Emotions-Coaching Finden Sie Gefühle peinlich?

Manche Menschen begegnen den eigenen Gefühlen skeptisch und abwehrend. Eine einfache Checkliste hilft, die eigene Einstellung zu Emotionen zu verstehen - und zu überdenken.


SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Coaching entwickelt, mit dem Sie in kleinen Schritten lernen, Ihre Gefühle im Alltag bewusster wahrzunehmen. Dies ist Teil zwei von acht. Die anderen Teile finden Sie hier.


Getty Images

Wir leben in einer Kultur, in der es oft nicht als höflich oder passend gilt, Gefühle zu zeigen. Deshalb haben sich viele Menschen Vorbehalte angewöhnt, wenn es um Angst, Wut, Scham oder Freude geht. Diese Skepsis kann aber das Verhältnis zu unseren Empfindungen stören. Deshalb lohnt es sich, grundsätzlich seine Haltung zum eigenen Gefühlshaushalt zu betrachten.

Im Folgenden bekommen Sie dazu eine Checkliste mit einigen gängigen Ansichten, vor allem zu den oft als unangenehm geltenden Gefühlen Wut, Angst und Traurigkeit. Prüfen Sie, welche Aussagen Ihrer eigenen Haltung am ehesten entsprechen:

  • Was sollen die Leute von mir denken, wenn ich so traurig oder wütend bin?
  • Ich muss stark sein und funktionieren, dazu passen heftige Gefühle nicht.
  • Gefühle sind doch ohnehin eher peinlich.
  • Es ist letztlich sinnlos, so viel zu fühlen.
  • Wer weint oder tobt, ist schwach.
  • Ich befürchte, dass dieses unangenehme Gefühl nicht mehr aufhört und mich total überschwemmt, wenn ich es erst einmal zulasse.
  • Ich werde depressiv oder komplett aggressiv, wenn ich meinen Emotionen Raum gebe.
  • Männer sollten nicht so viele Gefühle zeigen, das hat einfach keinen Stil.
  • Ich komme mit Wut zurecht, aber nicht mit Traurigkeit.
  • Ich komme mit Traurigkeit zurecht, aber nicht mit Wut.
  • Gerne Freude und Euphorie - aber alle anderen Gefühle bedeuten, dass mit einem etwas nicht stimmt.

Haben Sie sich in einer oder zwei dieser Aussagen wiedergefunden? Vielleicht sogar in mehreren? Dann ist es wahrscheinlich, dass Sie Gefühle, die Sie als unangenehm bewerten, im Alltag immer wieder blockieren, weil Sie sich ein wenig vor ihnen fürchten. Oder weil Sie "Gefühlsduselei" mit Schwäche assoziieren und überflüssig finden.

Diese Haltung ist ansatzweise bei vielen Menschen vorhanden - wenn sie aber zu stark wird, kann es passieren, dass sie unerwünschte Nebenwirkungen hat. Denn indem man Gefühle unterdrückt, abwehrt oder abwertet, werden diese oft letztlich stärker. Falls Sie bei sich solche Negativspiralen bemerken, kann es helfen, Ihre Einstellung generell etwas zu modifizieren. Dazu kann es hilfreich sein, sich an Lebensphasen zu erinnern, in denen Sie ein wenig offener für Gefühle waren. Dazu kann die folgende Übung beitragen:

Erinnerung, bitte.

  • Haben Sie einmal ein Vorhaben umgesetzt, obwohl Sie Angst hatten? Sich auf eine Reise oder in ein Abenteuer begeben, obwohl Sie sich fürchteten?
  • Haben Sie in einer Krisenphase Wut oder Traurigkeit durchlebt - und diese anderen auch gezeigt?
  • Haben Sie ganz gegen Ihre Gewohnheit geweint, getobt oder sich jemandem in Ihrer Schwäche anvertraut?

Fast jeder Mensch erlebt gelegentlich Lebensphasen oder Krisen, in denen kaum ein anderer Weg bleibt, als Gefühle zuzulassen, sich mit Ängsten oder Traurigkeit zu konfrontieren und auch andere davon wissen zu lassen. Oft werden diese Phasen im Nachhinein als Gewinn gesehen. Viele Menschen erleben auch, dass sie aus einer solchen emotionalen Krise gestärkt und klarer hervorgegangen sind.

Erinnern Sie sich in dieser Woche in einer ruhigen Minute an eine solche Phase oder ein solches Erlebnis. Schreiben Sie ein paar konkrete Erinnerungen an diese Zeit auf, wenn Sie möchten. Welche Ihrer üblichen Einstellungen zu Emotionen haben Sie damals überwunden oder fallengelassen? Was könnten Sie von diesen Erkenntnissen in den Alltag mitnehmen?

Reflektieren Sie im Laufe der Woche gelegentlich, wie es Ihnen mit Ihren Gefühlen geht und ob sich Ihre Haltung etwas lockert. Wenn Sie Lust haben: Schauen Sie sich den Film "Alles steht Kopf" an. Die Geschichte über die Macht der Gefühle ist zwar vor allem für Kinder gedacht, gibt aber auf unterhaltsame Weise eine Menge Einblick in gängige Gefühlsmechanismen.

Zu jeder Ausgabe bietet SPIEGEL WISSEN ein praktisches, leicht im Alltag umsetzbares Online-Coaching passend zu seinem jeweiligen Heftthema an.

Jedes Coaching dauert acht Wochen. Während dieser Zeit erhalten Sie immer freitags per E-Mail eine Übungseinheit, die Ihnen helfen kann, Ihr Leben besser zu gestalten. Hier den Newsletter bestellen:

Anmerkung für Gefühlsprofis: Falls Sie bei den Übungen dieser Woche den Eindruck hatten, dass diese für Sie kein Problem darstellen, weil sie einen guten Zugang zu Ihren Gefühlen haben, dann freuen Sie sich und lehnen Sie sich zurück. Es wird andere Wocheneinheiten geben, die Sie mehr fordern!

Wichtig ist zu wissen, dass es auch beim Gefühlshaushalt ein Zuviel gibt: Psychotherapeuten erleben immer wieder Klienten, die sich in jedes Gefühl hineinstürzen und Emotionen als Lebenselixier missbrauchen. Das ist ein recht komplexer Mechanismus. Ob Sie zu dieser Art des "Überdrehens" neigen, können Sie feststellen, indem Sie sich folgende Fragen ehrlich beantworten:

  • Finde ich Tage, an denen ich keine überwältigenden Gefühle erlebe, langweilig oder sinnlos?
  • Und: Fühle ich mich erst wirklich lebendig, wenn ich starke Gefühle von Freude, Traurigkeit oder Verärgerung spüre?

Falls Sie merken, dass Sie dazu tendieren, probieren Sie in dieser Woche an zwei Tagen aus, nicht ganz in die emotionalen Vollen zu gehen - und prüfen Sie, wie sich das anfühlt.


SPIEGEL WISSEN 3/2018: Bei Meine-Zeitschrift.de bestellen
SPIEGEL WISSEN 3/2018: Bei Amazon bestellen
SPIEGEL WISSEN im Abo

Mehr zum Thema
Newsletter
SPIEGEL-WISSEN-Coaching


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.