder bei Sportwetten. Mit Uli Hoeneß hat er also wenig gemein.

Der Bayern-Boss, der sich ab Montag vor Gericht wegen Steuerhinterziehung verantworten muss, hat im vergangenen Jahr der "Zeit" ein aufschlussreiches Interview gegeben, in dem er auch über seine Börsenspekulationen sprach. Er habe mehrere Jahre richtig gezockt: "Ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin."

Das Geld sei für ihn "virtuelles Geld" gewesen. "Wie wenn ich Monopoly spiele. Rücken Sie vor auf die Schlossallee, und wenn Sie über Los kommen, kassieren Sie 4000 Euro. So war das für mich."

Börsenspekulationen können einen starken Sog ausüben, der Menschen in die Abhängigkeit treibt. Insbesondere beim sogenannten Daytrading mit schnellen An- und Verkäufen lockt ständig der Reiz großer Gewinne - im Prinzip das Gleiche wie beim Daddelautomat, der blinkt und quietscht, um das Weiterspielen zu forcieren. Er habe immer einen Pager dabei gehabt, um Kurse zu checken, sagte Hoeneß der "Zeit". "Manchmal war es sogar im Fußballstadion so, wenn das Spiel ein bisschen langweiliger war, habe ich heimlich auf meinen Pager geschielt."

Wie häufig sind Börsianer süchtig?

Unabhängig davon, ob die Diagnose bei Hoeneß tatsächlich zutreffen sollte oder nicht: Spielsucht, offiziell bezeichnet als pathologisches Spielen, betrifft nicht nur Zocker am Daddelautomaten, sondern auch Börsianer. Wie häufig dies der Fall ist, lässt sich jedoch schwer sagen. Laut jüngsten Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind rund 1,3 Prozent der Männer und 0,3 Prozent der Frauen in Deutschland spielsüchtig. Das Zocken mit Wertpapieren war in der Befragung jedoch kein Thema, sondern lediglich klassische Glücksspiele vom Lotto bis zur Sportwette.

"In der Therapie sieht man Betroffene sehr selten", sagt Volker Premper, leitender Psychologe an der AHG Klinik Schweriner See. In 14 Jahren sei er nicht mehr als fünf Bankern begegnet, die in eine Therapie kamen, um vom Zocken an der Börse loszukommen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass das Phänomen bei Spekulanten praktisch kaum vorkommt. "Möglicherweise begeben sich die Betroffenen viel seltener in eine Therapie als andere Spielsüchtige", sagt Premper.

Griechische Forscher kamen nach einer kleinen Studie 2011 zum Schluss, dass Menschen, die aktiv an der Börse spekulieren, deutlich häufiger Anzeichen für Spielsucht zeigen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Eine spanische Untersuchung belegte zudem eine naheliegende Vermutung: dass Börsen-Zocker häufiger einen höheren Schulabschluss und einen Job haben als andere Spielsüchtige.

Der Ausstieg aus der Sucht

Die typischen Spielsucht-Symptome sind dennoch die gleichen, egal ob Pferdewette oder Devisen: das Unvermögen, aufzuhören, das Setzen immer größerer Summen, die Kritik von Freunden und Familie, die Schuldgefühle und schließlich die Lügen, um das eigene Verhalten zu vertuschen.

Wie lässt sich die Abhängigkeit überwinden? "Wie vielen Spielsüchtigen der Absprung von ganz allein gelingt, ist nicht bekannt. Nicht jeder begibt sich in eine Therapie", sagt Premper. Falls doch, wird der Spekulant sich dort den gleichen Fragen stellen müssen, die auch die anderen Zocker bewegen. Was hat zum Abgleiten in die Sucht geführt? Und wie ist es möglich, sich aus der Abhängigkeit zu lösen? Im Zweifel bedeutet Letzteres eine völlige Abkehr von der Börse, um der Versuchung nicht wieder zu erliegen. "Bei den wenigen Bankern, die ich in der Therapie kennengelernt habe, hieß das meist: sich einen neuen, anderen Job suchen", sagt Premper.

Hilfe für Spielsüchtige
Für Glücksspielsüchtige gibt es Selbsthilfegruppen ( Anonyme Spieler ), ambulante Beratung und Rehabilitation, stationäre Behandlungseinrichtungen bis hin zu Telefon-Hotlines und internetbasierten Hilfen, wie etwa bei der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern.

Wenn Sie an Glücksspielen teilnehmen und sich fragen, ob Ihr Umgang damit angemessen ist, können Sie bei Check Dein Spiel, einem Informationsangebot der BZgA, an einem interaktiven Selbsttest teilnehmen.

