Burnout-Kongress: Was den Menschen ins Hamsterrad treibt

Von Carina Frey

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Burnout: Wenn Menschen nicht mehr die Bremse ziehen können, werden sie krank

Stehen Menschen ständig unter Stress, leidet der ganze Körper. Der Neurobiologe Gerald Hüther ging auf einem Burnout-Kongress in Heidelberg einer grundlegenden Frage nach: Wie kommt der Mensch auf die verrückte Idee, so viel Leistung bringen zu müssen, bis er umfällt?

Menschen sind keine Lachse. Das ist die gute Nachricht. Doch beide können Getriebene sein. Bei den Lachsen sind die Sexualhormone schuld. Steigen sie an, aktivieren sie ein Netzwerk im Gehirn der Fische. Die Lachse glauben dann, sie müssten an den Ort zurück, wo sie geboren wurden, wo es so riecht wie in ihrer Kindheit, als ihr Netzwerk herausgebildet wurde. Dann beginnt der Stress. Die Lachse kämpfen sich mühsam Kilometer für Kilometer Flüsse hinauf, bis sie ihr Kindheitsgewässer erreicht haben. Dort startet das nächste Programm: Sie paaren sich. Drei Tage später sind sie tot.

Am Wochenende haben sich renommierte Forscher auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP) getroffen, der unter dem Thema "Burnout? Burn On!" stand. Der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther beginnt seinen Vortrag mit dem Lachs-Vergleich. "Nach der Paarung wissen sie nicht mehr, was sie machen sollen." Es fehle ihnen sozusagen der Sinn. "Jetzt gucken sich die armen Lachse um und sehen, was sie vorher im Stress gar nicht gesehen haben: Wasser zu flach, nichts zu fressen, überall andere Lachse. Das hält kein Lachs aus." Die Lachse erleiden eine Art Burnout.

Glücklicherweise fallen Menschen mit Burnout nicht einfach tot um. Doch sie ziehen sich zurück, entwickeln Depressionen, leiden unter völliger Erschöpfung. Das habe Auswirkungen auf den Körper, auf jede einzelne Zelle, sagt Thomas Loew, Leiter der Abteilung für Psychosomatik am Universitätsklinikum Regensburg. Zu den psychischen Symptomen kommen Stoffwechselprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen des Immunsystems. Burnout belaste alle Organsysteme, so Loew. Die Menschen werden krank.

Warum ziehen Menschen nicht die Notbremse?

Doch warum ziehen Menschen nicht rechtzeitig die Notbremse? Warum sagen sie nicht einfach "Stopp", wenn ihnen die Anforderungen im Job über den Kopf wachsen, sie schlecht schlafen, gereizt sind, Freunde und Familie vernachlässigen? Oder, wie Hüther fragt: Was bringt einen Menschen dazu zu glauben, dass er nur dann vollwertig ist und nur dann wertvoll, wenn er viel leistet?

Die Erklärung liegt in den Erfahrungen, die ein Mensch sammelt - und die sein Gehirn formen, glaubt Hüther. Die Strukturierungsprozesse beginnen bereits im Mutterleib: "Die ersten Vernetzungen im Gehirn und die wichtigsten zeitlebens werden gestaltet, während man aufs Engste mit einem anderen Menschen verbunden ist", erklärt der Neurobiologe. In dieser Zeit entwickelten sich zwei Grundbedürfnisse: Das Bedürfnis nach Verbundenheit und nach einem Leben, in dem man sich selbstbestimmt als Person entwickeln kann.

Nach der Geburt versucht das Kind, diese Grundbedürfnisse zu stillen: Es möchte dazugehören und sich gleichzeitig frei und autonom entwickeln. Dabei sammelt es soziale Erfahrungen. Und die sind nicht immer angenehm. "Wir wachsen alle in eine Welt hinein, in der wir die Erfahrung machen müssen, dass wir so, wie wir sind, eigentlich nicht ganz richtig sind, und dass wir nur dann zu den anderen dazugehören dürfen, wenn wir ihre Wertvorstellungen übernehmen", so Hüther.

In Deutschland zählt Leistung. Kinder erleben ständig, dass Menschen nur dann anerkannt werden, wenn sie sich anstrengen. Beispiel Schule: Hört das Kind: "Wieder nur eine Fünf in Mathe, so können wir dich nicht in unsere Klasse lassen", verfestigt sich die Erfahrung, dass man nur durch Leistung vorankommt. Sie nistet sich im Gehirn ein. "Und irgendwann glaubt man selbst, dass Leistung das ist, was im Leben zählt", sagt Hüther.

