Diabetes und psychische Erkrankungen: Gefährliche Kombination

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Depression, Demenz und Angststörungen: Psychische Leiden und Diabetes sind enger miteinander verknüpft, als viele ahnen. Um zu verhindern, dass die Psyche bei der Behandlung der Volkskrankheit zu kurz kommt, haben Ärzte jetzt neue Leitlinien eingeführt.

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AP/dpa

Blutzuckerkontrolle: Diabetes und die Psyche sind eng miteinander verknüpft

Es ist eine der größten Volkskrankheiten Deutschlands: Mehr als 4,5 Millionen Menschen leiden an Diabetes mellitus. Was die Betroffenen aber oft nicht wissen: Wie kaum eine andere körperliche Erkrankung hängt ihr Verlauf besonders eng mit der psychischen Gesundheit des Patienten zusammen. Demenz, Depression, Sucht, Ess- und Angststörungen treten unter Diabetes-Patienten häufiger auf. Sie behindern eine effektive Behandlung des Diabetes und können daher Folgeschäden oder Komplikationen verursachen - und das Leben verkürzen.

Das ist das Fazit der bisher weltweit einzigen Leitlinie zum Thema "Psychosoziales und Diabetes mellitus", die am Dienstag von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin vorgestellt wurde.

Die Experten fordern darin: Ärzte, Betroffene und Angehörige sollen angesichts des gravierenden Einfluss von psychischen Problemen auf den Verlauf von Diabetes, ein größeres Bewusstsein für diese entwickeln. Die Leitlinien soll es künftig auch als Praxishandbuch für Mediziner und als Broschüre für Patienten geben.

Risiko für Alzheimer-Demenz verdoppelt

In einer aktuellen Studie, deren Erkenntnisse in die Leitlinien einflossen, warnen US-Forscher etwa vor einem hohen Demenzrisiko unter Diabetikern. Demnach sind Menschen mit Diabetes Typ 2 im Alter zwei- bis viermal häufiger von einer vaskulären Demenz (eine der häufigsten Arten von Demenz, bei der Durchblutungsstörungen eine Rolle spielen) betroffen, bis zu doppelt so häufig von einer Alzheimer-Demenz.

Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt die Blutgefäße im gesamten Körper - auch im Gehirn. Setzt die Demenz ein, vergessen die Betroffenen, ob sie schon Insulin gespritzt haben oder werden unsicher in der Dosis. Sie benötigen dann Unterstützung von außen, um den Diabetes angemessen zu behandeln.

Auch das Risiko für andere psychische Erkrankungen steigt mit der Diagnose Diabetes: Betroffene leiden doppelt so häufig unter Depressionen wie Gleichaltrige ohne die Stoffwechselkrankheit. Das Risiko an einer Angststörung zu erkranken, ist 20 Prozent höher. Auch Essstörungen treten unter Diabetes-Patienten häufiger auf. Dabei bedingen sich körperliche und psychische Erkrankung oft gegenseitig.

Depressionen etwa können sowohl Folge als auch Ursache der Diabetes sein. Sie erhöhen das Risiko für die körperliche Erkrankung, weil depressive Menschen sich meist wenig bewegen, ungesund essen und eher übergewichtig werden. Gleichzeitig kann Diabetes eine Depression auslösen. Die Folge dieses Zusammenspiels von Körper und Seele: Treten beide Erkrankungen gleichzeitig auf, steigt die Wahrscheinlichkeit, frühzeitig zu versterben.

Ebenso schränken Ängste die Lebensqualität ein. In den Leitlinien beschreiben die Experten die sogenannte Hypoglykämieangst: ein Phänomen, bei dem die Betroffenen aus Sorge vor einer drohenden Unterzuckerung deutlich überhöhte Blutzuckerwerte in Kauf nehmen.

Diabetes mellitus
Honigsüßer Durchfluss
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "honigsüßer Durchfluss"), umgangssprachlich Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselstörung. Der Name bezieht sich auf den zuckerhaltigen Urin, an dessen Süße die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch zu hohe Blutzuckerwerte, die Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) wegen eines Insulinmangels nicht mehr in die Zellen aufgenommen werden kann und sich im Blut anreichert.
Typ-1-Diabetes
Beim Typ-1-Diabetes, von dem fünf bis zehn Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie müssen die Diabetiker sich Insulin selbst spritzen. Als Ursache von Typ-1-Diabetes werden genetische Veränderungen vermutet.
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Im Zuge wachsender Zahlen übergewichtiger Menschen insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung gilt als die Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit versiegt aber die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und auch die Zellen werden unempfindlicher für das Insulin, sodass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.

Wer tatsächlich schon einmal eine Unterzuckerung erlebt hat, entwickelt solche Ängste eher: Manche verlassen dann ihre Wohnung nicht mehr, weil sie fürchten, sonst nicht rechtzeitig Hilfe zu erhalten. Andere haben übermäßige Angst vor der Insulinspritze und fallen in Ohnmacht, wenn sie die Nadel sehen. Viele plagen auch soziale Ängste. Aus Scham verzichten sie auf ihre Injektion, wenn sie etwa in einem Restaurant essen gehen. Die Befürchtungen verhindern eine erfolgreiche Einstellung des Stoffwechsels. Folgeschäden an Nieren und Nervensystem können entstehen.