BZgA-Beratungstelefon zur Glücksspielsucht (kostenlos und anonym):
0800 - 1 37 27 00



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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
nickysantoro 09.03.2014
1. Kleinanleger benachteiligt
Der Wegfall der Spekulationsfrist ist die größte Ungerechtigkeit in der Geschichte des Steuersystems. So werden Daytrader und Zocker gleich behandelt mit Langfristanlegern, die - egal wie lange sie ihre Wertpapiere halten - pauschal ein drittel an den Staat abführen müssen! Aber wie soll man sich auch privat ein Vermögen für das Alter aufbauen, wenn schon der STaat nicht für einen sorgen kann? Mittlerweile vermute ich ,dass dieser Staat gar nicht möchte, dass seine Bürger unabhängig werden und für sich selbst sorgen können. So sollen diverse staatliche Maßnahmen zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung führen und sie von staatlichen Transferleistungen abhängig machen. So hält man sich die Bevölkerung an der kurzen Leine und kann mittlels Bestimmung der Höhe der Transferleistungen de facto das Einkommen der Bevölkerung lenken.
tomatosoup 09.03.2014
2. Nicht ungeschickt
Die Verteidigungsstrategie in Richtung "Spielsucht" ist nicht so dumm, aber sie erklärt leider nicht, warum die Spielgewinne nicht versteuert wurden. Immerhin war und ist Herr H. auch noch Unternehmer, und kein ganz kleiner. Er wusste, worum es bei der Steuer ging. Aber es wäre ja schon o.k., wenn unter Berücksichtigung der "Spielsucht" eine Bewährungsstrafe herauskäme, also nicht über 2 Jahre Freiheitsstrafe. Mein Tip: So wird's wohl auch laufen. Wetten, dass?!
kdshp 09.03.2014
3.
Zitat von tomatosoupDie Verteidigungsstrategie in Richtung "Spielsucht" ist nicht so dumm, aber sie erklärt leider nicht, warum die Spielgewinne nicht versteuert wurden. Immerhin war und ist Herr H. auch noch Unternehmer, und kein ganz kleiner. Er wusste, worum es bei der Steuer ging. Aber es wäre ja schon o.k., wenn unter Berücksichtigung der "Spielsucht" eine Bewährungsstrafe herauskäme, also nicht über 2 Jahre Freiheitsstrafe. Mein Tip: So wird's wohl auch laufen. Wetten, dass?!
Das urteil steht doch schon fest! Herr H. wird eine kleien bewährungsstrafe bekommen und der fall ist erledigt. Ich traue unserer justiz nicht mehr was gerade solchen schweren fälle von kriminalität zeigen. Würde mich nicht wundern wenn herr H. noch eine therapie machen muss die die krankenkasse zahlen darf.
Josef B 09.03.2014
4.
Zitat von tomatosoupDie Verteidigungsstrategie in Richtung "Spielsucht" ist nicht so dumm, aber sie erklärt leider nicht, warum die Spielgewinne nicht versteuert wurden. Immerhin war und ist Herr H. auch noch Unternehmer, und kein ganz kleiner. Er wusste, worum es bei der Steuer ging. Aber es wäre ja schon o.k., wenn unter Berücksichtigung der "Spielsucht" eine Bewährungsstrafe herauskäme, also nicht über 2 Jahre Freiheitsstrafe. Mein Tip: So wird's wohl auch laufen. Wetten, dass?!
Unter normalen Umständen ist im Falle Hoeneß eine Haftstrafe unumgänglich. Hoeneß hat ja seine Selbstanzeige nicht aus freien Stücken sondern unter dem Druck der Recherchen des Sterns abgegeben. Lustig, das im dabei ein bayerischer Steuerfahnder bei seiner Nacht und Nebel- Selbstanzeige half. Man wird am Freitag wissen, wie verrottet die bayerische Justiz ist. Der Ruf ist ja seit dem Fall Mollath eh ruiniert.
dwg 09.03.2014
5.
Zitat von sysopCorbisUli Hoeneß muss sich ab Montag wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten. Jahrelang hat er Börsengewinne nicht angezeigt. Kann Aktienhandel süchtig machen? Ja, sagen Experten. Besonders das schnelle Daytrading kann zum Zocken verlocken. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/boersen-spekulation-kann-zur-sucht-werden-pathologisches-spielen-a-956086.html
Schnelles Daytrading IST Zocken. Warum das jetzt als Verteidungsstrategie helfen soll, erschließt sich mir nicht. Das Verhalten unter "Sucht" laufen zu lassen schützt nicht vor Strafe und schadet an anderer Stelle, oder gibt es so etwas wie sachlich und zeitlich scharf abgegrenzte "Unzurechnungsfähigkeit" - quasi als Joker?
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