Internationale Kinder-Studie So mächtig sind Geschlechterklischees

Die einen schön und zurückhaltend, die anderen stark und unabhängig: Über viele Kulturen hinweg werden Mädchen und Jungen stereotype Verhaltensweisen anerzogen. Forscher warnen vor den daraus entstehenden Schäden.

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"Wenn du ein echter Mann sein willst, musst du dich anpassen, mit deiner Kleidung und so. Und Fußball spielen und - na ja - keine Schminke oder Wimperntusche tragen und nicht deine Nägel lackieren. Sonst bist du kein Junge."
(Elfjähriger Junge aus Gent, Belgien)

"Beim Abendessen schlug ich wie immer meine Beine übereinander. Mein Vater klopfte mir aufs Bein und sagte, ich solle das nicht außerhalb des Hauses machen. Mädchen sollten das nicht. Als ich fragte, warum er und mein älterer Bruder es dürfen und ich nicht, antwortete er: Weil du ein Mädchen bist."
(
Elfjähriges Mädchen aus Shanghai, China)

Wie geht es 10- bis 14-Jährigen heutzutage? Mit welchen Geschlechterrollen wachsen sie auf - und wie wirkt sich das auf ihre Gesundheit aus? Eine große internationale Studie sucht Antworten auf diese Fragen. In 15 Ländern wurden dafür rund 450 Heranwachsende sowie je ein Elternteil oder Erziehungsberechtigter ausführlich befragt.

Die Studienteilnehmer leben in Ägypten, Belgien, Bolivien, Burkina Faso, China, der Demokratischen Republik Kongo, Ecuador, Indien, Kenia, Malawi, Nigeria, Schottland, Südafrika, den USA und Vietnam. Die ersten Ergebnisse hat das Forscherteam in mehreren Fachartikeln im "Journal of Adolescent Health" veröffentlicht.

"Botschaft wird ständig untermauert"

"Wir haben festgestellt, dass Kinder schon sehr früh den Mythos verinnerlichen, dass Mädchen verletzlich und Jungen stark und unabhängig sind", sagt Robert Blum von der Johns Hopkins University, der die Studie leitet. "Und diese Botschaft wird ständig untermauert - von Geschwistern, Mitschülern, Lehrern, Eltern, Verwandten, Geistlichen, Trainern."

Für Mädchen wird ihr Aussehen und ihr Körper zum zentralen Thema gemacht, mit deutlichen kulturellen Unterschieden. "In Neu-Delhi (Indien) sprachen die Mädchen über ihren Körper als ein Risiko, das verhüllt werden muss. In Baltimore (USA) dagegen sahen die Mädchen ihren Körper als ihr größtes Kapital und sagten, dass sie anziehend wirken müssten, wenn auch nicht zu anziehend", sagt Kristin Mmari, ebenfalls von der Johns Hopkins University.

Wer von der Norm abweicht, wird bestraft

Die Stereotype seien zwar an sich nicht überraschend, sagt Mmari - aber es sei doch unerwartet, dass sie über alle Kulturen und sozialen Schichten hinweg den Kindern bereits so früh anerzogen werden.

Wagen es Heranwachsende aus diesen Rollen auszubrechen, werden sie beschimpft oder sogar geschlagen, berichten die Forscher etwa aus Shanghai und Neu-Delhi. Dies ist ihren Beobachtungen zufolge bei Jungen noch extremer als bei Mädchen.

Eine Mutter aus Shanghai erzählte den Forschern beispielsweise, dass eine Gruppe von Jungen verschiedenen Alters beim Spielen feststellte, dass ein Fünfjähriger lackierte Fußnägel hatte, weil er den Nagellack seiner Mutter so mochte. Die älteren forderten ihn auf, seine Hose runterzuziehen - um zu beweisen, dass er kein Mädchen ist. Der Junge trägt seitdem keinen Nagellack mehr und sagte seiner Mutter, er würde seine Finger davon lassen, weil er ein Junge, ein Mann, ist - so die Erzählung der Frau.

Problematisch für Jungen und Mädchen

Die Wissenschaftler warnen vor weiteren möglichen negativen Folgen der verinnerlichten Stereotype - nachgewiesen haben sie diese Zusammenhänge in der Studie nicht, weil sie bisher lediglich die erste Befragung durchgeführt haben.

Nachdem bei Jungen so viel Wert auf Unabhängigkeit und Stärke gelegt wird, geraten sie eher in körperliche Auseinandersetzungen, greifen häufiger zu Zigaretten oder Drogen, meinen die Forscher. Außerdem haben sie ein höheres Risiko, bei Unfällen oder durch Suizid zu sterben. Und selbst wenn Eltern anerkennen, dass auch ihre Söhne verletzlich sind, würden sie sich auf den Schutz ihrer Töchter konzentrieren, heißt es.

