Umstrittene Behandlung Patientin spritzt Botox gegen Depressionen

Botox glättet Falten. Aber kann es auch glücklicher machen? Studien zur Anwendung des Nervengifts bei Depressionen geben Anlass zur Hoffnung. Eine Probandin erzählt, wie sie mit den Falten auch die Sorgen verlor.

Botox-Spritze in die Stirn: Raus aus dem Tief dank "Facial Feedback"
DPA

Botox-Spritze in die Stirn: Raus aus dem Tief dank "Facial Feedback"

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Tina Beyer* sah grimmig aus. Übellaunig. So miesepetrig, dass ihr Mann sie oft fragte: "Bist du sauer?" Nein, Beyer war auf niemanden böse. Doch seit sie denken konnte, hatte sie zwei tiefe Zornesfalten über der Nasenwurzel, von Medizinern Glabellafalten genannt.

Solche Falten können durch langes und konzentriertes Lesen und exzessive Bildschirmarbeit entstehen. Sie können aber auch in die Haut geschriebener Ausdruck negativer Gefühle sein. Tatsächlich haben viele Depressive tiefe Glabellafalten. Eine von ihnen ist Tina Beyer.

Für sie selbst fast unmerklich rutschte Beyer vor zwei Jahren in eine mittelschwere Depression. "Ich bin wie auf einer Welle geritten - mal ging es mir sehr schlecht, dann hab ich mich wieder aufgerappelt und gedacht, wird schon." Aber es wurde nicht.

Gründe, sich überfordert, unter Druck gesetzt und hilflos zu fühlen, hatte Beyer genug: Ihre Mutter war gerade gestorben, sie hatte ihren jüngeren Bruder bei sich aufgenommen, dann wurde ihr Mann krank und arbeitslos. "Alles hing an mir", sagt sie. "Ich habe Wutanfälle gekriegt und geschrien. Das war der Punkt, an dem ich erkannt habe, dass ich wirklich krank bin und etwas unternehmen muss." Sie ließ sich zunächst tagesstationär in einer Klinik in Hamburg behandeln und begann dann eine Psychotherapie.

Irgendwann hielt ihr der Ehemann einen Zeitungsartikel unter die Nase: "Das ist genau das Richtige für dich", sagte er und tippte auf die Schlagzeile "Glückstherapie - Botox gegen Depressionen".

Frau mit Glabellafalten: "Trauer-Muskel" ausgetrickst
imago

Frau mit Glabellafalten: "Trauer-Muskel" ausgetrickst

Es gibt so einiges, was das Nervengift Botulinumtoxin kann: Ins Gesicht injiziert, reduziert es für einige Zeit Falten, das ist bekannt. Weil es den Muskeltonus senkt, wird es aber auch bei Zähneknirschen, Schiefhals oder Lidkrampf eingesetzt. Es hilft außerdem bei übermäßigem Schwitzen oder chronischen Schmerzen. Aber gegen Depressionen? Wie sollte das funktionieren?

Schon seit Jahren erforschen Mediziner die Wirkung des Giftes auf die Psyche, auch der Gerontopsychiater Marc Axel Wollmer von der Asklepios Klinik Nord in Hamburg. Im Zentrum seiner Therapie steht der "Musculus corrugator supercilii", auch "Stirnrunzler" genannt. Der Muskel bewegt die Augenbrauen. Bei Depressiven ist er überaktiv, er wurde von Charles Darwin schon 1872 als "Trauer-Muskel" bezeichnet.

Lähmt man den "Stirnrunzler" durch Botox, glätten sich die Furchen vorübergehend. Die Kosten für eine rund vier Monate anhaltende Wirkung liegen bei rund 120 Euro. Wollmer zufolge haben die Spritzen nicht nur kosmetische Auswirkungen, sondern auch stimmungsverändernde.

"Die Spritze hat wehgetan", erinnert sich Patientin Beyer. "Am Anfang hatte ich richtig Muskelkater unter den Augenbrauen und total Angst, dass das Nervengift mein Gesicht irgendwie verzerrt." Dann sei es ihr aber mit jedem Tag besser gegangen. "Ich hatte bessere Laune, mein verkniffener Gesichtsausdruck verschwand - und mein Mann war plötzlich auch gut drauf."

Wollmer geht davon aus, dass die Mimik Emotionen nicht nur ausdrücken, sondern über eine sogenannte "Facial-Feedback-Schleife" auch aufrechterhalten oder verstärken kann. Durch den lähmenden Effekt der Behandlung auf die Muskulatur wird diese Rückkopplungsschleife unterbrochen - Gefühle von Angst, Ärger oder Traurigkeit, die bei der Depression auftreten, lassen nach.

Hinzu kommt: Wenn ein Depressiver morgens in den Spiegel schaut und ein trauriges Gesicht mit tiefen Furchen erblickt, wird seine negative Grundstimmung bestätigt oder sogar potenziert. Verschwinden die Sorgenfalten und verändert sich die Körperwahrnehmung, bessert sich die Stimmung. Das gilt für die Selbst- wie die Fremdwahrnehmung. Reagiert das Außen positiv auf ein faltenfreies Gesicht, profitiert der Träger davon.

Botox hat Nebenwirkungen: Beyer verspürte eine leichte Übelkeit und hatte zwischendurch Kopfschmerzen, "das konnte aber meine Stimmungsaufhellung nicht trüben", sagt sie. Ihr behandelnder Psychotherapeut habe das Experiment mit Skepsis verfolgt, sich dann aber über die offensichtlich positive Wirkung gefreut. Beyer nahm zunächst weiter Psychopharmaka, allerdings niedriger dosierte, die sie heute ganz abgesetzt hat. Auch die Therapie ist beendet.