Gestörtes Essverhalten als Diabetes-Ursache

Ungesundes Essverhalten steht ebenso in einem Wechselspiel mit einem Diabetes. Die Binge-Eating-Störung führt häufig zu starkem Übergewicht, das wiederum eine Insulinresistenz begünstigt - die Vorstufe von Diabetes. Steht die Diagnose Diabetes, erschweren die Essanfälle die Behandlung der Stoffwechselerkrankung. Zugleich halten sich Menschen mit Essstörung weniger an Therapievorgaben, so die Diabetes-Experten. Sie achten seltener auf diätische Ernährung, darauf sich zu bewegen oder kontrollieren ihren Blutzucker nur selten.

Um den Verlauf der Diabetes möglichst angenehm zu gestalten, raten Experten auch zu einem gesunden Lebensstil. Neben ausgewogener Ernährung und mehr Bewegung empfehlen sie Diabetikern Alkohol in Maßen zu konsumieren und das Rauchen aufzugeben.

Wer mehr als 20 Zigaretten am Tag raucht, hat ein deutlich erhöhtes Risiko an der Stoffwechselstörung zu erkranken als jemand der weniger oder nicht (mehr) raucht. Studien zeigten auch: Aufhören lohnt sich. Ehemalige Raucherinnen hatten nach fünf Jahren Abstinenz das gleiche Risiko für Diabetes, wie Nichtraucher. Bei Männern glich sich das Risiko etwa zehn Jahre nach dem Rauchstopp an.

Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit tritt unter Menschen mit Diabetes zwar nicht häufiger auf, hat aber deutlich gravierendere Folgen. Der Konsum von Alkohol beeinträchtigt die Regulation des Blutzuckers und erhöht das Risiko für eine Unterzuckerung. Je mehr ein Diabetiker trinkt, umso seltener setzt er Empfehlungen der Ärzte um. "Bei etwa jeder fünften schweren Hypoglykämie, die zu einer Krankenhauseinweisung führt, ist die Ursache Alkoholkonsum", schreiben die Autoren in den Leitlinien. Schädlicher Alkoholkonsum bei Diabetes erhöhe folglich auch das Risiko für einen früheren Tod, so die Experten.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Depressionen, Diabetes und Vitamin D Mangel
brainbox 18.06.2013
Sowohl bei Menschen mit Depressionen als auch bei Diabetikern ist der Vitamin D Spiegel im Blut niedrig. Es kann für den Therapieverlauf günstig sein, den 25-OHD-Spiegel messen zu lassen und das fehlende Vitamin D aufzusättigen ( im Winter ) bzw. gezielt und verantwortungsbewusst für den jeweiligen Hauttyp Sonnenbäder ohne Sonnencreme zu nehmen. Zu einer Ernährungstherapie gehört der Ersatz von industriell hergestellten Transfetten ( Margarine, Industriefett-haltige Kuchen und Backprodukte ) durch natürliche Fette ( natives Kokosöl, Oxyguard Leinöl ).
2. Typ-I // Typ II : Bitte schärfer trennen, oder mal rechercheiren...
elnebuloso 18.06.2013
Ich als Typ-I-er ärgere mich jedesmal, wenn ich hier einen Artikel über Diabetes lese: Nie wird auf den Unterschied zwischen Typ-I und Typ-II-Diabetes eingegangen. Und wenn man sich keine Mühe machen will: Die Pressemitteilungen der DDG stehen hier, da reicht ein Link: http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/ Puh.
3. Der Diabetes mellitus
franz-pera 18.06.2013
Auch wenn es "die Zuckerkrankheit" heißt, ist der richtige Artikel für Diabetes "der", also männlich.
4.
AnCaDe 18.06.2013
Zitat von elnebulosoIch als Typ-I-er ärgere mich jedesmal, wenn ich hier einen Artikel über Diabetes lese: Nie wird auf den Unterschied zwischen Typ-I und Typ-II-Diabetes eingegangen. Und wenn man sich keine Mühe machen will: Die Pressemitteilungen der DDG stehen hier, da reicht ein Link: Deutsche Diabetes Gesellschaft: DDG Pressemeldungen (http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/) Puh.
Danke, genau DAS dachte ich beim Lesen auch!!!!! Ist leider ganz häuftig so.
5. ohne
Kritischer Hinseher 18.06.2013
Zitat von elnebulosoIch als Typ-I-er ärgere mich jedesmal, wenn ich hier einen Artikel über Diabetes lese: Nie wird auf den Unterschied zwischen Typ-I und Typ-II-Diabetes eingegangen. Und wenn man sich keine Mühe machen will: Die Pressemitteilungen der DDG stehen hier, da reicht ein Link: Deutsche Diabetes Gesellschaft: DDG Pressemeldungen (http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/presse/) Puh.
Kann ich nur unterschreiben! Wenn der Unterschied nicht herausgestellt wird, kann man nur von oberflächlichen Stammtisch Geschreibsel sprechen.
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Zur Autorin
  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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