Umstrittenes Psychologie-Werk Katalog der Störungen

Burnout ist keine Krankheit, viele Essstörungen sind es dagegen schon. So lautet jedenfalls die Definition des Handbuchs für psychische Störungen. Das Standardwerk beeinflusst, wer hierzulande als krank gilt - und welche Therapie die Kasse zahlt. Ein Überblick.

Antidepressiva: Produziert das überarbeitete Handbuch mehr Psycho-Patienten?
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Antidepressiva: Produziert das überarbeitete Handbuch mehr Psycho-Patienten?


Von ADHS bis Zwangsstörung: Der Katalog für psychische Störungen, das DSM ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders"), wird derzeit von Hunderten Experten aus aller Welt auf den neuesten Forschungsstand gebracht. Neue Diagnosen kommen hinzu, andere werden gestrichen, Formulierungen verändert.

Ärzte und Psychologen rechnen hierzulande mit dem ICD-10 ab, dem Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation WHO. Was im DSM-5 steht, beeinflusst jedoch maßgeblich, welche Störungen der WHO-Katalog als krank einstuft - und damit auch, für welche Krankheiten die Krankenkassen eine Therapie zahlen. Das Buch ist umstritten. Manche Experten fürchten einen Anstieg der Diagnosen.

Doch was wird sich nun vermutlich ändern? Welche Diagnosen fallen weg, wo wurde geschliffen und welche neuen Störungen ziehen in das Standardwerk ein? SPIEGEL ONLINE gibt eine Zusammenfassung der wichtigsten Neuerungen.

Strengere ADHS-Diagnose

Als der Vorgänger DSM-4 1994 erstmals die kindliche Aufmerksamkeitsstörung ADHS auflistete, löste das eine Epidemie aus. "Häufig haben allerdings Kinder den Stempel 'ADHS' erhalten, die sich schlicht zu wenig bewegt haben. Jeden Tag mit Auto zur Schule gefahren werden, dann dort mehrere Stunden still sitzen und nachmittags zu Hause vor dem Fernseher: Logisch platzt irgendwann der natürliche Bewegungsdrang heraus", sagt der Psychologe Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden. Genauere Beispiele, welche Verhaltensweisen etwa unter das Kritierium "Aufmerksamkeitsmangel" zu zählen sind und exaktere Formulierungen im DSM-5 sollen die Flut von voreiligen Diagnosen eindämmen.

Burnout ist weiterhin keine Krankheit

Auch die Modediagnose Burnout wird nicht in dem Handbuch auftauchen. Denn: "Diese Diagnose ist ein rein deutsches Phänomen", sagt Wittchen. Burnout sei in der Regel schlichtweg eine Variante der Depression. Doch dieser Begriff sei hierzulande verknüpft mit dem Bild eines willensschwachen, passiven Menschen. "Burnout hingegen verbinden wir mit jemandem, der sich überanstrengt hat, der zu viel geleistet hat und deswegen krank wird. Das klingt nicht so stigmatisierend."

Die wichtigsten Fakten zum DSM-5
Chronik
Seit den achtziger Jahren enthält das DSM verbindliche Listen mit Merkmalen, die vorhanden sein müssen, damit überhaupt eine psychische Störung in die Patientenakte eingetragen werden darf. 1999 begann die Planung für die fünfte Auflage des Psychiater-Handbuches. Zeit wird es, denn die aktuelle Version, das DSM-4, war bereits 1994 erschienen. Es beruht also auch auf dem Forschungsstand der achtziger Jahre.
Wie das DSM-5 entsteht
Das DSM-5 soll im Mai 2013 erscheinen. Rund 500 Psychiater und Psychologen arbeiten daran mit. Auf internationalen Konferenzen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und anderen Gesundheitsverbänden wurde der Weg für die Neuauflage geebnet.

Änderungswünsche und Verbesserungsvorschläge von Ärzten und Therapeuten, die tagtäglich mit dem Handbuch arbeiten, sowie von Patienten gaben konkrete Impulse, was es zu ändern gilt. Die Basis für die Überarbeitung sind jedoch Tausende von Studien und umfangreiche Forschungsprojekte, die aufzeigen, wo es bisher im Behandlungsalltag Probleme mit den alten Merkmallisten gibt.

Wenn Änderungen angestrebt werden, wurde außerdem in umfassenden Untersuchungen geprüft, wie diese sich für Patienten und Therapeuten auswirken könnten. 13 Expertenteams mit Vertretern aller Kontinente überprüfen nun seit fünf Jahren den Katalog Wort für Wort. Allein für die Angsterkrankungen Panikstörung und Agoraphobie hat eines der Forscherteams circa 6000 wissenschaftliche Veröffentlichungen ausgewertet.
So wird das DSM-5 geprüft
Entwürfe sowie eine Übersicht über geplante Änderungen veröffentlichen die Psychologen und Psychiater regelmäßig im Internet. Damit die allgemeine Bevölkerung an der Neuauflage mitwirken kann, stellten sie dreimal die vorläufige Version auf der Homepage des DSM-5 zum Nachlesen und Kommentieren bereit.

