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Erwachsenwerden: 25 ist das neue 18

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Corbis

Junge Leute: Die Jugend verschiebt sich ins Erwachsenenalter

Wählen gehen, Auto fahren, Verträge unterzeichnen: Mit 18 Jahren sind junge Menschen in Deutschland volljährig - aber noch lange nicht erwachsen, sagen Psychologen. Die tatsächliche Reife setzt sogar immer später ein.

Wo endet die Jugend, wo fängt das Erwachsensein an? Diese Frage treibt Forscher immer mehr um. Denn die Grenze verschiebt sich stetig nach hinten. "Wenn die biologische Reifung abgeschlossen ist, das ist etwa mit Anfang 20, dann kann man von einem erwachsenen Gehirn und Nervensystem sprechen", sagt Kerstin Konrad, die als Professorin an der RWTH Aachen Klinische Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters lehrt. Das bedeute aber noch lange nicht, dass auch die soziale Reifung in diesem Alter vollzogen sei.

Der erste Job, die erste eigene Wohnung, das erste Kind, heiraten: Viele Schritte des Erwachsenwerdens, die noch vor wenigen Generationen direkt an die Schule anschlossen, verzögern sich heute bis ins vierte Lebensjahrzehnt. "Junge Menschen machen heute viel öfter Abitur, studieren und sind daher länger abhängig von ihren Eltern", sagt Konrad. "Früher sind viele nach der achten oder zehnten Klasse von der Schule abgegangen und haben dann begonnen, zu arbeiten. Sie waren selbständig."

Karriere ist erst einmal nicht so wichtig

Gleichzeitig versucht die Politik in Deutschland, das Heranreifen der Jugend zu beschleunigen. Kinder werden früher eingeschult, die Schulzeit bis zum Abitur wurde verkürzt. Für die jungen Menschen sei das nicht unbedingt ein Segen, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Lehmkuhl: Viele der 17- bis 18-jährigen Jugendlichen, die er treffe und die derzeit ihr Abitur machten, hätten noch keine klare Vorstellung von ihrem weiteren Leben. "Sie sind unsicher, was sie später machen wollen", sagt er, "ob sie studieren möchten oder was sich in ihrem Leben verändern soll."

Besonders in den G8-Jahrgängen, bei denen die Schule nach der 12. Klasse endet, beobachtet der Psychiater vermehrt, dass sich Jugendliche nach ihrem Abitur erst einmal Zeit für sich nehmen. Sie machen ein soziales Jahr, reisen, oder widmen sich anderen Freizeitaktivitäten. Die jungen Menschen wollten lieber in Ruhe und nicht mit dem Druck leben, schließt er daraus. Erfolg und Karriere seien nicht ihr vorrangiges Ziel, berichtet der Mediziner.

Generation Vielleicht, Generation Konjunktiv - diese Titel beschreiben ganz gut die Haltung und das Dilemma, in dem sich die jungen Menschen heute befinden, sagt der Psychoanalytiker und Buchautor Holger Salge. "Auf der einen Seite wird die Welt immer anspruchsvoller, verlangt mehr Flexibilität und fordert Kompetenzen. Auf der anderen Seite will ein großer Anteil einer ganzen Generation nicht erwachsen werden", kritisiert Salge, der den Bereich Psychotherapie Spätadoleszenter und junger Erwachsener an der Sonnenberg Klinik in Stuttgart leitet.

Zeit fürs Leben

Lehmkuhl hingegen empfindet die verlängerte Jugend nicht als problematisch: "Unser Lebensgefüge verändert sich nun mal. Wir werden insgesamt älter und wohl auch länger im Berufsleben sein. Die Jugendlichen haben daher zu Recht das Gefühl, sich für ihr Leben Zeit nehmen zu wollen."

Bedingt also die Beschleunigung der Bildungsreife die Entschleunigung der sozialen Reife? Nicht nur. "Die Jugend verlagert sich auch nach hinten, weil die jungen Menschen viel mehr Möglichkeiten dazu haben", sagt Lehmkuhl. Sie hätten unzählige Gelegenheiten, Dinge zu tun, die sie interessieren - bevor sie sich niederlassen.

Der Psychoanalytiker Holger Salge vermutet einen anderen Grund: "Meine persönliche Hypothese ist, dass die Welt heutzutage mehr Angst macht, weil sie unübersichtlicher ist". Eltern könnten sich deshalb schlechter von ihren Kindern trennen, aber auch die Kinder würden nur ungern ihr kuscheliges Umfeld verlassen wollen.

