Eltern-Ratgeber: "Kinder müssen lernen, mit Frust umzugehen"

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Wie erzieht man Kinder zu schlauen und glücklichen Menschen? In seinem Buch "Brain Rules für Ihr Baby" behauptet der Entwicklungsbiologe John Medina, dass Eltern aus der Hirnforschung jede Menge lernen können. Im Interview erklärt er, worauf es ankommt.

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Lernen: "Überehrgeizige Eltern neigen dazu, ihre Kinder mit anderen zu vergleichen"

In den USA kommt man an John Medina kaum vorbei: Seit Jahren landet der Entwicklungs- und Molekularbiologe mit seinen Sachbüchern auf den oberen Plätzen der amerikanischen Bestsellerlisten. In seinem letzten Buch "Gehirn und Erfolg: 12 Regeln für Schule, Beruf und Alltag" leitet er aus der Hirnforschung Handlungsempfehlungen ab, wie wir erfolgreicher werden können. Jetzt hat Medina erneut provokant die Erkenntnisse der Neurowissenschaften in einen Ratgeber für Eltern übersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Medina, viele Eltern möchten, dass ihre Kinder später in Schule und Beruf erfolgreich sind. Was können sie dafür tun?

Medina: Überehrgeizige Eltern neigen dazu, ihre Kinder ständig mit anderen Gleichaltrigen zu vergleichen, setzen die Kleinen unter Druck und schicken sie in Frühförderkurse. Das Geld können sie sich sparen. Wer mit vier Jahren ein wenig rechnen kann, wird später noch lange kein Mathe-Genie. Dieses Leistungsstreben kann den Kindern sogar schaden. Wie wir heute wissen, bestimmt etwas ganz anderes den späteren Erfolg der Kinder.

ZUR PERSON:

John Medina, 57, ist Entwicklungsbiologe und Leiter des Brain Center for Applied Learning Research an der Seattle Pacific University.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es an?

Medina: Kinder müssen lernen, mit Frustration und Fehlschlägen richtig umzugehen. Sie sollten sich davon nicht entmutigen zu lassen, sondern an Niederlagen wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern das beeinflussen?

Medina: Indem sie darauf achten, wie sie auf den Erfolg eines Kindes reagieren. Bringt die Tochter zum Beispiel eine gute Note nach Hause, haben die Eltern im Prinzip zwei Möglichkeiten: Sie können betonen, wie schlau die Kleine ist. Oder sie können das Mädchen für seine Anstrengung loben. "Toll, dass du dir so viel Mühe gegeben hast", wäre eindeutig die bessere Reaktion.

Buch

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Medina: Weil das Kind lernt, dass seine Anstrengung ihm die gute Note eingebracht hat. Stellen Sie sich umgekehrt vor, die Leistung eines Kindes wird immer nur seiner Intelligenz zugeschrieben. Was passiert, wenn es eines Tages eine schlechte Note nach Hause bringt? Das Kind wird natürlich denken, dass es dumm ist. Und es wird künftig schwierige Aufgaben meiden - in der Angst, daran zu scheitern und dumm dazustehen. Das kann man zum Beispiel an Studenten beobachten, die an die Elite-Universität Harvard aufgenommen werden. Sie alle sind hoch intelligent. Doch die einen wachsen an den neuen Herausforderungen ihres Studiums, die anderen knicken ein und scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern noch für das Glück ihrer Kinder tun?

Medina: Sie sollten die Gefühle der Kleinen ernst nehmen und gezielt auf sie eingehen. Das kann ein Trotzanfall sein ebenso wie die Freude über eine Kugel Eis. Oder die Trauer um einen toten Goldfisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das aussehen?

Medina: Stellen Sie sich vor, der Goldfisch Ihrer dreijährigen Tochter ist gestorben. Nie zuvor hat das Kind den Tod erlebt, es ist am Boden zerstört. In diesem Moment ist es enorm wichtig, wie Sie mit den Gefühlen Ihrer Tochter umgehen. Manche Eltern erklären dem Kind, dass der Tod zum Leben dazugehört, und fahren mit ihm los, um einen neuen Goldfisch zu kaufen. Andere fordern das Mädchen auf, tapfer zu sein, schließlich sei es ja nur ein Goldfisch gewesen. Und noch andere lassen den Spross mit seiner Trauer allein, weil sie mit dessen Gefühlen nicht umgehen können. Alle drei Reaktionen nehmen die Emotionen des Kindes nicht ernst.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen Eltern sonst reagieren?

