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29. Dezember 2012, 07:21 Uhr

Glückssuche

"Wettbewerb kann nur ein Teil des Lebens sein"

Geld macht nicht glücklich - oder? Die meisten Menschen suchen Glück noch immer in materiellen Dingen, sagt Daniel Cohen. Im Interview erklärt der französische Wirtschaftsprofessor, warum das nicht funktioniert und wo Glück wirklich zu finden ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden wir glücklich, Herr Cohen?

Cohen: Viele Jahre lang dachten Wissenschaftler, dass Wohlstand glücklich macht. Wir glaubten vor allem, dass Menschen umso glücklicher werden, je reicher sie werden. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Wir leben viel luxuriöser als vor 50 Jahren, fühlen uns aber nicht besser. Irgendetwas in unserer Lebenseinstellung ist also grundsätzlich falsch - wenn es darum gehen soll, unser Glück zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Dass Geld nicht glücklich macht, ist doch allgemein bekannt.

Cohen: Erstaunlicherweise sind Menschen jedoch nicht in der Lage, diesen Zusammenhang wirklich zu begreifen. Nehmen wir zum Beispiel einen Freund, dessen Gehalt verdoppelt werden soll. Wenn ich ihm erkläre, dass ihn das langfristig nicht glücklicher machen wird, kann er das nicht nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cohen: Weil wir Menschen uns nicht in einer veränderten Zukunft vorstellen können. Es fällt uns schwer genug, unser Selbst im Hier und Jetzt zu definieren. Wie wir uns in einer anderen Lebenssituation fühlen und verhalten werden, können wir uns nicht ausmalen. Daher suchen wir unser Glück weiter in materiellen Dingen - auch wenn wir es theoretisch besser wissen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass uns Reichtum nicht glücklich macht?

Cohen: Wir Menschen sind außerordentlich anpassungsfähig. Wir gewöhnen uns sehr schnell an neue Lebensumstände, zum Beispiel auch an eine Verdopplung des Gehalts. Zunächst freuen wir uns vielleicht, dass wir uns künftig zwei Wochen mehr Urlaub im Jahr leisten können. Doch schon nach ein paar Monaten erscheint uns diese Veränderung als nichts Besonderes mehr.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Gründe?

Cohen: Wir vergleichen uns stets mit anderen. Wir wollen immer mehr haben als unsere Freunde, Nachbarn und Kollegen. Mehr Ansehen, mehr Erfolg, mehr Geld. Hektisch konkurrieren alle Menschen miteinander, in allen Bereichen des Lebens. Es ist eine Katastrophe!

SPIEGEL ONLINE: An welche Bereiche denken Sie zum Beispiel?

Cohen: Zum Beispiel bei der Partnerwahl. Früher war eine Ehe für die Lebenszeit bestimmt. Im Gegensatz zu heute gab es eine moralische Hürde zu überwinden, bevor man sich trennte. Damit will ich nicht sagen, dass man mit einer Person verheiratet bleiben soll, die man nicht mehr liebt. Doch heute ist der Trauschein mit einem anderen Menschen nur so lange gültig, bis man jemanden Besseres findet. Der Wettbewerb hält stetig an.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern?

Cohen: Wir müssen uns klar machen, dass der Wettbewerb nur ein Teil unseres Lebens sein kann. Schon Charles Darwin betrachtete die Empathie als eine große Eigenschaft des Menschen. Unser Naturell gibt es also vor, aufeinander einzugehen und miteinander zu kooperieren. Das heißt nicht, dass wir uns von nun an ständig in den Armen liegen müssen. Wir können uns dennoch über einen Kollegen ärgern, der die Karriereleiter schneller emporsteigt als wir. Gleichzeitig kann uns aber ein Bettler zu Tränen rühren. Wir haben beide Seiten in uns, den kooperierenden und den wettbewerbsorientierten Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie helfen uns diese Einsichten, glücklich zu werden?

Cohen: In unserer Gesellschaft sollte es wieder Bereiche geben, in denen der Wettbewerb keine Rolle spielt. In denen sich Menschen gegenseitig unterstützen anstatt miteinander zu konkurrieren. Daran sollten wir arbeiten. Auch sollten wir aufpassen, mit wem wir uns vergleichen. So haben Studien gezeigt, dass Gewinner einer Silbermedaille im Sport unglücklicher sind als jene der Bronzemedaille. Die einen nämlich denken an die verpasste Goldmedaille, die anderen freuen sich, dass sie überhaupt eine Medaille gewonnen haben - und sehen alle anderen Sportler, die leer ausgegangen sind. Es wird immer Menschen geben, die reicher, erfolgreicher und schöner sind als wir. Wenn wir uns nur an ihnen orientieren, werden wir stets unzufrieden sein.

Das Interview führte Astrid Viciano

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