Angst vorm Erbrechen Ekel, der das Leben beherrscht

Vorm Erbrechen ekelt sich im Prinzip jeder. Aber bei Menschen mit Emetophobie sind Angst und Abscheu so stark, dass es ihr Leben deutlich einschränkt - viele trauen sich kaum noch vor die Tür.

  Angst, dass etwas hochkommt: Emetophobiker fürchten sich vorm Erbrechen
Corbis

Angst, dass etwas hochkommt: Emetophobiker fürchten sich vorm Erbrechen

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Jahrelang hatte Carina Schneider* gedacht, sie sei einfach etwas seltsam. Ihre Diagnose erahnte sie das erste Mal in einem Online-Rollenspiel, beim Chat. Eine Mitspielerin sagte, sie müsse gleich zu einer Weihnachtsfeier. Sie gehe aber ungern zu solchen Veranstaltungen. Wegen ihrer Emetophobie. Was für eine Phobie das sei, fragte Schneider nach. Die Angst vorm Erbrechen.

Zwar ekelt sich wohl jeder vorm Erbrechen, bei der Emetophobie sind Abscheu und Angst jedoch so groß, dass sie das Leben der Betroffenen beeinträchtigen. Die Phobie kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Manche fürchten sich, das Erbrechen anderer zu erleben und meiden daher Situationen und Orte, die sie als riskant einstufen. Andere Emetophobiker haben Angst vor dem eigenen Erbrechen, jedes Magengeräusch wird so zur potenziellen Gefahr. Besonders problematisch dabei: Die Angst selbst verursacht und verstärkt Übelkeit. Schon der Gedanke an Essen kann die Furcht wecken. Bei einigen Betroffenen kommen beide Ängste zusammen, so auch bei Carina Schneider.

Als Jugendliche, so schildert sie, mied sie komplett den Schulbus, nachdem dort einmal einem Jungen schlecht geworden war. Auf Partys ging sie nicht, dort wurde ja Alkohol getrunken. Wenn Klassenfahrten anstanden, fand sie Ausreden, um nicht mitfahren zu müssen. Sie fiel damit nicht negativ auf. Welche Eltern würden sich schon Sorgen machen, weil ihr Kind nie besoffen nach Hause kommt? "Ich hatte einen eng begrenzten Lebensraum", sagt die 25-Jährige, "aber darin hatte ich mich gut eingerichtet."

Als sie fürs Studium von Nürnberg nach Würzburg zog, nahm die Emetophobie überhand. Eigentlich hatte Schneider Pläne: Lehrerin für Mathematik und Chemie wollte sie werden. Sie erzählt frei und ungezwungen, die Hemmnisse in ihrem Leben sind nicht auf den ersten Blick sichtbar. Eine hübsche junge Frau, die allerdings sehr dünn ist.

Pizza, Chips - und oft gar nichts

Ihre einzige Bezugsperson am neuen Ort, ihr damaliger Freund, ist oft unterwegs. Sie vereinsamt, denn neue Freundschaften zu schließen gestaltet sich schwierig, schließlich geht sie nicht in die Mensa und auch abends nicht aus. Irgendwann wagt sie sich nicht mehr allein vor die Tür. Sie ernährt sich von Tiefkühlpizza und Chips, wenn sie überhaupt etwas isst. Bereits beim Kochen befallen sie solche Ängste, dass sie es kaum aushalten kann. Die Pizza konnte sie in den Ofen schieben und ignorieren, bis sie fertig ist, erzählt sie. Chips isst sie beim Fernsehen, wenn sie abgelenkt ist. Außerdem sei ihr von Chips nie schlecht geworden.

"Betroffene haben oft ein ungewöhnliches Essverhalten", sagt Gregor Hasler, Chefarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bern. Er kennt Fälle, in denen Patienten nur Tiefgekühltes gegessen haben - weil sie dort die Gefahr von Keimen am geringsten einschätzten. Wenn Emetophobiker stark abnehmen, wird oft eine Magersucht diagnostiziert. Manchmal trifft diese Diagnose auch zu, aber nicht immer. Schneider magert in der Phase, in der die Phobie sie am stärksten im Griff hat, auf nur 38 Kilogramm ab. Sie lässt sich krankschreiben, ein Jahr verstreicht, ohne dass sie es schafft, ihr Studium wieder aufzunehmen. Schließlich wird sie exmatrikuliert.

