Suchtberatung im Coffeeshop: Anonym und offen

Von Benjamin Dürr

Suchtberatung findet in den Niederlanden dort statt, wo Cannabis offen verkauft wird: im Coffeeshop. So erreichen Sozialarbeiter mögliche Abhängige direkt. Holland setzt dabei auf Pragmatismus statt auf Strafen - mit Erfolg. Kaum ein Land hat so wenige Drogentote.

Arbeitsplatz Coffeeshop: Aufklärung vor Ort Fotos
DPA

Diese Feuerzeuge, sagt Paula Schut, seien der Renner bei Rauchern. Sie zieht noch ein paar davon aus dem Rucksack, außerdem Flyer und Visitenkärtchen. Es ist ein Dienstag, kurz nach 14 Uhr, und für Paula Schut beginnt die Arbeit im Coffeeshop - als Suchtberaterin. Sonst ist sie als Sozialarbeiterin an den Brennpunkten der Stadt unterwegs. Seit einem Jahr gehört auch die Sprechstunde im Coffeeshop zu ihren Aufgaben.

Gemeinsam mit einem Kollegen sitzt sie an einem der runden Tische in einer Drogenkneipe in Utrecht, südlich von Amsterdam. Die Wände sind mit Holz verkleidet wie in einem Saloon. Jeden Dienstag finden hier Sprechstunden der Suchtberatung statt. Dort, wo Cannabis ganz offen verkauft und geraucht wird, erreichen die Sozialarbeiter mögliche Abhängige direkt. Die Niederlande setzen auf Pragmatismus im Umgang mit Drogen. Das ist möglicherweise der Grund, warum es dort so wenige Drogentote gibt wie in kaum einem anderen Land.

Mit den Feuerzeugen und anderen kleinen Werbegeschenken, die sie auf dem Tisch ausbreiten, brechen die Sozialarbeiter das Eis und kommen mit Besuchern ins Gespräch. "Wir wollen die Hürden so niedrig wie möglich halten", sagt die 26-jährige Schut. "Wenn man bei einer Beratungsstelle anrufen und einen Termin machen muss, hält das viele Leute ab." Die Sprechstunde im Coffeeshop dagegen ist anonym, unverbindlich, offen, unkompliziert.

Paula Schut geht auf Jugendliche an einem Tisch zu, spricht sie an. Manchmal lässt sie nur ein Kärtchen mit der Telefonnummer da. An einem anderen Tisch kann ein einziges Gespräch auch den ganzen Nachmittag dauern. "Häufig geht es nicht nur um die Drogen selbst, sondern auch um die Probleme, die aus einer Abhängigkeit entstehen", sagt Schut. Jugendliche würden ihr von Problemen in der Schule oder mit der Polizei erzählen, Ältere von finanziellen Schwierigkeiten. In solchen Fällen stellen die Sozialarbeiter Kontakte mit "Victas" her, der stationären Einrichtung für Abhängige, für die sie arbeiten.

"Nicht jeder Coffeeshop-Besucher hat ein Drogenproblem"

In den Medien sei der Eindruck entstanden, Coffeeshops seien ein Treffpunkt von Süchtigen - deshalb will sich der Coffeeshop-Betreiber nicht äußern. Dabei ist die Sprechstunde als zusätzliches Angebot gedacht. "Längst nicht jeder Coffeeshop-Besucher hat ein Drogenproblem", sagt Schut. Wie viel Prozent der Besucher abhängig seien, könne man nicht sagen. "Man weiß schließlich auch nicht, wie viele Alkoholabhängige in einer Bar sitzen."

Die Sprechstunden sind ein Beispiel für die ungewöhnliche Einstellung vieler Niederländer zu Drogen: Statt Strafverfolgung setzt Holland auf Aufklärung. Die meisten Länder wollen eine drogenfreie Gesellschaft schaffen, indem sie versuchen, das Angebot zurückzudrängen und den Drogenkonsum einzuschränken. Die Niederlande dagegen legen mehr Nachdruck auf "Harm Reduction": Durch Aufklärung und Beratung betreiben sie Schadensminimierung.

Der Cannabiskonsum sei in den Niederlanden etwa gleich hoch wie in anderen Ländern, schreibt die Drogen-Organisation der Uno (UNODC). "Aber die Zahl der Behandlungs- und Beratungsangebote ist höher als in den anderen europäischen Ländern." Gerade in Ländern wie Holland, wo Drogen geduldet werden, seien Hilfsangebote wichtig, erklärt Heino Stöver, Sozialwissenschaftler und Suchtforscher an der Fachhochschule Frankfurt am Main. "In den Niederlanden ist das Drogenproblem seit vielen Jahren offensiv angesprochen worden." Das habe zu einer differenzierten Drogenpolitik geführt, sagt Stöver.

