Seltene psychische Störung DIS Das gespaltene Ich

Mal kleines Kind, mal wütender Teenager, mal seriöse Geschäftsfrau: Bei der Dissoziativen Identitätsstörung springen Betroffene ohne Kontrolle zwischen Teilen ihrer Persönlichkeit. Ein Teil der möglichen Therapie: Eiswürfel und Tabasco.

Identitätsstörung: Wer bin ich?
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Identitätsstörung: Wer bin ich?


Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Hitchcocks Klassiker "Psycho" oder der Hollywoodstreifen "Fight Club": Die Geschichte von der gespaltenen Persönlichkeit greifen viele Bücher und Filme auf. Sie beschreiben Menschen, die mehrere Personen in sich zu tragen scheinen, in Bruchteilen von Sekunden jemand anderes sind - ohne dass sie dies kontrollieren könnten.

Tatsächlich basieren die Geschichten auf einer echten psychiatrischen Diagnose. Mit der Realität hat ihre Darstellung jedoch nicht viel gemeinsam. Die Dissoziative Identitätsstörung, einst Multiple Persönlichkeitsstörung, ist nicht annähernd so spektakulär wie Hollywood uns glauben lässt. Es ist jedoch eine schwere psychische Erkrankung, ausgelöst durch massive und lange Jahre andauernde Gewalt.

Was passiert genau im Kopf der Betroffenen?

Fakt ist: Dissoziation ist ein Alltagsphänomen, alle Menschen dissoziieren hin und wieder. Wenn jemand etwa mit allen Sinnen in ein Buch vertieft ist und nichts um sich herum mitbekommt, dann ist das schon Dissoziation; Tagträume oder Trancezustände wie bei intensiver Meditation ebenfalls. Das Bewusstsein, das Gedächtnis oder auch bestimmte Gefühle oder Sinneswahrnehmungen sind dann auf Stand-by. Gedächtnislücken entstehen, Schmerz wird nicht empfunden, emotionale Regungen bleiben aus. Als wäre jemand zwar körperlich anwesend, aber geistig nicht da.

Es ist eine Typfrage, ob man mehr oder weniger zum Abdriften neigt. Manche entrücken eher als andere. Aber vor allem in enormen Stressmomenten neigen wir dazu, zu dissoziieren. Mancher berichtet in dem Augenblick, als er die Kündigung erhielt, völlig neben sich gestanden zu haben, andere wissen nach einem heftigen Streit mit dem Partner nicht mehr, was sie eigentlich gesagt haben oder Ersthelfer in einem Verkehrsunfall haben später keine Ahnung, wie sie dort konkret gehandelt haben. Der Körper trennt Denken, Fühlen und Wahrnehmen voneinander, schaltet Sinneskanäle ab, funktioniert nur noch.

Das Abdriften an sich ist nicht krankhaft

In traumatischen Situationen soll dieser Mechanismus schützen, sagt Psychiater Harald Freyberger, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald im Klinikum der Hansestadt Stralsund: "Wenn etwa eine Frau vergewaltigt wird, dann überfluten sie die äußeren und inneren Eindrücke. Sie spürt den brutalen Schmerz, sie riecht den Täter, zugleich kommen mehrere Gefühle hoch wie Ekel, Scham, Angst, Wut. Am Anfang wehrt sie sich noch, doch dann fährt der Körper herunter. Fühlen, schmecken, riechen, Bewegung: alles betäubt. Damit die Frau all diese Eindrücke nicht bewusst ertragen muss." Auch Menschen, die sich selbst verletzen, mit Essstörungen oder mit ausgeprägter Angsterkrankung kennen diese Abspaltung des Bewusstseins gut.

Krankhaft ist das Abdriften selbst nicht. Experten sprechen erst von einer Dissoziativen Störung, wenn

  • der Schutzmechanismus auch in Momenten wiederkehrt, die nicht bedrohlich sind,
  • die Betroffenen die Abspaltung nicht stoppen oder kontrollieren können,
  • die Aussetzer ihren Alltag erschweren oder gar ihr Leben aus den Fugen heben.

Unter Psychiatriepatienten sind Dissoziative Störungen häufig, teilweise jeder Zehnte dissoziiert im krankhaften Ausmaß.

Die schwerste Form ist die Dissoziative Identitätsstörung, kurz: DIS. Alle Betroffenen haben schwere psychische Pein erlitten, wurden viele Jahre lang immer wieder sexuell missbraucht, verprügelt, gefangen gehalten oder gefoltert.