Oft sind es perfektionistisch veranlagte Menschen, die von der Angst überrollt werden, sodass sie ihr Leben nicht mehr meistern können, sagt Hasler. Angststörungen werden generell öfter bei Frauen diagnostiziert als bei Männern, bei der Angst vorm Erbrechen ist dies noch ausgeprägter als bei anderen Phobien. Viele Emetophobikerinnen fürchten sich auch vor einer Schwangerschaft, einer Phase, in der regelmäßige Übelkeit droht. Und was ist, wenn das Baby dann da ist und sich erbricht?

Was ist Emetophobie?
Betroffene haben starke Angst, sich zu erbrechen oder zu erleben, wie andere sich übergeben.
  • Die Emetophobie zählt zu den sogenannten spezifischen Phobien, wie unter anderem auch die Angst vorm Fliegen, vor Spinnen oder vor Spritzen.
  • Für die Diagnose einer spezifischen Phobie gilt folgendes:
  • - Betroffene vermeiden Situationen, in denen sie ihrem Angstauslöser begegnen können oder sie ertragen sie nur mit großem Unbehagen.
  • - Bei einer Konfrontation mit dem Angstauslöser macht sich die Furcht durch mehrere typische Symptome bemerkbar, zu denen Schweißausbrüche, Schwindel, Herzklopfen und Schmerzen in der Brust zählen können.
  • - Betroffene sind sich bewusst, dass ihre Angst übertrieben ist.
- Die Phobie schränkt das Leben der Betroffenen deutlich ein.
Möglich ist, dass sich Betroffene an eine Situation in ihrer Kindheit erinnern, an der sich der übersteigerte Ekel vorm Erbrechen aufhängt. Klaus Rink von der Universität Zürich schildert in einem Fachartikel, wie eine Patientin als Sechsjährige auf ihre jüngere Schwester aufpassen musste, die sich dann beim gemeinsamen Spielen heftig erbrach.

Carina Schneider erinnert sich nicht an solch eine Schlüsselszene. Gregor Hasler meint, die Relevanz solcher Erlebnisse bei der Entstehung von Angststörungen seien ohnehin überschätzt. "Die Menschen suchen nach einer Begründung. Aber viele Ängste sind nicht eindeutig erlernt." Oft bleibe es ungeklärt, warum sie entstanden sind.

Inzwischen geht Schneider regelmäßig zu einem Psychotherapeuten, der sie tiefenpsychologisch betreut. Sie ergründet dort, warum sie die Angst derart stark plagt. Sie ist in ihre Heimatstadt zurückgezogen, ihre Mutter und ihr Partner, mit dem sie zusammenlebt, unterstützen sie. In einer Facebook-Gruppe hält sie Kontakt zu anderen Betroffenen. Ein neues Studium hat sie noch nicht aufgenommen.

Erbrechen in der Dauerschleife

Wenn Patienten dazu bereit sind, kann eine Verhaltenstherapie sehr erfolgreich sein, die auf Konfrontation mit den Ängsten setzt. Dazu gehört, jene Orte aufzusuchen, die bisher aus Furcht gemieden wurden, ob das nun der Hauptbahnhof oder das Volksfest ist. Zusätzlich schauen sich die Patienten zusammengeschnittene Videos aus Filmszenen an, in denen sich Menschen übergeben. Schon wenige Wochen Konfrontationstherapie können große Erfolge erzielen. Allerdings müssen die Betroffenen auch sehr motiviert sein, das mitzumachen und auszuhalten, sagt Hasler. Deshalb könne eine tiefenpsychologische Therapie die bessere Alternative sein. Es sei wichtig, die psychischen Ursachen und das Symptom - die Phobie - gleichermaßen zu behandeln, betont der Psychiater. Kümmere man sich ausschließlich um die zugrunde liegenden Konflikte, bestehe die Gefahr, dass sich die Angst verfestigt.