Die Zahl der Drogentoten ist in den Niederlanden am niedrigsten

Heute haben die Niederlande vergleichsweise wenig Drogentote. Im World Drugs Report 2012 der UNODC liegen sie mit 12,5 Drogentoten pro eine Million Einwohner auf einem der hinteren Ränge in Europa. In Deutschland sind es 22,7 Drogentote pro eine Million Einwohner, in Island sogar 220,7. In Italien, Frankreich und Portugal gibt es weniger. Laut Margriet van Laar vom niederländischen Suchtforschungsinstitut "Trimbos" ist die relativ niedrige Zahl Drogentoter ein Indikator für den Erfolg der "Harm Reduction"-Politik.

Dass der Schwerpunkt auf Hilfsangeboten liegt, wirkt sich auch auf anderen Gebieten aus, hat van Laar in verschiedenen Studien herausgefunden: So sind die Abhängigkeitsquote und der Konsum von Speed und Heroin in den Niederlanden geringer als in anderen Ländern. Durch die vielfältigen Angebote und den offenen Umgang bekämen Abhängige schneller Hilfe, so van Laar.

Doch der liberale Ansatz ist in den Niederlanden umstritten. Konservative Parteien weisen auf eine zunehmende Zahl Süchtiger und Probleme mit Drogentouristen aus den Nachbarländern hin. In den vergangenen Jahren wurde die Drogenpolitik deshalb verschärft. Die Zahl der Coffeeshops reduzierte sich drastisch, in manchen Gemeinden wurden die Cafés in geschlossene Clubs umgewandelt, die nur noch für Mitglieder mit Wohnsitz in den Niederlanden zugänglich sind.

Damit würden auch die Erfolge in der Suchthilfe gefährdet, meint Dimitri Breeuwer vom Cannabis-Konsumentenverband "We Smoke". Er sagt: "Nach vierzig Jahren Liberalisierung zeigt der niederländische Ansatz Erfolge." Weltweit würde man nach Holland schauen und sich die Haltung zum Vorbild nehmen. Deshalb wollte sein Verband im vergangenen Jahr Coffeeshops zum Weltkulturerbe erklären lassen. Bisher ohne Erfolg.

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1. oh je
pariah_aflame 28.01.2013
dieser artikel spielt schlimme vorurteile subtil ein: "nicht jeder cannabis-raucher hat ein suchtproblem" neinnein, aber sicher die meisten von den langhaarigen, denkt sich oppa scholz seinen teil dazu. schlimmer noch finde ich den umgang mit dem wort "drogentote": denn in der regel killt nicht die droge den abhängigen, sondern die lebensumstände, in die ihn sein illegales treiben abdrängt.
2.
HaioForler 28.01.2013
Zitat von pariah_aflamedieser artikel spielt schlimme vorurteile subtil ein: "nicht jeder cannabis-raucher hat ein suchtproblem" neinnein, aber sicher die meisten von den langhaarigen, denkt sich oppa scholz seinen teil dazu. schlimmer noch finde ich den umgang mit dem wort "drogentote": denn in der regel killt nicht die droge den abhängigen, sondern die lebensumstände, in die ihn sein illegales treiben abdrängt.
Genau, es ist ja nicht die Pistole, die einen toetet, sondern der, der abdrueckt. :))) Fazit: kein Waffenverbot in den USA :)))
3.
bigkahoona 28.01.2013
Zitat von pariah_aflamedieser artikel spielt schlimme vorurteile subtil ein: "nicht jeder cannabis-raucher hat ein suchtproblem" neinnein, aber sicher die meisten von den langhaarigen, denkt sich oppa scholz seinen teil dazu. schlimmer noch finde ich den umgang mit dem wort "drogentote": denn in der regel killt nicht die droge den abhängigen, sondern die lebensumstände, in die ihn sein illegales treiben abdrängt.
Sie sprechen hier bestimmt auf die tausenden Cannabisfixer an, die jedes Jahr beim Haschtabletten spritzen elendig zugrunde gehen. Das ist aber auch kein Wunder, die sind ja auch total enthemmt weil sie immer diese satanische Stromgitarrenmusik hören.
4.
roxxor 28.01.2013
Zitat von HaioForlerGenau, es ist ja nicht die Pistole, die einen toetet, sondern der, der abdrueckt. :))) Fazit: kein Waffenverbot in den USA :)))
Die Frage ist doch: Wieviele Drogentote verursacht Alkohol? ich bin mir sicher, dass es wesentlich mehr sind. ...und nein, meine Harzer-Zeit ist schon was länger vorbei, dennoch haben ich mit Abstand den größten Mist gebaut, als ich besoffen war. Einfach alle Drogen freigeben, wer will, der kommt doch auch heute schon an jede Droge ran, nur der Weg fordert mehrere Opfer.
5.
dedie 28.01.2013
Zitat von pariah_aflamedieser artikel spielt schlimme vorurteile subtil ein: "nicht jeder cannabis-raucher hat ein suchtproblem" neinnein, aber sicher die meisten von den langhaarigen, denkt sich oppa scholz seinen teil dazu. schlimmer noch finde ich den umgang mit dem wort "drogentote": denn in der regel killt nicht die droge den abhängigen, sondern die lebensumstände, in die ihn sein illegales treiben abdrängt.
Sie sollten sich besser informieren, eine Tödliche Überdosis einer Droge ist Tödlicher als jedes Drogensüchtigen Umfeld, auch von legal erworbenen Geld kann man Tödliche Drogen kaufen und es sind auch schon genügend Drogenkonsumenten an Legal Käuflichen Medikamenten gestorben. Soll ich noch weite aufzählen?
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Zum Autor
  • Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist freier Journalist. Er berichtet aus den Niederlanden und aus Südafrika unter anderem für SPIEGEL ONLINE. Zuvor arbeitete er als Reporter in Afrika und als Journalist in Süddeutschland.

