Psychologie Einsame Menschen sterben früher

Wer sich chronisch einsam fühlt, lebt oft ungesünder. Das hat auch Einfluss auf die Lebenszeit. Die Auswertung von 148 Studien zeigt: Einsame sterben eher.

Einsamer Mann
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Menschen mit vielen Sozialkontakten haben ein um 50 Prozent geringeres Risiko, früher als erwartet zu sterben, berichten Forscher auf dem Jahrestreffen der Amerikanischen Psychologen-Gesellschaft.

Eine Auswertung von 148 Studien aus den USA, Europa, Asien und Australien zeigte zudem, dass die drei Parameter soziale Isolation, Einsamkeit und Single-Dasein jeweils messbare Auswirkungen auf einen vorzeitigen Tod haben - und zwar ebenso stark wie die Risikofaktoren Fettleibigkeit oder Rauchen. Bereits 2010 hatte eine Studie den Einfluss von Einsamkeit auf die Sterblichkeit mit dem des Rauchens gleichgesetzt.

"Das hat man bislang unterbewertet", sagt die Psychologin Julianne Holt-Lunstad von der Brigham University, die die Arbeiten in Washington vorstellte. "Aber gesammelte Daten aus Hunderten Studien mit Millionen Teilnehmern liefern uns robuste Hinweise, welche Bedeutung Sozialkontakte für die körperliche Gesundheit haben und für das Risiko eines vorzeitigen Todes."

Auch Anne Böger vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) schreibt: "Einsame Personen rauchen häufiger, sind eher in Gefahr, übergewichtig zu sein und berichten über weniger körperliche Aktivität." Auch mit erhöhtem Brustkrebsrisiko und Herzgefäß-Problemen wird Einsamkeit in Zusammenhang gebracht.

Kontakte im Alter

Für die USA sagt Holt-Lunstad eine heranrollende Einsamkeitswelle voraus: 2010 haben sich einer US-weiten Umfrage zufolge 35 Prozent aller Menschen ab 45 Jahren chronisch einsam gefühlt - ein Jahrzehnt zuvor waren es nur 20 Prozent. Gründe dafür seien mehr Single-Haushalte, höhere Scheidungsraten und ein stärkerer Fokus auf soziale Medien statt auf Kontakte im echten Leben.

Deutsche Forscher sehen das Szenario nicht so düster. Maike Luhmann, Psychologie-Professorin an der Ruhr-Uni Bochum, hat 2016 auf Basis von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel eine große Studie zu Einsamkeit veröffentlicht. Einen Bezug zu Sterblichkeit konnte sie mit diesen Daten zwar nicht untersuchen. Aber sie stellte fest, dass Einsamkeit keineswegs ein sich langsam auftürmendes Altersphänomen ist.

Zwar haben die Ältesten am meisten Probleme mit Einsamkeit. Ab 86, wenn körperliche Gebrechen und der Tod von Wegbegleitern oft Realität sind, klagt jeder Fünfte darüber. Aber: Auch Menschen in der Lebensmitte (46-55 Jahre, das sind 14 Prozent) und jüngere Erwachsene (26-35 Jahre, 14,8 Prozent) fühlen sich häufig einsam. Am wenigsten betroffen sind die jüngeren Alten (66-75 Jahre, 9,9 Prozent).

Luhmann erläutert: "Veränderungen in den Sozial- und Kontaktstrukturen sind ja nicht unbedingt nur negativ. Beispielsweise könnten soziale Medien und Internetanwendungen wie Skype gerade älteren, weniger mobilen Menschen die Möglichkeit geben, häufiger und intensiver Kontakt zu Familie und Freunden zu halten, als es vielleicht noch vor Kurzem der Fall war."

Kinder sind keine Garantie gegen Einsamkeit

Zwar gibt es auch in Deutschland mehr Scheidungen, Singles und Menschen mit wechselnden Partnerschaften. Auch unter den langsam alternden Babyboomern hat längst nicht jeder Kinder.

"Aber Kinder sind auch keine Garantie gegen Einsamkeit", betont Luhmann. "Gerade wenn sie selber noch Kinder haben oder weit weg wohnen." Freundeskreise könnten dies auffangen. "Prinzipiell sind Menschen weniger einsam, je mehr tiefe Beziehungen sie haben und je mehr sie sich zugehörig fühlen."

Letzteres scheint ein Knackpunkt zu sein. Wer sich ausgeschlossen und sozial isoliert fühlt, hat auch ein höheres Risiko für Einsamkeit, stellt auch der Deutsche Alterssurvey fest. Außerdem könne aufgrund von Armut das Gefühl aufkommen, nicht so richtig dazuzugehören, ergänzt Luhmann.

Von Andrea Barthélémy, dpa/boj



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