"Betroffene werden in aller Regel auch bei einer erfolgreichen Therapie das Erbrechen weiterhin als extrem eklig empfinden. Sie können aber lernen, mit diesem Gefühl umzugehen, sodass die Angst sie nicht mehr beherrscht", sagt Hasler.

Schneider sagt, die Konfrontationstherapie mache sie überwiegend auf eigene Faust. Zum Anfang kostete es sie schon Überwindung, überhaupt wieder allein vor die Tür zu gehen. Inzwischen schafft sie es zum Beispiel, sich in ein Restaurant zu setzen. Dort auch etwas zu essen und nicht bloß einen Tee zu trinken - daran arbeitet sie noch.

* Name geändert

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
telltaleheart 05.01.2015
1. Zeigen was in einem steckt
Von Emetophobie bin ich zum Glück nicht betroffen, obwohl ich es immer gehasst habe mich übergeben zu müssen oder anderen dabei zuzusehen. Nachdem ich diesen Artikel gelesen habe könnte ich aber eine Phobie gegen diese Krankheit entwickeln, denn eine solche Therapie machen zu müssen würde mich wirklich ankotzen.
Miss Lovett 05.01.2015
2.
Auch ich bin von dieser Phobie (zwar "nur" leicht, aber trotzdem einschränkend) betroffen. Ich habe aber einen Weg gefunden damit in meinem Rahmen zu leben. Meine Familie und Freunde sind mein Fels in der Brandung, sie passen akribisch auf und schützen mich vor "gefährlichen" Situationen. Offen und ehrlich damit umzugehen und JEDEN in meinem direkt Umfeld damit zu konfrontieren, war die beste Entscheidung überhaupt. So weiß ich, dass mir hier keine Gefahr droht und diese eine kleine Schwäche berücksichtigt wird. Allen weiteren Betroffenen wünsche ich ebenfalls den Mut sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, auf die eine oder andere Weise. Und ich wünsche ihnen, dass sie, genau wie ich, so viel Glück haben und Verständnis und Hilfe erfahren.
kleinbürger 05.01.2015
3. wahrheit
auch wenn es nicht so scheint, das leben ist wild und gefährlich, vor allem in bezug auf die gesundheit. von burn-out bis emetophobie erscheint mir das viele sich in eine vorauseilende kapitulation begeben, weil sie obiges nicht akzeptieren können. dabei sollte die erkenntnis "ich bin noch nicht tot also lebe ich" raum schaffen für eine optimistische lebenseinstellung, die bereit ist bis zum unausweichlichen tod das leben zu leben und zu geniessen, denn danach kommt nichts, jedenfalls nichts auf das man bauen sollte.
caiofra 05.01.2015
4. @raptorx
Warum schweigen Sie nicht einfach, wenn Sie keine Ahnung haben? Ich leide seit Jahren unter Emethophobie. Ich bin ein Mann und kann Ihnen versichern, dass die Gründe hierfür nichts, aber auch gar nichts mit unserer Gesellschaft zu tun haben. Sie sollten sich lieber freuen, dass Sie gesund sind.
kumi-ori 05.01.2015
5.
Ich empfinde keinen größeren Ekel vor Menschen, die sich erbrechen müssen, als jeder andere normale Mensch. Aber ich verspüre großen Ekel und auch Aggression gegenüber Menschen, die auf die Straße spucken. Wenn ich irgendwann mal im Gefängnis landen werde, dann wahrscheinlich deswegen, weil ich so jemandem (ich schreibe jetzt hier besser nicht weiter). Daher liebe Eltern, sagt Euren Kindern, dass das absolut nicht lustig ist, liebe Mädels, sagt den Jungs, dass das kein bischen cool ist, und wenn sie das nochmal machen, dann lasst ihr sie nie mehr ..., vielen Dank!
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