Glückssuche: "Wettbewerb kann nur ein Teil des Lebens sein"

Geld macht nicht glücklich - oder? Die meisten Menschen suchen Glück noch immer in materiellen Dingen, sagt Daniel Cohen. Im Interview erklärt der französische Wirtschaftsprofessor, warum das nicht funktioniert und wo Glück wirklich zu finden ist.

Glück: "Wir leben viel luxuriöser als vor 50 Jahren, fühlen uns aber nicht besser." Zur Großansicht
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Glück: "Wir leben viel luxuriöser als vor 50 Jahren, fühlen uns aber nicht besser."

SPIEGEL ONLINE: Wie werden wir glücklich, Herr Cohen?

Cohen: Viele Jahre lang dachten Wissenschaftler, dass Wohlstand glücklich macht. Wir glaubten vor allem, dass Menschen umso glücklicher werden, je reicher sie werden. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Wir leben viel luxuriöser als vor 50 Jahren, fühlen uns aber nicht besser. Irgendetwas in unserer Lebenseinstellung ist also grundsätzlich falsch - wenn es darum gehen soll, unser Glück zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Dass Geld nicht glücklich macht, ist doch allgemein bekannt.

Cohen: Erstaunlicherweise sind Menschen jedoch nicht in der Lage, diesen Zusammenhang wirklich zu begreifen. Nehmen wir zum Beispiel einen Freund, dessen Gehalt verdoppelt werden soll. Wenn ich ihm erkläre, dass ihn das langfristig nicht glücklicher machen wird, kann er das nicht nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cohen: Weil wir Menschen uns nicht in einer veränderten Zukunft vorstellen können. Es fällt uns schwer genug, unser Selbst im Hier und Jetzt zu definieren. Wie wir uns in einer anderen Lebenssituation fühlen und verhalten werden, können wir uns nicht ausmalen. Daher suchen wir unser Glück weiter in materiellen Dingen - auch wenn wir es theoretisch besser wissen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass uns Reichtum nicht glücklich macht?

Cohen: Wir Menschen sind außerordentlich anpassungsfähig. Wir gewöhnen uns sehr schnell an neue Lebensumstände, zum Beispiel auch an eine Verdopplung des Gehalts. Zunächst freuen wir uns vielleicht, dass wir uns künftig zwei Wochen mehr Urlaub im Jahr leisten können. Doch schon nach ein paar Monaten erscheint uns diese Veränderung als nichts Besonderes mehr.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Gründe?

Cohen: Wir vergleichen uns stets mit anderen. Wir wollen immer mehr haben als unsere Freunde, Nachbarn und Kollegen. Mehr Ansehen, mehr Erfolg, mehr Geld. Hektisch konkurrieren alle Menschen miteinander, in allen Bereichen des Lebens. Es ist eine Katastrophe!

SPIEGEL ONLINE: An welche Bereiche denken Sie zum Beispiel?

Cohen: Zum Beispiel bei der Partnerwahl. Früher war eine Ehe für die Lebenszeit bestimmt. Im Gegensatz zu heute gab es eine moralische Hürde zu überwinden, bevor man sich trennte. Damit will ich nicht sagen, dass man mit einer Person verheiratet bleiben soll, die man nicht mehr liebt. Doch heute ist der Trauschein mit einem anderen Menschen nur so lange gültig, bis man jemanden Besseres findet. Der Wettbewerb hält stetig an.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern?

Cohen: Wir müssen uns klar machen, dass der Wettbewerb nur ein Teil unseres Lebens sein kann. Schon Charles Darwin betrachtete die Empathie als eine große Eigenschaft des Menschen. Unser Naturell gibt es also vor, aufeinander einzugehen und miteinander zu kooperieren. Das heißt nicht, dass wir uns von nun an ständig in den Armen liegen müssen. Wir können uns dennoch über einen Kollegen ärgern, der die Karriereleiter schneller emporsteigt als wir. Gleichzeitig kann uns aber ein Bettler zu Tränen rühren. Wir haben beide Seiten in uns, den kooperierenden und den wettbewerbsorientierten Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie helfen uns diese Einsichten, glücklich zu werden?

Cohen: In unserer Gesellschaft sollte es wieder Bereiche geben, in denen der Wettbewerb keine Rolle spielt. In denen sich Menschen gegenseitig unterstützen anstatt miteinander zu konkurrieren. Daran sollten wir arbeiten. Auch sollten wir aufpassen, mit wem wir uns vergleichen. So haben Studien gezeigt, dass Gewinner einer Silbermedaille im Sport unglücklicher sind als jene der Bronzemedaille. Die einen nämlich denken an die verpasste Goldmedaille, die anderen freuen sich, dass sie überhaupt eine Medaille gewonnen haben - und sehen alle anderen Sportler, die leer ausgegangen sind. Es wird immer Menschen geben, die reicher, erfolgreicher und schöner sind als wir. Wenn wir uns nur an ihnen orientieren, werden wir stets unzufrieden sein.