Nervengift Botulinumtoxin: Muskelkater unter der Augenbraue
AP/dpa

Nervengift Botulinumtoxin: Muskelkater unter der Augenbraue

Für ihre erste randomisierte, placebo-kontrollierte Studie aus dem Jahr 2012 haben Wollmer und sein Kollege Tillmann Krüger 15 leicht bis mittelschwer depressive Patienten mit Botox und 15 weitere mit einem Placebomittel behandelt. In einem Zeitraum von 16 Wochen verschwanden den Autoren zufolge nicht nur die Falten: 60 Prozent der Patienten, die mit echtem Botox behandelt wurden, berichteten von einer spürbaren Besserung der Depression - interessanterweise auch über das Abklingen des kosmetischen Effekts hinaus.

In experimentellen Studien an gesunden Probanden habe sich zudem gezeigt, "dass die Amygdala, also jene Gehirnregion, die für unangenehme Emotionen zuständig ist, nach der Botox-Gabe weniger aktiv war", sagt Wollmer. "Das Verständnis für Sätze mit negativer Konnotation war bei den Probanden herabgesetzt."

Muss der Patient nicht ständig wieder nachspritzen? "Nein, tatsächlich hält der positive Effekt auch nach 16 Wochen noch an", sagt Wollmer. Zwar steige der Muskeltonus wieder an, aber die Werte für die Depression blieben bei vielen Patienten niedrig. Bei einem Drittel der Probanden, die Botox erhielten, hätten die Symptome nachgelassen. "Die Depression war weg."

Fachärzte und Forscher reagieren auf solche Ergebnisse verhalten optimistisch. "Die Studie ist spannend, auch, weil wir ständig auf der Suche nach neuen Behandlungsmethoden sind", sagt Tom Bschor, Psychiatrie-Chef an der Berliner Schlosspark-Klinik und Experte für therapieresistente Depressionen. Die gängigen Maßnahmen nähmen viel Zeit in Anspruch und würden häufig versagen. Allerdings habe Wollmer nur 30 Probanden gehabt, noch zu wenige, findet Bschor. Auch stimme der extrem starke Effekt misstrauisch. "Fast wirkt es, als hätten wir es mit einem Wundermittel zu tun." Häufig zeigten erste Untersuchungen große Erfolge, so sei es bei dem Narkose- und Rauschmittel Ketamin gewesen, das ebenfalls gegen Depressionen eingesetzt wird. "In späteren Studien relativierte sich der Erfolg aber", sagt Bschor.

Wollmer selbst sieht das ähnlich: "Wir können noch nicht von einer etablierten Therapie sprechen, dafür braucht es größere Studien und mehr Erfahrung." Bisher liegen drei randomisierte Studien vor. Die Therapie wurde bisher nur an Patienten mit leichter bis mittelschwerer Depression durchgeführt. "Botox kann keine Psychotherapie ersetzen, es ist ein Baustein von vielen in der Depressionsbehandlung", betont Wollmer.

Besonders wirksam ist der Wirkstoff bei agitierten, also unruhigen Depressiven. Vorsicht ist geboten bei Kranken mit Demenz: "Wenn die Patienten nicht mehr artikulieren können, was sie bewegt, muss sich der Arzt auf die Deutung ihrer Mimik verlassen, die ist aber bei einer Botoxbehandlung eingeschränkt", sagt Wollmer.

Bei der Botox-Studie gibt es außerdem ein wesentliches Problem: Die Placebo-Gruppe merkt sehr schnell, dass sie kein Botox gespritzt bekommen hat. "Dann", so Bschor, "tritt der sogenannte Nocebo-Effekt ein: Die ohnehin negativ gestimmten Depressiven haben das Gefühl, wieder einmal eine Niete gezogen zu haben - und sind dann besonders niedergeschlagen."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
platzanweiser 01.07.2015
1.
Naja... interessant, aber ich persönlich finde es anstrengend und unangenehm mit jemandem zu kommunizieren, der keine Mimik mehr hat. Ich stehe solchen Leuten unwillkürlich mistrauisch und ablehnend gegenüber. Das konnte ich immer wieder an Botox-Fetischisten aus meinem Bekanntenkreis beobachten. Man sollte also nicht allzu sorglos mit diesem "Wundermittel" umgehen!
Enkidu 01.07.2015
2. Vorsicht!
Eine Untersuchung aus 2010 hat gezeigt, daß Botox zwar die Stirnfalten glättet, aber gleichzeitig Intelligenz und Sprachverständnis absenkt. Und klar haben viele BlödianerInnen eine gleichbleibend gute Laune. ?
tippertripper82 01.07.2015
3.
@Enkidu: Könnten Sie bitte den Link zu dieser Untersuchung nachliefern? Ich habe noch nie von einer solchen Untersuchung bzw. entsprechenden Ergebnissen gehört.
heavenstown 01.07.2015
4. Dann gibts ja bald Botox auf Rezept...
... wenn man dann dafür den Psychiater wegen nicht mehr vorhandenen Depressionen, hervorgerufen durch Falten, einspart?
Enkidu 01.07.2015
5. @tippertripper82
"Bild der Wissenschaft", zitiert in "Die Welt" vom 18.05.2010
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