Kindererziehung Ein Recht auf Schrammen

Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen
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Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen

Von "Gehirn & Geist"-Autorin Verena Ahne

2. Teil: Erziehung früher: Was war anders?


"Bloß nicht!", entfährt es auch meiner Mutter, als ich mit ihr darüber spreche. Wenig später räumt sie ein, dass zu ihrer Schulzeit, damals nach dem Krieg, auch recht viele seltsame Gestalten herumgelaufen seien. Meine Mutter ging täglich ohne Erwachsenenbegleitung zwei Stunden zur Volksschule und zurück - durch einen zerbombten Wald, einen Bach entlang, bei Wind und Wetter. Heute dagegen findet in Deutschland wie Österreich der Großteil des Kinderlebens unter Beaufsichtigung statt: daheim, auf dem Spielplatz, im Kindergarten, im Hort, bei Sport- und Freizeitaktivitäten. Sind die Erwachsenen dann noch übervorsichtig, schränkt das doppelt ein - ein Problem, das durchaus mit dem Älterwerden zusammenhängen kann.

Denn mit den Jahren gewinnen wir an Erfahrung, damit aber auch, was die Fachwelt "Erfahrungsangst" nennt. Kindergartenkinder haben die noch kaum. Unbekümmert leben sie im Augenblick und erwerben beim Spielen ganz nebenbei motorische, kognitive und soziale Fähigkeiten. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings ein geeignetes Umfeld: Eine anregende Umgebung, die möglichst komplexe Tätigkeiten erlaube, erklärt der Wiesbadener Sportpädagoge Dieter Breithecker, der sich unter anderem für das Konzept der "bewegten Schule" einsetzt. Komplex, das heißt, so wackelig, so vielfältig, so sinnebeanspruchend wie möglich - den rutschigen Hügel erklettern, auf einem lose liegenden schmalen Baumstamm balancieren. Das erfordert Koordination, stimuliert das Gehirn auf vielfältige Weise und fördert so die motorischen Kompetenzen.

Bewegung macht schlau

Der positive Effekt von Bewegung auf den kindlichen Intellekt ist inzwischen gut belegt. 2008 verglich der kanadische Gesundheitsforscher François Trudeau die Ergebnisse von rund einem Dutzend Studien. Er kam zu dem Schluss, dass eine Stunde Sport am Tag die Schulkinder nicht nur körperlich stärkt, sondern auch geistig beflügelt. Obwohl nun weniger Zeit zum Üben für die klassischen Fächer blieb, schrieben die Kinder bessere Noten als ihre nicht aktiven Mitschüler. Eine weitere Übersichtsarbeit zu zwölf anderen Studien ergab: Kinder, die an Sportprogrammen teilnahmen, waren intelligenter, kreativer und verfügten über bessere exekutive Funktionen, also die Fähigkeit, Probleme zu lösen, Handlungen und Emotionen zu steuern.

Gegenüber Sportstunden hat Spielen und Toben in der Natur oder auf naturnahen Spielplätzen aber noch weitere Vorteile. Kein Leistungsdruck verleidet die Bewegungslust. Hinzu kommt der Abenteuereffekt: Spannende Herausforderungen, der Wunsch und die Freude, sie zu meistern, setzen im Gehirn besonders viel Dopamin frei, einen Botenstoff, der laut Hirnforschern als Booster für das Verankern von Lernerfahrungen wirkt. Das Erklimmen von Felsen und Bäumen dürfte die neuronale Vernetzung im Gehirn höchst effektiv ankurbeln. Ohne den gestrengen Blick der Erwachsenen ist es auch leichter, ganz im eigenen Tun aufzugehen: Wer Kinder in freier Natur beobachtet, wo sie stundenlang in eigenen Welten versinken, weiß, was gemeint ist. Sie erleben den Flow, wie es in der Psychologie heißt, jenen wachen und doch zugleich entspannten Bewusstseinszustand, der als Balsam für die Psyche gilt.

Die Natur ist es auch, wo Kinder wirklich hingehören, und wenn es die Geröllhalde am Ende der Straße ist. Natur ist aufregend, lebendig, voller Überraschungen und Geheimnisse. Sie bietet Wagnis und Abenteuer, regt die Phantasie an, macht frei, das formulierten schon Denker wie Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) und Henry David Thoreau (1817 - 1862), später Vertreter der Erlebnis- und Wagnispädagogik. Die heutigen Wald- sowie Waldorfkindergärten möchten den Kleinsten etwas Natur zurückgeben, doch ist das ein Minderheitenprogramm.