Dafür könnte auch ein Wandel im Verhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern verantwortlich sein, glaubt Lehmkuhl. "Die Erziehungsregeln haben sich verändert. Heute können die Kinder mit 15 oder 16 Jahren ihren Freund oder ihre Freundin zum Übernachten mit nach Hause bringen", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Sie könnten im Gegensatz zu früheren Generationen ihre Partnerschaften im Elternhaus ausleben. Baldmöglichst in eigene vier Wände zu flüchten, sei nicht mehr nötig.

Problematik in der Psychotherapie

Was auch immer dahinter steht, im psychotherapeutischen Alltag ist die verlängerte Jugend ein wichtiges Thema: Die Lebensjahre bis 25 zählen zu den besonders fragilen. Etwa drei Viertel aller psychiatrischen Erkrankungen beginnen vor dem 25. Lebensjahr, auch ist die Rate der Suizidversuche bis zu diesem Alter insgesamt am höchsten. Trotzdem würden gerade die Spätjugendlichen hierzulande schlecht versorgt, sagt Konrad. "Für eine Behandlung bei Kinder- und Jugendtherapeuten sind sie rechtlich gesehen zu alt, aber sie passen auch noch nicht richtig in die Erwachsenenversorgung."

In Großbritannien haben die Psychologen dieses Problem jetzt behoben. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten können dort fortan junge Menschen bis zu einem Alter von 25 Jahren behandeln. Zuvor durften sie das wie hierzulande nur bis zum 18. Geburtstag. In Australien gibt es laut Konrad bereits Kliniken, die speziell für junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren zugeschnittene Behandlungen anbieten. Auch in Deutschland diskutieren Experten inzwischen über bessere Angebote für diese Altersgruppe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 280 Beiträge
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1. richtig
blowup 27.09.2013
Kann ich voll unterschreiben. Wenn ich meinen 19jährigen Sohn und seine Freunde betrachte, muss ich feststellen, dass wir damals in dem Alter deutlich weiter waren. Wahrscheinlich nicht, weil wir intelligenter waren, sondern weil wir die Zeit, die die junge Generation heute mit Multimediagedödel vergeudet, genutzt haben, um Lebenserfahrung zu sammeln. Mein Sohn macht dieses Jahr Abi. Er hatte noch nie einen Ferienjob. Ich ab 14 regelmäßig. Der Führerschein interessiert wohl auch immer weniger Heranwachsende. (was ich bei den kosten, Umweltplaketten etc. fast wieder verstehe)
2. Aus Handwerkersicht
grimboldunfried 27.09.2013
kann ich der Aussage dieses Textes nur zustimmen...!
3. Der Kernsatz...
grenoble 27.09.2013
Zitat von sysopCorbisWählen gehen, Auto fahren, Verträge unterzeichnen: Mit 18 Jahren sind junge Menschen in Deutschland volljährig - aber noch lange nicht erwachsen, sagen Psychologen. Die tatsächliche Reife setzt sogar immer später ein. Erwachsen erst mit 25 statt mit 18 laut Psychologen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/erwachsen-erst-mit-25-statt-mit-18-laut-psychologen-a-924644.html)
... entspricht dem Glauben, der Ideologie dieses Gesellschaftssystem. Doch es ist nicht so, es bleibt Hysterie und überzogenes Anspruchsdenken sieht man die Entwicklung realistisch. Es bleiben mit einfacher Erziehung überforderte Eltern, die auf das Märchen der immer komplexer werdenden Welt hereinfallen, die resultierende Panik vor Versagen führt zu einer geistigen Leere dessen Auswirkungen jetzt beobachtet werden
4. Dann sollte man konkret darüber nachdenken,
KuGen 27.09.2013
....das aktive Wahlrecht auf 25 Jahre zu erhöhen.
5. Och Joh!
Dr.Fuzzi 27.09.2013
In diesem Zusammenhang macht doch die Forderung einiger Parteien, vornehmlich des eher linken Lagers, so richtig Sinn. Scheinbar besonders junge Menschen, noch ohne eigene Wohnung und Job, sind nach meiner Erfahrung überwiegend politisch eher links orientiert - gewissermassen irgendwie romantisch verklärt. Dies hat sich bis dato in meinem Umfeld prompt nach Aufnahme des ersten gut dotierten Job's stets "erledigt".
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    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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