"Das hält kein Hirn aus"

Was passiert mit Menschen, von denen ständig etwas verlangt wird und denen immer wieder mit Ausschluss gedroht wird, wenn sie nicht die Leistungskriterien erfüllen? "Das tut die ganze Zeit weh. Das hält kein Hirn aus", sagt Hüther. Das Gehirn passe sich an: Die Schmerzwahrnehmung wird gehemmt.

Das Netzwerk, das den sozialen Schmerz tilgt, hat aber noch eine andere Funktion. Man brauche es, um den eigenen Körper zu fühlen, so Hüther. "Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage zu spüren, dass der Körper ruft: 'Hallo, so geht das nicht, mach mal eine Pause'." Das sei der Punkt, wo der Mensch "läuft wie die Lachse". Hemmungslos, ohne Bremse, bis er umfällt.

Bleiben die Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmtheit unerfüllt, gibt es noch eine zweite Strategie: die Ersatzbefriedigung. "Geld zu verdienen, Erfolg zu haben, Karriere zu machen sind tolle Angebote, die man wählen kann, weil man das, was man im Leben eigentlich braucht, nicht gefunden hat", erklärt der Neurobiologe. Die Ersatzbefriedigung funktioniere so lange gut, bis das, was man tut, seinen Sinn verliert. "Wenn wir mit der Welt nicht mehr zurechtkommen, weil wir nicht mehr wissen, wozu wir arbeiten, wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, dass wir etwas gestalten können, dann läuft alles aus dem Ruder", sagt Hüther. Der Mensch wird krank.

Doch Menschen können sich diesem Schicksal entziehen. "Wir sind keine Lachse. Wir müssen nicht zeitlebens einer verrückten Idee hinterherrennen." Um aus dem Hamsterrad zu kommen, so Hüther, brauche es häufig eine andere Person - idealerweise den Partner oder einen guten Freund. Merkten die, dass der andere im Höher-Schneller-Weiter gefangen ist, sollten sie "nicht mit ihm rummeckern und sagen: 'Du machst das alles falsch, laut Statistik bist du in einem halben Jahr tot'", warnt Hüther. "Ich glaube nicht, dass sich Menschen dadurch verändern, dass man ihnen kluge Ratschläge gibt."

Wirksamer sei, den Betroffenen zu ermutigen, neue Erfahrungen zu sammeln. Was hat er vor dem Arbeitswahn gerne gemacht? Lässt sich daran anknüpfen? Oder man motiviert ihn zum Singen, Theaterspielen oder Tanzen: "Die meisten Menschen können sich der Wirkung, die sie da erleben, nicht mehr entziehen. Und dann gehen sie wieder hin, und das führt dazu, dass sie allmählich eine andere Haltung bekommen", sagt Hüther. Die gesündere Haltung: "Es ist schon wichtig mit der Arbeit, es ist wichtig mit der Leistung, aber diese Refugien, in denen ich mich so stark selbst erlebe, die will ich mir unbedingt erhalten, die sind mir wichtiger als der nächste Karrieresprung."