Mädchen müssten in vielen Teilen der Welt früh die Schule beenden und würden zum Teil im Kindes- oder Jugendalter verheiratet, schwanger oder Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt. Während sich die Welt in der Pubertät für Jungen vergrößere, werde sie für Mädchen kleiner.

Will man verhindern, dass Jugendliche für sie schädliche Geschlechterklischees verinnerlichen, müsste man spätestens zu Beginn der Pubertät gegensteuern, so das Fazit der Forscher. Doch vielleicht ist auch das schon zu spät?

Andere Geschlechterklischees greifen schon viel früher, wie etwa eine Studie aus den USA zeigte - demnach schätzen bereits sechsjährige Mädchen andere Mädchen und Frauen seltener als schlau ein - und schrecken vor einem unbekannten Spiel "für wirklich, wirklich schlaue Kinder" eher zurück als gleichaltrige Jungen.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
andreasclevert 20.09.2017
1. Wichtig ist...
... im globalen Kontext darauf hinzuweisen, dass eine geschlechterspezifische Erziehung mit völlig hirnrissigen Konsequenzen idR für Mädchen ("weniger schlau", "kürzer zur Schule", etc.) oder auch Jungs ("weinen nicht", "keine Emotionen zeigen") nicht hinnehmbar ist. Im Gegenzug ist das Gedankenverbot hierzulande, dass Mädchen und Jungs einfach gleich, gleich, gleich sind, auch ... sehr deutsch. Chancengleichheit für alle, unabhängig vom Geschlecht, ist das Ziel. Keine Gleichmacherei. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn Jungs auch mal jungstypische Eigenschaften zeigen und Mädchen mädchentypische. Auch wenn unser Dritter (Junge) lange Zeit eine Vorliebe für die Farbe lila hatte (ich weiß, das kann später so oder so wieder kommen), bei der pailettenbestückten Bluse für den Vierjährigen war mir das auch ein bisschen zu viel (http://wp.me/p4WCtx-mK)....
Don Lucio 20.09.2017
2. Problem verkannt
Also weg mit diesen geschlechtstypischen Verhaltensweisen. Das Problem dabei ist aber imho gravierender als "gesundheitliche Folgen", die ja auch lt. Aussage der Forscher "nicht bewiesen" sind: Männer und Frauen sind von Natur aus darauf konditioniert, eben diese geschlechtstypischen Verhaltensweisen attraktiv zu finden, sie zu Auswahlkriterien für ihre Partnerwahl zu machen. Ohne diese Merkmale wird es eben auch keine Paarungen mehr geben, jedenfalls keine, die auf persönlicher Anziehung beruhen. Vernunftehen wie im Mittelalter. Ist das das Ziel des "modernen" Genderismus?
wupdidu 20.09.2017
3. Evolution
Ich vermute auch hier hat die Evolution dafür gesorgt. Man stelle sich zwei Gruppen aus jeweils 10 Männern und 10 Frauen im Leben als Jäger und Sammler vor. Die eine Gruppe schickt ihre Männer auf die Jagd die andere ihre Frauen. Nun kommen bei einem Jagdunfall bei beiden Gruppen 9 der 10 Jäger/innen ums Leben, Welche Gruppe wird den fehlenden Bestand schneller ausgleichen können?
dirk59 20.09.2017
4. Eine andere Sicht auf dasselbe Phänomen
Wenn das gleiche Phänomen über viele Kulturen hinweg sehr ähnlich auftaucht steht eigentlich zu vermuten, dass es für die Gesellschaft, die überwiegende Mehrheit der Individuen oder beide vorteilhaft ist. Sonst wäre es im Laufe der Jahrtausende ausgestorben. Andere Kulturen, in denen es anders läuft, hätten es verdrängt weil sie erfolgreicher gewesen wären.
lupo62 20.09.2017
5. Zu Einseitig
Den Grund für unterschiedliche Verhaltensweisen allein in der frühkindlichen Erziehung zu suchen, ist eine zu einseitige Betrachtungsweise. Zuallererst spielen da mal die Gene eine Rolle und erst dann kommen gesellschaftliche Normen, die ererbten Veranlagungen verstärken oder abschwächen können (je nachdem, was gerade erwünscht ist), aber niemals aufheben. Die Erziehungsmaxime "ich behandle die kleinen Jungen und Mädchen völlig gleich, dann entwickeln sie gleiche Vorstellungen und Verhaltensweisen" ist schon vor 40 Jahren ausprobiert worden - und total gescheitert. Wohl auch, weil die erziehenden Erwachsenen bewusst oder unbewusst die weibliche Perspektive weniger wertschätzen. Der Beitrag ist ein Beispiel dafür, dass sich daran nichts geändert hat
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