Psyche Wenn Kinder depressiv werden

Keine Lust aufzustehen, in die Schule zu gehen, Freunde zu treffen: Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche können unter Depressionen leiden. Die Zahl der Betroffenen ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

Allein am See: Die Diagnose Depression wird immer häufiger bei Kindern und Jugendlichen gestellt
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Allein am See: Die Diagnose Depression wird immer häufiger bei Kindern und Jugendlichen gestellt


Ein zarter Händedruck, ein schüchterner Blick. Nur leise kommen die Worte aus Annabels Mund. "Vor zwei Jahren hat es angefangen. Ich hatte keine Lust zu nichts, wollte nur im Bett liegen. Ich war sehr traurig." Annabel (Name geändert) wendet ihren Körper ab. Nur ein kurzer Augenkontakt, dann huscht ihr Blick zu Boden. Ein unsicheres Lachen. Dann Stille.

Annabel ist 14 Jahre alt und depressiv. Heute wissen es ihre Mitschüler, besten Freunde und ihre Mutter. Ihr hat sich Annabel erst spät anvertraut. "Am Anfang habe ich ihr Verhalten auf die Pubertät geschoben. Doch irgendwann waren die Stimmungsschwankungen nicht mehr normal", berichtet die Leipzigerin. Vor einem Jahr haben Mutter und Tochter professionelle Hilfe gesucht. Seitdem steht die Diagnose Depression.

Jeder 20. Jugendliche in Deutschland leidet an einer Depression, Tendenz steigend. Schaut man auf die stationären Klinikaufenthalte, hat sich die Zahl sogar versechsfacht. Im Jahr 2000 zählte das Statistische Bundesamt noch 2145 Fälle in Deutschland. Zwölf Jahre später wurden 12.567 Jugendliche wegen einer Depression stationär behandelt. Auch Annabel war fünf Monate lang in einer Tagesklinik.

"Ich kann mich nicht in ihre Lage versetzen"

Der Kinder- und Jugendpsychologe Martin Holtmann vom Universitätsklinikum Hamm erklärt sich den Anstieg nicht allein mit einer verbesserten Diagnostik und größeren Bereitschaft, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. "Auch höhere Leistungsanforderungen in der Schule sowie Veränderungen im Familienbild können eine Depression begünstigen", sagt Holtmann. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) verweist auf das frühere Eintreten der Pubertät, das die Wahrscheinlichkeit einer Depression ebenfalls erhöht.

Was genau eine Depression auslöst, lässt sich selten herausfinden. Oftmals ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Das könne von Stress in der Schule bis zur Trennung der Eltern reichen, so Holtmann. Auch Annabel kennt die Gründe für ihre Depression nicht genau. "Schulisch und persönlich" flüstert sie. Mehr verrät die Realschülerin nicht.

Ihre Mutter ist ratlos: "Ich sage ihr immer wieder, sie muss mir das erklären. Ich kann mich nicht in ihre Lage versetzen." Doch Annabel schweigt. Sie vertraut sich anderen an. Auch zu ihrem Psychologen musste sie erst mal Vertrauen fassen. Heute geht sie einmal die Woche zu ihm, spricht über ihr Gefühlsleben, über das, was sie belastet. Ab und an ist ihre Mutter dabei. Die Psychotherapie von Kindern ist auch immer eine Familienbehandlung, weiß Holtmann. Annabels Mutter bleibt dennoch oft hilflos zurück. "Wenn ich denke, jetzt sind wir auf einem guten Weg, dann fällt Annabel wieder in ein Loch."

Jedes Tief ist anders

Damit umzugehen, fällt beiden schwer, Mutter und Tochter. "Jedes Tief ist anders", sagt Annabel fast entschuldigend. Es fange bei ihr immer mit schlechter Laune an und dann setze es sich fest, versucht sie zu erklären. Manchmal würden schon Schlafstörungen reichen. Sie sind ein Symptom der Krankheit neben Konzentrationsproblemen, Antriebsarmut und vermindertem Selbstvertrauen. "Sie denkt, sie ist nichts wert und alle haben sich gegen sie verschworen", erzählt ihre Mutter. Woher diese schweren Gedanken kommen, weiß sie nicht. Sie hat Angst um ihre Tochter, versteht nicht, was in Annabel vorgeht.

Vielleicht könne der Austausch mit ebenfalls betroffenen Eltern helfen, sagt Julia Ebhardt, Projektleiterin von Fideo, einer Plattform zum Thema Depression. Auf Fideo (Fighting Depression Online) können Angehörige und Betroffene anonym diskutieren und sich über die Krankheit informieren. "Viele Jugendliche quälen sich mit Themen wie Mobbing, schlechten Schulnoten oder dem Umgang mit ihren Eltern", sagt Julia Ebhardt.