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1. Naiver Lösungsansatz
sozialminister 24.09.2012
Was ist denn, wenn man keine Bezugsperson hat, die einem aus diesem Dilemma helfen? Wenn man nur Freunde hat, die einen nur oberflächlich betrachten, wenn man eine Frau geheiratet hat, die einen immer höheren Lebensstandard erwartet und einen ansonsten nicht mehr unterstützen würde? Solche Fälle gibt es zuhauf und gerade diejenigen, die in einem leistungsantreibenden Umfeld sich sozialisieren, sind doch die besten Kandidaten für Burnout. Um zu begreifen, daß ich bei Anzeichen einer Depression mich meiner erstbesten Vertrauensperson anvertraue, muss ich kein Wissenschaftler sein. Das weiß doch jeder. Flächendeckend kann dieses immer weiter wachsende Problem allerdings nur angegangen werden, wenn wir als Gesellschaft begreifen, daß Menschen eben nicht gleich sind. Das wir als Individuen unterschiedlich leistungsfähig sind und das nicht jeder Mensch die Dinge begehrt, die die Mehrheit begehren will. Man sollte grundsätzlich aufhören Kinder und Jugendliche dazu zu indoktrinieren Dinge zu begehren, die sie garnicht haben wollen.
2.
doitwithsed 24.09.2012
Ich weiß nicht, was andere "ins Hamsterrad treibt", aber mich treibt schlicht das konkrete Bedürfnis mich und meine Familie ernähren zu können und Forderungen des Staats (Steuern, Abgaben, Gebühren) und Körperschaften öffentlichen Rechts (Krankenkasse, GEZ, etc.) befriedigen zu können. Ich nix arbeiten, ich nix Geld. So einfach ist das. Oder kurz: Ich kann es mir nicht leisten, Minder zu leisten.
3. Keine neue Erkenntnis
ruhepuls 24.09.2012
es ist eine alte Erkenntnis, dass Menschen glauben "mehr" (Geld, Anerkennung, Attraktivität, Aufmerksamkeit usw.) mache sie glücklicher. Nur, während man früher eher das Ziel sah, sich durch innere Reife ("Bescheidenheit") vor solchen Süchten zu schützen, animieren wir uns heute gegenseitig, dieses "immer mehr" auch noch anzustreben. Wer bescheiden ist, ist in den Augen vieler ein Idiot... ("er könnte mehr haben, wenn er sich mal mehr anstrengen würde...")
4. .
frubi 24.09.2012
Zitat von sysopStehen Menschen ständig unter Stress, leidet der ganze Körper. Der Neurobiologe Gerald Hüther ging auf einem Burnout-Kongress in Heidelberg einer grundlegenden Frage nach: Wie kommt der Mensch auf die verrückte Idee, so viel Leistung bringen zu müssen, bis er umfällt? Burnout: Was den Menschen ins Hamsterrad treibt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/burnout-was-den-menschen-ins-hamsterrad-treibt-a-857540.html)
Für mich sind die meisten Workaholics Menschen ohne Selbstbewusstsein denn hätten diese Menschen ein starken Charackter, wüssten Sie auch über ihre Grenzen und Schwächen bescheid.
5. wie wäre es mit dichten, anstatt singen und tanzen
Ernesto_de_la_Vita 24.09.2012
Das Leben wär so einfach und schön, hät als Lachs ich, das Licht der Erde gesehen... ach nee, lassen wir das lieber .... Aber wie motiviert man einen Esel weiterzugehen...... ...... ja, mit einer Angel und einer Möhre. Wir stehen sicherlich erst am Anfang der Auswirkungen einer langjährig dauernden Entwicklung, das dicke Ende kommt noch. Wir haben noch das Glück, dass wir anders als die Japaner nicht gleich aus dem 50. Stock springen. Die Möhre hat dann aber trotzdem schon ein anderer Esel bekommen
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Zur Autorin
  • Carina Frey, studierte Soziologin, arbeitet nach Stationen bei "Frankfurter Rundschau" und "dpa" als freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte sind Verbraucher- und Wissenschaftsthemen.

Zur Person
  • REUTERS
    Gerald Hüther, 61, ist Professor für Neurobiologe. Er leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim-Heidelberg. Gerade ist sein neues Buch "Jedes Kind ist hoch begabt" erschienen, das er gemeinsam mit Uli Hauser geschrieben hat. Mit einem Team der Humboldt-Viadrina School of Governance entwickelt Hüther den Masterstudiengang "Potentialentfaltungscoach", der ab Herbst 2013 an je drei deutschen und österreichischen Hochschulen angeboten werden soll.
Burnout - Neues Denken in Unternehmen
So wie bisher geht es in der Arbeitswelt nicht weiter, glaubt Gerald Hüther. Immer mehr Menschen litten an Burnout und Depressionen. Um das zu ändern, setzt sich der Neurobiologe für einen Kulturwandel in Firmen ein: Ziel ist eine Veränderung der Führungs- und Beziehungskultur. Denn die Komplexität der Herausforderungen, vor denen viele Unternehmen stünden, könne nur von begeisterungsfähigen, kreativen Mitarbeitern bewältigt werden, sagt Hüther. Auf der Internetseite kulturwandel.org stellt er Projekte vor, die als Impulsgeber für einen Kulturwandel dienen, sowie Unternehmen, die bereits ihre Firmenkultur verändert haben.

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