Druck zur Selbstoptimierung Macht unser Lebensstil krank?

Besser, schöner, leistungsfähiger - der Druck zur Selbstoptimierung bereitet Psychiatern zunehmend Sorgen. Wie gut Menschen mit Stress zurechtkommen, ist jedoch auch eine Frage der persönlichen Verfassung.

Das ständige Einprasseln der Informationen
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Das ständige Einprasseln der Informationen


Termin folgt auf Termin. Immer die Deadlines im Nacken. An die privaten Pflichten erinnert zwischendurch das Piepen des Handys: Kurznachrichten, E-Mails, soziale Netzwerke. Dort protzen Bekannte mit Reisen oder absolvierten Marathonläufen um die Wette. Bei den Models in der Werbung kneift kein Hosenbund. So jagt ein Reiz den nächsten.

Dass das heutige Leben kaum noch Pausen kennt, kann an der seelischen Gesundheit nagen, fürchten Psychiatrie-Experten. Sie fordern eine bessere Erforschung der modernen Lebensumstände als Risikofaktor für Krankheiten.

"Alle sind leistungsfähig, schön und jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen im Verhalten der Menschen", sagte Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). "Ich würde nicht sagen, Lifestyle macht Erkrankungen. Aber Lifestyle bewirkt Verhaltensveränderungen und emotionale Veränderungen, die gegebenenfalls Risikofaktoren für eine Erkrankung werden können."

"Was zunimmt, sind Befindlichkeitsstörungen"

In Zahlen lässt sich die Befürchtung bisher nur bedingt festmachen. Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen haben laut Hauth in den vergangenen rund 15 Jahren nicht zugenommen. "Was zunimmt, sind Befindlichkeitsstörungen unter der Schwelle einer echten psychiatrischen Diagnose."

Als Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weissensee erlebe sie, dass zum Beispiel zunehmend junge Menschen mit Prüfungs- oder Partnerschaftsstress in der Notaufnahme Hilfe suchen.

Hauth zählt weitere Phänomene auf, die für sie ins Bild passen: Da sind Eltern, die ihr zappliges Kind mit Tabletten optimal durch die Schulzeit bringen wollen. Menschen, die sich fragen, ob ihre Aufenthaltsdauer im Internet noch normal ist. Frauen, die nicht mehr nur Diäten ausprobieren, sondern sich dauerhaft mit ihrem Aussehen beschäftigten und sogenannte Körperbildstörungen entwickeln.

Und dann sind da noch die bis zu fünf Prozent der Berufstätigen, die mit Medikamenten Hirndoping betreiben, wie Claus Normann von der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Freiburg sagt. Tendenz steigend. "Unter Studierenden dürften die Zahlen noch höher liegen."

Jeder kann auch selbst etwas tun

Besteht Grund zur Sorge um die Gesellschaft? Jein. Wie gut Menschen mit Stress zurechtkommen, ist auch eine Frage der persönlichen Verfassung. Dem Druck der Selbstoptimierung setzten sich vor allem Menschen aus, denen es an Selbstwertgefühl mangele, sagt Hauth. "Wenn ich dagegen genügend Selbstwertgefühl habe - was mit der eigenen Persönlichkeit, Vererbtem, aber auch Erfahrungen der ersten 15 bis 20 Lebensjahre zu tun hat - dann ist das ein wesentlicher Resilienzfaktor."

Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, mit Widrigkeiten und Tiefschlägen umzugehen - und gesund zu bleiben.

Jeder kann auch selbst etwas tun. Hauth ruft zu mehr Muße auf: "Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns unglaublich hilfreich." Man müsse nicht alles machen, was der Markt biete. Ihre Patienten bringt sie dazu, sich die gelungenen Dinge des Tages vor Augen zu führen statt die Defizite. Und sie appelliert, soziale Kontakte zu pflegen: Einzelgänger, die sich isoliert fühlen, trügen ein besonders hohes Risiko für psychische Erkrankungen und seien angreifbarer als Menschen in gesunden Beziehungen.