"Natur-Defizit-Syndrom"

Der amerikanische Schriftsteller Richard Louv konstatierte 2008 deshalb auch ein "Natur-Defizit-Syndrom" - ein Ausdruck, der von der Fachwelt bald aufgegriffen wurde. Sein Bestseller "Das letzte Kind im Wald?" löste eine weltweite Debatte über Kinder und Naturerleben aus. Als Grund für das Naturdefizit werden heute hauptsächlich Blechlawinen genannt, welche die Kleinen in die Häuser bannen. Doch so berechtigt die Sorge vor dem Verkehr auch ist, für alles Einsperren kann sie nicht der Grund sein: So zeigen Erhebungen in der nicht gerade verkehrsarmen Schweiz, dass Sechs- bis Elfjährige dort körperlich sehr aktiv sind, je nach Studie zwischen 60 und 160 Minuten pro Tag. Die Jüngeren verbringen viel Zeit draußen mit freiem Spiel. 80 Prozent der Kinder fahren mit dem "Velo" oder gehen zu Fuß zur Schule. In Deutschland dagegen bewegen sich laut dem großen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey von 2007 lediglich rund 15 Prozent der Kinder mindestens eine Stunde pro Tag; nur knapp 45 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen halten sich täglich im Freien auf.

Und das gilt nicht nur für Stadtkinder: Auch wo es genug Grün um die Häuser gibt, will ein hoher Anteil der Eltern den Nachwuchs nicht mehr auf der Straße, im Wald oder an Bächen sehen. Stattdessen wird er fleißig mit dem Auto herumkutschiert - zu Kursen und Veranstaltungen, welche die kindlichen Terminkalender füllen. "Auch die Stadt ist ein Lebensraum", hält Breithecker dem Verkehrsargument entgegen. "Wer dort aufwächst, muss genauso lernen, sich darin sicher zu bewegen, wie ein Kind im Urwald oder auf einem Bauernhof." Jede Umgebung hat ihre eigenen Gefahren. Nur durch Handeln und Üben lernen wir, damit umzugehen. "Warum soll ein Kind, das die Regeln gelernt hat, nicht allein den Schulweg schaffen?" Sicher werden Eltern ihre Abc-Schützen noch begleiten. Doch Schritt für Schritt könne ein Schulkind seiner eigenen Wege gehen - vielleicht in einer Gehgemeinschaft, wie sie in der Schweiz oft organisiert wird.



insgesamt 308 Beiträge
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meinmein 09.06.2012
1.
Zitat von sysopDPAKinder müssen spielen, toben, Wagnisse eingehen - und sich manchmal blaue Flecken holen. Nur so können sie sich psychisch und körperlich gesund entwickeln. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,836706,00.html
Der Unterschied gegenüber früher ist-so hart es klingt-man hatte genug Kinder, jedes Jahr kam ein neues. So konnte man einen Verlust leichter verschmerzen.
akeley 09.06.2012
2.
Siehe auch Let Them Eat Dirt | The Scientist (http://the-scientist.com/2012/03/22/let-them-eat-dirt/) "Let them eat Dirt", ein Artikel über die Notwendigkeit, Kindern durch normales Aussetzen gegenüber Mikroben ein funktionierendes Immunsystem zu ermöglichen. Wenn ich diese ganze übertriebene Hygienewerbung mit ihrer Botschaft der keimfreien Wohnung und unablässigen Reinigung und Sterilisierung sehe, wird mir schlecht. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in pathologische Ängste und Zwänge geraten.
ernstl1704 09.06.2012
3. ...
Ich war letztens morgens 8.30 an einem Schulzentrum aus IGS und Realschule, ca. 1500 Schüler, im Fahrradständer standen genau 4 Fahrräder. Zu meiner Zeit gab es einen großen Fahrradnunterstellraum der war voll mit Rädern. Obwohl die Zahl der Verkehrsunfälle seit JAhrzehnten abnimmt, wächst die Angst. Und Radfahren ist ja soooooo gefährlich und bitte immer nur mit Helm, alles anderes ist doch vööööölllllig unverantwortlich. Und ein Handy braucht das Kind, es kann ja was sein. Ich bin 13 Jahre ohne Handy zur Schule gegangen und jeden Tag zum Mittagessen zurück gekehrt, wie ich das gemacht habe ist mir Heute ein Rätsel. Wir haben ein Haus mit 2 Etagen, bzw incl Keller 3. Ich habe keine dieser Sicherheitsgitter vor die Treppen gemacht, meine Kinder sind komischerweise trotzdem nicht die Treppe runtergestürzt. Kinder wissen was sie tun, sonst wäre die Menschheit nämlich längst ausgestorben, wenn Kleinkinder von jedem nächstbesten Felsen stürzen würden.
grüni 09.06.2012
4.
aber dann gibt es auch die überaus aufmerkasamen mitbrüger, die hinter jedem blauen fleck einfach mal ihre vermutungen anstellen und eine ausgemachte kindesmisshandlung unterstellen...
siebke 09.06.2012
5. Zustimmung!
Danke für diesen Bericht!
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