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30. September 2013, 18:34 Uhr

Kind, Karriere, Burnout

Samstag gehört jetzt ihr

Wenn die Arbeit krank macht oder die Beziehung stresst, dann suchen viele Menschen Beratung fürs Leben. Der Coach Ekkehard Rüdiger Neumann hilft überlasteten Müttern wie ausgebrannten Managern. Hier erzählt er künftig in loser Folge ihre Geschichten.

Renate Hehn* ist ein klassischer Fall. Die 35-jährige Mutter einer Tochter (13) und eines Sohnes (10) arbeitet halbtags in einem Verlagshaus. Ihr Mann Florian*, 39, ist einer jener Männer, die sagen, sie können Kinder, Beruf und Partnerschaft unter einen Hut bringen. Doch er scheitert daran. Der Manager verlässt morgens früh das Haus, kehrt spät abends platt heim, isst, geht dann zu Bett. Zeit für persönliche Gespräche, Zeit für Zweisamkeit - Fehlanzeige.

Die Wochenenden, berichtete Renate mir bei unserem ersten Treffen, seien verplant mit gemeinsamem Einkauf und betont kindergerechter Freizeit, also Zoobesuche, Kindertheater und die Fußballspiele des Juniors. Alles werde bewusst gemeinsam erlebt, weil Papa unter der Woche die Zeit fehlt. Die Organisation der Wochenenden obliege ihr.

Entscheidungen müssen getroffen werden

Renate kam zu mir, als es nicht mehr ging. Sie war lustlos, litt unter Schlafstörungen, konnte sich auf der Arbeit kaum mehr konzentrieren und versuchte dort, aus Angst gekündigt zu werden, ihre Schwächen zu verbergen. Und dann noch das Kümmern um die Kinder: Morgens in die Schule, am Nachmittag abholen. Den Jungen zweimal in der Woche zum Training fahren, die Tochter zum Jazz-Tanz. Dazwischen Einkaufen, Kleinigkeiten regeln - Renate war überfordert, erschöpft, einfach ausgebrannt.

Natürlich wusste Renate, dass sie etwas für sich tun sollte. Dass sie Freiräume benötigte - aber wie? Ihr Mann konnte sie nicht entlasten, und auch die Großeltern, die in einer anderen Stadt wohnen, konnten nicht einspringen. "Was soll ich denn machen?", fragte sie.

Ich habe Renate geraten, zwei Entscheidungen zu treffen:

1. Die bewusste Abgrenzung:

Gönn dir einen bestimmten Moment, an einem bestimmten Ort (das ist wichtig, weil man sich daran in Zeiten des Schwächelns immer erinnern wird) und lege vor dir selbst ein Gelübde ab: Ab sofort bin ich die wichtigste Person in meinem Leben. Nicht die Kinder, nicht mein Mann - ich!

2. Der beiderseitige Vertrag:

Sprich mit deinem Lebenspartner. Erkläre ihm, dass du mehr Freiraum für dich benötigst und dass er dir dabei helfen kann, indem er dir Aufgaben abnimmt. Vermeide dabei unbedingt Aussagen wie "Du musst…". Erläutere ihm stattdessen, dass er, indem er dir entgegenkommt, für sich und die ganze Familie handelt. Auch er wird davon profitieren, dass du wieder Luft zum Atmen bekommst. Ganz wichtig: Halte diese Vereinbarung schriftlich fest. Ihr zwei schließt einen beiderseitigen Vertrag!

Renate ist meinen Vorschlägen gefolgt. Ihr Mann reagierte verständnisvoll und kooperativ, was keine Selbstverständlichkeit ist. Fehlt an der Stelle die Unterstützung des Partners, führt das häufig zur Trennung. Auch das muss ich immer wieder erleben.

Freiräume zum Durchatmen

Doch Renate hat sich ihre Freiräume erkämpft: Trotz Alltagsstress gehört der Samstagvormittag nun ihr. Zeit für die eigenen Rituale. Während die Kinder mit Papa den Einkauf erledigen und das Mittagessen vorbereiten, besucht sie ein Fitnessstudio, macht Workout und Wellness - und trifft sich danach wieder mit ihrer Familie. Zudem kümmert sie sich abwechselnd mit ihrem Mann und gemeinsam mit den Kindern um die Wochengestaltung. Und Florian hält sich daran, trotz seines Arbeitspensums, jeden Mittwoch gemeinsam mit der Familie zu Abend zu essen.

Inzwischen geht es Renate besser, dem drohenden Burnout ist sie entkommen, weil sie die Beziehung zu sich selbst verbessert hat. Bestimmte Entspannungstechniken mittels Massage haben ihr auch dabei geholfen, gelassener und resistenter gegenüber Stress zu werden. Auf der Arbeit kommt sie jetzt besser zurecht, weil es im Familienleben besser läuft. Immer wieder "ruckelt es zwar noch", wie mir Renate erzählt. Aber ihre Kinder und ihr Mann würden ihre positive Veränderung spüren und mittragen. Demnächst will sie mit ihren Freundinnen einen monatlichen "Frauenabend" initiieren.

Renate hat sich für einen Weg entschieden, der nicht nur kein leichter, sondern auch ein langer ist. Aber: Er ist alternativlos, wenn man an seinem Leben in der Familie wieder Freude haben möchte.

*Namen von der Redaktion geändert

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