Medina: Gehen Sie auf die Gefühle Ihres Kindes ein. Für Sie ist es vielleicht nur ein läppischer Goldfisch; für Ihre Tochter stellt der Tod des Tiers einen großen Verlust dar. Erklären Sie ihr, wie leid es Ihnen tut. Wie traurig Sie selbst werden, wenn jemand stirbt, der Ihnen nahesteht. Nehmen Sie das Kind in den Arm und erklären Sie, dass die Trauer mit der Zeit vorbeigehen wird, das Kind aber immer zu Ihnen kommen kann, wenn es noch mal traurig ist. Damit helfen Sie ihm auch, seine Gefühle zu benennen. Das ist enorm wichtig. Denn eines wissen wir heute mit Sicherheit: Wie Sie mit den Gefühlen Ihres Kindes umgehen, wird dessen späteres Glück entscheidend beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Medina: Weil das Kind so lernt, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, sie zu benennen und zu kontrollieren. Das wird ihm im späteren Leben enorm weiterhelfen. Es wird besser mit Kritik umgehen können und besser im Team arbeiten. Es wird auch mehr Freundschaften schließen - ausgeglichene Menschen finden leichter Freunde als jemand, der launisch oder aufbrausend ist. Und wir haben aus Studien gelernt, dass nichts unser Glück so bestimmt wie die Freundschaften, die wir schließen.


John Medina: "Brain Rules für Ihr Baby, Huber, 300 Seiten, 24,95 Euro

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1.
Ed Roxter 10.04.2013
Zitat von sysopCorbisWie erzieht man Kinder zu schlauen und glücklichen Menschen? In seinem Buch "Brain Rules für Ihr Baby" behauptet der Entwicklungsbiologe John Medina, dass Eltern aus der Hirnforschung jede Menge lernen können. Im Interview erklärt er, worauf es ankommt. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/brain-rules-fuer-ihr-baby-erziehungstipps-fuer-eltern-von-john-medina-a-893409.html
Recht hat der Mann, aber neu ist zumindest der Aspekt des Umgangs mit Frustration eigentlich nicht. Eine recht gängige psychologische und pädagogische Lehrmeinung ist - soweit ich mich entsinne -, dass Frustrationstoleranz ein ganz zentrales Element einer stabilen Psyche ist, und auch schon frühkindlich zum Tragen kommt, nämlich bei der Frage des sog. "Urvertrauens". Sprich: Der Säugling will Nahrung, aber das ist nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Beizeiten wird er lernen, dass Hunger, der nicht sofort gestillt wird, kein Weltuntergang ist. Diese Sicht der Dinge weiterhin durch die Erziehung fortzuführen, das ist m.E. eine ganz wichtige Aufgabe der Eltern: Den Kindern Frustration bzw. Rückschläge bzw. Enttäuschungen nicht zu ersparen, aber hinter ihnen zu stehen und aufzuzeigen, dass die meisten dieser Ereignisse tatsächlich kein Beinbruch und kein Weltuntergang sind. Kinder und ihre Gefühle ernstzunehmen, halte ich sowieso für selbstverständlich...Schade auch, dass es offenbar nötig ist, das zu betonen.
2. Kinder brauchen....
katjanella 10.04.2013
...keine Eltern, die einen Entwicklungsbiologen brauchen, der ihnen was vom toten Goldfisch und verquaster angelesener Empathie erzählt. Bestseller in den USA sind für mich kein Kriterium. Dann müsste ich meine Kinder analog mit dem Bestseller Fastfood großziehen.
3. alter Hut
EmmaDiel 10.04.2013
Schon vor vielen Jahren hat man rausgefunden, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man das Resultat oder die Anstrengung lobt. "Wir wir heute wissen..." ist hier eindeutig falsch, dieses Beispiel hat nämlich nichts mit der Neuroforschung zu tun, das waren die Lerntheorien. Mich beschleicht der Verdacht, dass mal wieder auf der Neuro-Welle banale Weisheiten an den Buchkunden gebracht werden sollen. Vielleicht sollten wir unsere Kinder als Kinder behandeln, und nicht als Hirne!
4.
daniel79 10.04.2013
Überall nur noch perfekte Ausgeburten der Leistungsgesellschaft. Aber wie man auf nen Baum klettert, davon haben sie keinen Schimmer.
5. optional
Medienkenner 10.04.2013
Ja toll, eine Art Ratgeber für minderbemittelte Eltern, unser Herr Entwicklungs- und Molekularbiologe aus den USA. Warum sollte sich hierzulande jemand dafür interessieren - bei uns sind Pädagogen und Psychologen für sowas zuständig.
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Zur Autorin
  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.
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