Das Interview führte Astrid Viciano

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insgesamt 70 Beiträge
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1. Kein Geld macht also nicht unglücklich!
saxer 29.12.2012
Das ist gut zu wissen! Ich dachte bisher, der finanzielle Druck Richtung Monatsende hin würde die Tendenz zum glücklich sein zumindest etwas dämpfen. Mein Fehler, scheinbar. Es stellt sich nie wirklich die Frage, ob Besitz und Geld glücklich machen können. Wir sollten darauf achten, wann solche Glücksbekenntnisse zur Augenwischerei werden: viele Menschen sind nicht nicht glücklich, weil sie kein Geld, sondern generell zu wenig Geld haben, um eben nicht im Konsum zu schwelgen, sondern um sich und die Familie gut über den Monat zu bringen. Und dann gilt doch: kein Geld kann unglücklich machen, solange der Bauch leer ist. Hat wohl jemand geschrieben, dessen Bauch gerade voll war. Davon ab: diese schwarz-weiß-Analyse ist über-oberflächlich.
2. Schlussfolgerungn?!
der-denker 29.12.2012
Wie wahr, aber zuletzt wird das wohl in der Politik ankommen, die sich meist durch besondere Engstirnigkeit in Verbindung mit Selbstüberschätzung auszeichnet. Ein mit geradezu religiöser Inbrunst verteidigter Grundsatz ist es ja die unbegrenzte Bereicherung zu schützen. So als ob sich primär darin das Lebensglück verwirklicht. Und der Konkurrenzkampf, nicht die Kooperation, als Treibmittel allen "Fortschritts". Von der Wiege bis zur Bahre. Eine Katastrophe, in der Tat. Dieser Irrglaube ist vor allem deshalb so erfolgreich weil er das Narrativ ist das die bestehenden Besitz- und Machtverhältnisse legitimiert. Und von Heesrcharen von Helfern verteidigt wird. Wes Brot ich ess... Was bei der Diskussion "macht Geld glücklich?" oft ausgespart bleibt, ist die Tatsache dass ein Mindesteinkommen durchaus massiven Einfluss hat, und jede Veränderung an dieser Untergrenze dramatische Auswirkung. Es gibt ja sogar Zyniker die sagen dass 10 Euro mehr Grundsicherung keine Rolle spielen, weil die eh nicht glücklich machen. Aber erst oberhalb dieser Schwelle, im 6stelligen Vermögens-Bereich flacht dann die Kurve komplett ab. Die simple ethische Schlussfolgerung wäre dass diejenigen die schon viel haben viel weniger geschützt werden müssen als die die wenig haben. In der Praxis, auch unserer Vorzeige-Christen in der Politik, ist es genau umgekehrt.
3. Geld alleine macht nicht glücklich...
clausde 29.12.2012
...man braucht auch Aktien, Gold und Immobilien. ;) Es ist immer wieder nett wenn "Glücksforscher" versuchen den Menschen zu erklären wie unwichtig Geld wäre. Das es aber Menschen gibt die vor Geldsorgen und Zukunftsängsten kaum schlafen können, in der Folge gesundheitlich angeschlagen sind und sich dann erst Recht in der Abwärtsspirale befinden, wird geflussentlich ausgeblendet. Mir geht es gut und ich kenne die Werte des Lebens. Aber nur weil diese nicht von den Sorgen die viele Andere haben überblendet werden. Gute Ratschläge helfen diesen Menschen nicht.
4.
pinsel66 29.12.2012
In Marmor meisseln und aushängen!
5. ein...
grenoble 29.12.2012
Wirtschaftsprofessor, erklärt die Welt, schlimm wenn Professoren solch eingeschränktes und simples Weltbild haben, Zusammenhänge nicht erkennen und auf albernste Art ihre kruden Schlußfolgerungen zum Besten geben. Schlimm auch, dass die Artikelschreiberin über einen ähnlich engen Horizont verfügt und dem "Prof." diesen Raum gibt.
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Zur Person
Daniel Cohen, 59, ist Vizepräsident der Paris School of Economics, Professor an der Universität Sorbonne und an der École normale supérieure. Im Herbst 2012 hat er ein Buch über die Suche nach dem Glück veröffentlicht. Es wurde im Krisenland Frankreich zum Bestseller.

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