Zumindest im englischsprachigen Raum wird derzeit Entschleunigung nach dänischem Vorbild propagiert, wie der "Guardian" kürzlich berichtete. Denn in Dänemark leben die nach Umfragen glücklichsten Menschen. Als Schlüssel gilt "Hygge", was so etwas wie Gemütlichkeit bedeutet. Das Nachmachen ist gerade zu dieser Jahreszeit ziemlich einfach: eine Kerze anzünden, Handy ausschalten, heißen Kakao trinken, zurücklehnen und dem schnellen Leben für ein Weilchen entsagen.

Von Gisela Gross, dpa/irb



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Räuber Hotzenplotz 24.11.2016
1. Jeder ist seines Glückes Schmied...
"Dass das heutige Leben kaum noch Pausen kennt..." ist der falsche Ansatz, heißt nämlich, daß das Leben einen fremdsteuert. Wer das zuläßt, hat wirklich selber Schuld. Man kann immer "aussteigen" und genußvoll, aber bescheiden leben...weniger ist mehr. Dazu muß man allerdings von so einigem teuren und wenig lebensnotwendigem Konsumschnickschnack abschwören und wohl auch das Downtown-Loft gegen eine kleine Kate auf dem Land tauschen...viele haben das schon gemacht, und auf die Frage, was der größte Fehler daran gewesen sei, hört man allzu oft, daß man es nicht schon viel früher gemacht habe. Geht alles, aber man muß auch bereit sein, fast alles zu verändern...
allessuper 24.11.2016
2. auch das eine deutsche Spezialität..
sich zu vergleichen. Die, die was haben, denken, die anderen würden sie beneiden und jeder setzt einen drauf. Tja, nur zu mit dem Optimieren. Was ich sehe sind komplett uniformiert angezogene Jugendliche, die so individuell sein wollen und sich bis zur Ver(wechslung) gleichen.
quark2@mailinator.com 24.11.2016
3.
Land gegen Land, Firma gegen Firma, Mitarbeiter gegen Mitarbeiter ... das Fatale ist - einer muß immer verlieren. Ein Unentschieden ist oft gar nicht drin (z.B. bei einer Beförderung). Natürlich ist dieses ständige kämpfen müssen eine Belastung, denn man kämpft ja gegen i.e. gleich starke Opponenten. Was diese Wirtschaftssystem so leistungsfähig macht, mal seine Objekte halt fertig. Genau das ist ja das Ziel der Optimierung - maximaler Output für minimales Geld. Das bekommt man oft am besten bei konstanter Existenzangst.
what.be.must.must.be 24.11.2016
4. ... einsame Insel :
um zu erkennen, ob man etwas wirklich nur für sich tut reicht es, eine Frage zu beantworten : würde ich das alleine auf einer einsamen Insel auch machen ?
unaufgeregter 24.11.2016
5. Selbtwertgefühl
Es ist in der Tat eine Frage des Selbstwertgefühls. Das war bei mir mit Ende 20/Anfang 30 auch noch nicht so ausgeprägt wie heute mit 50. Also schön auf der sog. Karriereleiter nach oben und "oben" festgestellt, dass ich absolut keine Lust habe, diesen Job bis zum Ende meines Berufslebens auszuüben (Stress ohne Ende, ständige Erreichbarkeit, anstrengendes Personal). Also wieder heruntersteigen.... Vorgesetzte und Mitarbeiter haben nicht schlecht gestaunt. Aber es hat geklappt und ich fühle mich heute (wieder) sehr gut. Wir meinen immer die Besten und die Klügsten sein zu müssen, aber letzlich tut uns diese Hybris nicht gut. Mittlerweile arbeite ich in Teilzeit und verlasse mein Büro mittags. Ich weiß, dass mir viele Kollegen neidisch hinterher schauen. Angeblich können sie sich eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht leisten. Vielleicht sollten sie mal ihr Ansprüch (mindestens 2 Fernreisen pro Jahr, ein riesiges Haus nebst Garten, immer einen schicken neuen Oberklassewagen usw.) hinterfragen, denn das Wertvollste was wir Menschen besitzen, ist unsere Lebenszeit und die würde ich heute nicht mehr für so einen Trödel opfern. Aber oftmals frisst leider die Gier das Gehirn und die Erkenntnis, dass man zu viel gearbeitet hat, kommt oft erst auf dem Sterbebett.
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