Knapp 10.000 Anmerkungen gingen allein in den ersten zwei Kommentarphasen ein. Die dritte endete im Juni. Nun befindet sich das Psychiaterhandbuch nach 13 Jahren in der letzten Überarbeitungsphase.
Suchtkapitel überarbeitet

Pathologisches Glücksspiel wird nun offiziell als Diagnose unter den Abhängigkeitserkrankungen im DSM-5 aufgenommen. Andere Verhaltenssüchte bleiben jedoch außen vor. Südkoreanische Psychologen etwa erklärten zwar die Internetsucht für eines der größten Gesundheitsprobleme ihres Landes und drängten auf eine Aufnahme in das Handbuch. Doch die Forschung zu dem Thema reicht noch nicht aus. Daher rutscht die Diagnose lediglich in den Anhang. Noch mehr Untersuchungen sind also nötig, bevor die Internetsucht in einer nächsten Auflage vielleicht ergänzt wird. Aus den gleichen Gründen landet Hypersexualität, das gestörte sexuelle Verlangen, in dem gleichen Abschnitt.

Neue Essstörung

Die Binge-Essstörung ist schon seit Jahren in aller Munde. Die Personen leiden mehrmals im Monat unter Fressattacken. In kürzester Zeit nehmen sie mehrere tausend Kilokalorien durch Nahrung in sich auf, ohne ihr Essverhalten kontrollieren zu können. Im Gegensatz zu Menschen mit Bulimie nehmen sie nach solchen Anfällen keine Abführmittel oder übergeben sich.

Asperger-Syndrom gestrichen

Die autistische Störung ist nicht länger eine einzelne Diagnose im DSM. Unter Störungen aus dem autistischen Spektrum werden verschiedene Autismusformen nun in einer Kriterienliste zusammengefasst.

Mild, mittel, schwer - Diagnosen in Dimensionen

Psychische Erkrankungen und ihre einzelnen Symptome werden mit dem DSM-5 nun zusätzlich in "mild", "mittel" oder "schwer" eingestuft. Ziel ist es, Symptome gezielter zu behandeln und objektiv festhalten zu können, wenn diese schwächer oder stärker werden. Das könnte neue Behandlungsformen ermöglichen, wie etwa Kurztherapien. Wer beispielsweise milde Alkoholprobleme hat, könnte an einem kurzen, wenig aufwendigen Training teilnehmen. Dort lernt er, seinen Umgang mit der Droge wieder zu normalisieren - bevor er vielleicht später in eine schwerwiegende Suchterkrankung hineinrutscht.

"Solche frühen Interventionen würden sich langfristig auszahlen. Sucht beginnt ja nicht von heute auf morgen. Wir oder auch Hausärzte könnten künftig rechtzeitig mit wenig Aufwand eingreifen", sagt Hans-Jürgen Rumpf, Suchtforscher an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck. Unsicher bleibt jedoch, ob Krankenkassen hierzulande Betroffenen überhaupt solche Schnellkurse bezahlen würden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels fehlte versehentlich der Hinweis auf den ICD-Diagnoseschlüssel. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Schlaumeister 12.07.2012
1. Stigmatisierung von Behandelten
In unserer Gesellschaft scheint sich hartnäckig die Auffassung zu halten, dass derjenige, der sich behandeln lässt, ein viel größeres Problem hat als derjenige, der Störungen verheimlicht. Solange psychisch Belastete Stigmatisierungen in der Arbeitswelt und etwa im Versicherungswesen ausgesetzt sind, bleibt die Idee der frühzeitigen Intervention und der Kurztherapie ein hehrer Wunsch.
jgrjgr 12.07.2012
2. Gefährlich...
...wie sich dieses Werk mit ienem Heer von experten über die menschliche Seele hermacht. Wie sieht der Umgang mit psychisch kranken wohl in 10 oder 20 Jahren aus? Ein Viertel der Bevölkerung pharmakologisch entstellt oder gedopt? Oder finden wir Wege und vor allem Genug Mittel, um Menschen dorthin zu bringen, oder sie so zu sozialisieren, daß sie wieder gesund werden? Oder besser, dasß sie wieder zu sich kommen? Noch vor Finanzkrise, Umweltbedingungen und Völkerwanderung das wichtigste Zukunftsthema. Denn nur psychsich gesunde und soziale Menschen können Krisen meistern, bewältigen und zu Neuem überwinden. Ein Verbrechen was Politik und Pharmalobby in dieser Hinsicht an den Menschen begeht!
Spiegelleserin57 12.07.2012
3. Tabuthema N1
psychische Erkrankenung oder auch nur Auffälligkeiten sind immer noch ein absolutes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Diese Erkrankungen weiter verbreitet als bekannt. Der Kranke braucht zusätzlich zu seinem Leid auch noch Mut um Hilfe zu bekommen, eine Schande für unsere Gesellschaft. das beinnt schon bei dem Thema Sucht, besonders Alkohol , diese Sucht ist als gesellschaftsfähig etabliert bis in höchste Gesellschaftskreise. Kein Wunder also dass da auch die Krankenkassen sparsam werden. Es ist auch sicherlich ein Problem: welcher Hausarzt ist so geschult dass er diese Erkrankungen auch erkennt. Das wage ich sehr zu bezweifeln. Außerdem gibt die Änderung des Kataloges auch zu denken. Man hat den Eindruck einer gewissen Willkür bei der Definition einer psychiatirschen Erkrankung. Wie kann etwas was vor ein paar Jahren als Krankheit definiert wird plätzlich anders definiert werden oder eben keine mehr sein???
jgrjgr 12.07.2012
4.
Dazu noch ein Tipp: Neuro-Enhancement (http://de.wikipedia.org/wiki/Neuro-Enhancement) Und die durch's schnelle Schreiben verursachten Rechtschreibfehler oben bitte nicht so ernst nehmen ;-)
micdinger 12.07.2012
5. Icd-10
Soweit ich weiß, wird in Deutschland jemand für krank erklärt, wenn sich seine Symptome in der ICD-10 wiederfinden und nicht in DSM-5
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