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Anlaufstellen und Notdienste
Seelennöte aller Art
Die Katholische und die Evangelische Konferenz für Telefonseelsorge und Offene Tür e.V. bieten unter den bundeseinheitlichen und kostenlosen Nummern 0800-1110111 und 0800-1110222 anonyme Telefonseelsorge rund um die Uhr. Die Anrufer werden bei Bedarf an Einrichtungen in der Nähe des Wohnorts weitervermittelt.

Auf dem Internetportal gibt es zudem die Möglichkeit zur Chat- oder Emailberatung. Hier finden Menschen Hilfe, die Krisenzeiten durchleben, etwa unter Sucht, Krankheit oder Einsamkeit leiden und Suizidgedanken haben.
Erste Hilfe bei Depressionen
Das Portal der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet weiterführende Informationen und Kontakte zu Krisendiensten. Dort kann man, nach Postleitzahlen gegliedert, ortsgebundene Anlaufstellen finden.

Bei akuten Notfällen sollte der Rettungsdienst unter der Nummer 112 verständigt werden.
Erste Hilfe bei Alkoholsucht
Auf dem Hilfsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finden sich ein Selbsttest und Informationen zum Thema Alkohol beziehungsweise Suchtprävention.

Interessierten steht zudem ein Infotelefon zur Verfügung. Die Mitarbeiter der BZgA beantworten unter der Nummer 0221-892031 Fragen zur Suchtvorbeugung und vermitteln Betroffene an Beratungsstellen in ihrer Nähe. Die Homepage bietet zudem ein Verzeichnis der Suchtberatungsstellen.
Erste Hilfe bei Spielsucht
Auf dem Portal zur Spielsucht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es einen Selbsttest, eine Chatsprechstunde, eine Online-Beratung sowie ein kostenloses und anonymes Beratungstelefon unter der Nummer 0800-1372700. Außerdem bietet das Portal weiterführende Links zu regionalen Anlaufstellen in Wohnortnähe.
Spezifische Hilfe für Kinder, Jugendliche und Eltern
Beim kostenlosen und anonymen Angebot des Vereins Nummer gegen Kummer können Kinder und Jugendliche über Sorgen und Probleme reden. Unter der Nummer 0800-1110333 erhalten die Jugendlichen montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr Hilfe, samstags beraten Jugendliche die Jugendlichen.

Daneben bietet der Verein eine separate Nummer für Eltern. Unter 0800-1110550 erhalten Eltern Unterstützung bei schwierigen Erziehungsfragen. Die Telefonberatung ist Montag bis Freitag zwischen 9 und 11 Uhr, Dienstag und Donnerstag zwischen 17 und 19 Uhr erreichbar.