Annabel will sich nicht mit Fremden beraten. Es fällt ihr schwer. "Dafür redet sie mit anderen depressiven Jugendlichen, die sie aus der Therapie kennt. Das gefällt mir gar nicht!", sagt Annabels Mutter. "Ich weiß nicht, worüber sie reden und ob sie sich auf dumme Gedanken bringen", fügt sie hinzu. Dumme Gedanken sind Selbstmordgedanken. Nicht selten bei depressiven Jugendlichen, erklärt Kinder- und Jugendpsychologe Holtmann. Annabel ist verstummt. Schüttelt nur abwehrend den Kopf. Ein letztes Lächeln, ein Händedruck und sie huscht in ihr Zimmer.

Friederike Schicht, dpa



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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
GrinderFX 10.12.2014
1.
Den Menschen fehlt es einfach an Bewegung. Es ist mittlerweile ein Fakt, dass Bewegung und Sport aktiv gegen Depressionen hilft und sie vorbeugt. Es ist also einfach nur der Preis für die Faulheit.
wip 10.12.2014
2. Luft zum Atmen
/Zitat Annabel will sich nicht mit Fremden beraten. Es fällt ihr schwer. "Dafür redet sie mit anderen depressiven Jugendlichen, die sie aus der Therapie kennt. Das gefällt mir gar nicht!", sagt Annabels Mutter. "Ich weiß nicht, worüber sie reden und ob sie sich auf dumme Gedanken bringen", fügt sie hinzu. Zitat/ Mehr als dieses kurze Zitat braucht man nicht, um das Problem zu verstehen: - Annabel will sich der Kontrolle durch Erwachsene entziehen. - Die Mutter will die Kontrolle behalten, weil sie ihr Kind weder versteht noch ihm vertraut. Sie Beginn der 1990er läuft in der Gesellschaft das Erziehungsprogramm "Kinder brauchen Grenzen" unter der Zwischenüberschrift "Grenzen sind Freiheit und Liebe". Diese 'Erziehungsprogramm' produziert zwar zunächst eine angepasste und pflegeleichte junge Generation, nimmt ihr aber gleichzeitig in allen Lebensbereichen die Luft zum Atmen. Ohne Atemluft kann aber auf Dauer niemand leben. Die einen lösen es durch Rückzug auf sich selbst (Depression) und richten die unterdrückte Aggression gegen sich selbst bis zur Selbstzerstörung. Tätowierungen als Massensport und Piercing jeder Art gehören durchaus in diesen Zusammenhang, die erst seit den 1990er 'modern' wurden. Andere suchen den Weg in den Radikalismus. Beides übrigens ist eigentlich sowohl von der Sozial- wie der Erziehungspsychologie seit Jahrzehnten bekannt, nachzulesen z. B. in Tausch & Tausch: "Erziehungspsychologie" Göttingen 5. Aufl. 1970 S. 178, seitdem mehrfach neu aufgelegt.
Bin_der_Neue 10.12.2014
3. Faulheit?
Zitat von GrinderFXDen Menschen fehlt es einfach an Bewegung. Es ist mittlerweile ein Fakt, dass Bewegung und Sport aktiv gegen Depressionen hilft und sie vorbeugt. Es ist also einfach nur der Preis für die Faulheit.
Es mag zum Teil durchaus am Bewegungsmangel liegen, aber wenn ich sehe, wie Kinder bzw. Schüler mittlerweile auf Leistung getrimmt werden (BTW: wo bleibt denn bei diesen Leistungsanforderungen, komprimiert auf den G8 Lehrplan, noch ausreichend Zeit für sportliche Betätigung), dann wundert es mich nicht, dass hier einige mit Depressionen und Burn-Out-ähnlichen Zuständen auf der Strecke bleiben. Ihre Denke ist an dieser Stelle leider etwas sehr oberflächlich und den Kindern gegenüber, die eben NICHT aus Faulheit, sondern weil sie sich für schulische und Elterliche Erwartungen aufarbeiten, beinahe schon unverschämt.
finnlorenz 10.12.2014
4. Aber natürlich!
Zitat von GrinderFXDen Menschen fehlt es einfach an Bewegung. Es ist mittlerweile ein Fakt, dass Bewegung und Sport aktiv gegen Depressionen hilft und sie vorbeugt. Es ist also einfach nur der Preis für die Faulheit.
Na, wenn Sie das so wunderbar erkannt haben, finden Sie morgen sicher auch noch das Allheilmittel gegen Krebs (frische Luft?) und HIV (Verzicht auf Facebook?)... Wirklich, wie können auch Tausende von Betroffenen und Tausende von Fachleuten so dumm sein? Hätte man nur direkt Sie gefragt...
Beachklub 10.12.2014
5.
Prei für Faulheit? So einfach ist das wohl im seltensten Fall. Doch wurde die Schilddrüse mal untersucht? Richtig mit allem was dazu gehört. Alle relevanten Blutwerte und Schall? Das ist nicht selten eine Ursache für Depressionen, auch bei Kindern.
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