Jahrelang wurde DIS in Fachkreisen jedoch für hollywoodesk gehalten und daher nicht unter Traumatisierten danach Ausschau gehalten. "Noch immer übersehen Psychiater und Psychotherapeuten die Störung", sagt Gustav Wirtz, Traumatherapeut und Leitender Arzt der SRH Rehabilitation für psychisch Kranke in Karlsbad.

Anders als auf der Leinwand springen die Betroffenen nicht offenkundig zwischen eigenständigen Persönlichkeiten hin und her, sondern schwanken zwischen unterschiedlichen Anteilen ihrer Identität.

Vergessener Teil der Persönlichkeit wird geweckt

Das könne man sich vorstellen wie auf einem Klassentreffen, erklärt Wirtz: "Dort sind Menschen, die man lange Zeit nicht gesehen hat und die einen zum Beispiel unerwartet bei einem Spitznamen nennen, den man ewig nicht gehört hat." Dadurch kämen urplötzlich Erinnerungen hoch, Gefühle aus der Zeit. "Nicht wenige beginnen dann sogar auf eine Art zu sprechen und zu gestikulieren wie einst zu Schulzeiten."

Ein anderer Teil unserer Persönlichkeit, ein vielleicht schon lange vergessener, werde plötzlich wieder belebt. Bei Menschen mit DIS sei das ähnlich, nur viel drastischer und belastender. Sie könnten nicht kontrollieren, wann welcher Anteil überwiegt, erlebten dann oft die Traumasituation erneut, wüssten nach einem Wechsel häufig nicht, was sie in der Zeit getan hätten.

Eine Patientin von Wirtz habe berichtet, sie sei an einem Nachmittag zum Frisör gegangen. Wie der Besuch ablief und wie sie nach Hause gekommen ist, weiß sie nicht. Beim Frisör, so seine Annahme, war sie in einem anderen Bewusstseinszustand, ein anderer Teil ihres Selbst war aktiv. Auch Freyberger hat solche Patienten schon erlebt - sogar den Sprung zwischen den Ich-Anteilen. Eine junge Frau, die bei ihm wegen einer DIS in Behandlung war, habe während der Sitzungen mal im Status einer 13-Jährigen mit ihm gesprochen, mal als junges Kind, dann wieder als erwachsene Frau - je nachdem, welche Erinnerung in ihr angeregt wurde.

Zwischen ihrem 4. und 20. Lebensjahr lebte Freybergers Patientin in einer satanischen Sekte, wurde dort vergewaltigt und misshandelt. In einer Zeremonie töteten Sektenanhänger ein Kind, das aus den sexuellen Übergriffen hervorgegangen war. Die Geschichten anderer Patienten sind meist ähnlich erschütternd. Verständlich, dass die Psyche ebenso drastisch reagiert.

Betroffene erhalten meist eine typische Traumatherapie, in der sie ihre belastenden Erlebnisse aufarbeiten. Zusätzlich lernen sie, mit der Dissoziation umzugehen: Dazu finden sie zuerst heraus, in welchen Situationen sich ihr Bewusstsein am ehesten abspaltet, um diesen Momenten vorzubeugen, und wenn eine Dissoziation einsetzt, diese aufzuhalten oder zu beenden. Dabei hilft unter anderem eine simple Methode: starke Reize. Ein Geruch, Geschmack oder Gefühl auf der Haut, das die Sinne stark anregt, kann aus dem Neben-sich-stehen zurückholen - wie etwa Eiswürfel in den Mund nehmen, intensiv an Tigerbalsam riechen oder einen Teelöffel Tabasco schlürfen.

Andere Dissoziative Störungen
Dissoziative Amnesie: Die Betroffenen vergessen traumatische Momente komplett. Oftmals kehrt die Erinnerung nach langer Zeit oder nie zurück.
  • Dissoziative Fugue: Diejenigen gehen von heut auf morgen von zu Hause weg, reisen in eine andere Stadt, erleben sich als andere Person. Mitunter kommen sie dann plötzlich zu sich - und sind orientierungslos über ihre Identität und den Ort, an dem sie sind.
  • Depersonalisiationsstörung: Die Betroffenen haben ständig das Gefühl, nicht Teil ihres Körpers zu sein, sondern diesem beim Handeln und Denken nur als Außenstehender zuzusehen.
Häufigkeit: Schätzungen zufolge erkranken zwei bis vier Prozent der Allgemeinbevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer schweren dissoziativen Störung.
Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.



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