Kindererziehung Ein Recht auf Schrammen

Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen
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Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen

Von "Gehirn & Geist"-Autorin Verena Ahne

3. Teil: "Pass bloß auf!"


In Watte gepackten Kindern hingegen, über denen ständig die Eltern wie Helikopter kreisen - keine Minute ohne Aufsicht, jedes noch so kleine "Gefahrenmoment" ausschaltend -, fehlen solche entscheidenden Erfahrungen. Wie der Kleinen, der ich vor einiger Zeit beim Balancieren auf einer Mauer zugesehen habe: Behutsam, bedächtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Sie ist nicht besonders schnell für ihr Alter - vielleicht fehlt die Übung -, doch jetzt ist sie dabei, konzentriert, bestimmt. Bis die Mutter das sieht. "Pass auf!", überschlägt sich die Stimme. Das Kind erstarrt. Die Knie geben nach, es kann keinen Schritt mehr machen. In seinem Gesicht ist jetzt Angst - die Angst der Mutter, die herbeieilt und der Tochter die Hand zur Rettung reicht.

Hatte das Eingreifen irgendeinen positiven Effekt? Maximal wurde eine Schramme verhindert, wenn überhaupt: Das Mädchen hatte sich ja seinen Fähigkeiten gemäß bewegt. Dafür konnte es seine Koordination nicht verbessern, hatte kein Erfolgserlebnis, konnte nicht selbstbestimmt die Angst überwinden (wird sich also weiter fürchten und dem eigenen Urteil nicht trauen). Und: Der mütterliche Alarm, wohl nicht der einzige dieser Art, zementiert die Welt als Ort von Gefahren, die das Kind allein nicht bewältigen kann.

Wie Eltern ihre Kinder in solchen Situationen anleiten, beeinflusst direkt das kindliche Vermögen, Risiken selbst einzuschätzen, bestätigt Helen Little von der Macquarie University Sydney - sie legte 2010 eine Studie über den Einfluss der Einstellung der Eltern vor. Dabei könnten die sich bei dem überschaubaren Risiko, das Kinder beim Spiel meist eingehen, durchaus entspannen. "Klettern zum Beispiel ist eine der sichersten Tätigkeiten überhaupt", betont Breithecker, seines Zeichens Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung (BAG).

Gewagtes Spielen verringert Angst

"Kinder müssen hoch hinaus, damit bauen sie ihre Höhenangst ab." Ellen Sandseter und ihr Kollege Leif Kennair vermuten denn auch, einer der wichtigsten Aspekte gewagter Spiele könnte ihre antiphobische Wirkung sein. "Das Kind verringert durch das Spiel seine Angst vor Situationen, die 'gefährlich' waren, als es noch kleiner war", schreiben die Trondheimer 2011 in einem Übersichtsartikel über die evolutionären Aspekte riskanten Spielverhaltens.

Unbewusst benutzten Kinder damit eine Technik, die heute als eine der wirksamsten zur Behandlung von Angststörungen eingesetzt wird: Verhaltenstherapie, die das Gefürchtete in kleine Scheibchen teilt, so dass mit der Zeit auch "große" Angst überwunden werden kann. Werden vermeintlich gefährliche Situationen nun ständig eingeschränkt oder verboten, bleibt die Angst des kleinen Kindes, die längst nicht mehr angebracht wäre, bestehen. Ängstliche Eltern schaffen damit ängstliche Kinder - möglicherweise, fürchten die Wissenschaftler, sogar angstgestörte. Umgekehrt erleben Kinder aber auch Furcht, wenn Anforderungen und Erwartungen ihre Fähigkeiten übersteigen, etwa weil ihre Eltern Mut verlangen, obwohl sie noch nicht so weit sind. Wer sich als Folge solcher Interventionen nicht sicher bewegt, bewegt sich oft auch nicht gern: Das fängt beim Turnunterricht an, den ungeschickte Kinder nicht selten als demütigend und ausgrenzend erleben, sofern aufmerksame Lehrkräfte hier nicht klar gegensteuern.

Natur- und Bewegungsdefizit

Statt nach der Schule dann ein, zwei Stunden im Freien zu toben, wie es Kinder und Jugendliche bräuchten, ziehen sie sich lieber zurück, vor Fernseher, Computer, Spielkonsole. Der daraus resultierende Bewegungsmangel ist Risikofaktor für praktisch alles: Soziale Interaktion mit anderen Kindern und Lernvermögen leiden. Zu wenig Bewegung lässt das Selbstvertrauen sinken, psychische Probleme nehmen zu. "Unsportliche Jugendliche erkranken fünfmal öfter an Depressionen als sportlich aktive", berichtet der Grazer Kinder- und Jugendmediziner Peter Schober, "und ihr Suchtrisiko ist höher." Sogar ein Zusammenhang mit ADHS ist wahrscheinlich. So verbesserte sich der Zustand von aufmerksamkeitsgestörten Kindern, die der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther mit viel Bewegung und Herausforderung therapiert hatte, auch ohne Tabletten dramatisch - zwei Monate mit viel Arbeit auf einer Almhütte und käsen lernen hatten gereicht.

Unter dem Natur- und Bewegungsdefizit leidet die Gesundheit unserer Jugend. Kopf- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Übergewicht und Essstörungen sind auf dem Vormarsch. Und Bewegungsmangel schafft Bewegungsprobleme: "Bei drei von vier verunfallten Kindern spielen motorische Defizite eine Rolle", fasst Schober die Studienlage zusammen. Die Angst vor Beulen und die ständige Sorge um das Kindeswohl erschaffen letztlich also erst, was sie verhindern wollten: mehr Verletzungen, mehr seelisches Leid, mehr körperliche Probleme. Eine wachsende Schar von Fachleuten fordert deshalb, Schrammen, Kratzer, Platzwunden, ja selbst Knochenbrüche als normalen Teil der Kindheit anzuerkennen. "Eine Verletzung ist eine Lappalie im Vergleich zum Vorteil, den ein Kind davon hat, frei spielen und klettern zu dürfen", davon ist auch Dieter Breithecker überzeugt. Wer blaue Flecken als Kinderrecht akzeptiert, wird sich dann auch leichter tun, den Sprössling mit Freunden unbeaufsichtigt im Hof spielen zu lassen.

Knochenbrüche einkalkuliert

In den europäischen Richtlinien für Spielplätze ist diese Sichtweise längst verankert: "Das Spielangebot sollte darauf abzielen, die Balance zu halten zwischen der Notwendigkeit, Risiko anzubieten, und der Notwendigkeit, das Kind vor schweren Verletzungen zu schützen", heißt es im Vorwort zur EU-Norm der "Spielplatzgeräte und Spielplatzböden" von 2008. Kinder müssten lernen, "mit Risiken fertigzuwerden, und das kann auch zu Prellungen, Quetschungen und sogar gelegentlich zu gebrochenen Gliedmaßen führen."

Ziel ist also längst nicht mehr, eine unfallfreie Umgebung zu schaffen. Es sollen lediglich Unfälle mit bleibenden Schäden oder Todesfolge verhindert werden. "Keine Umgebung kann je hundertprozentig sicher sein", meint die britische Psychologin Jennie Lindon und Autorin des Buchs "Too Safe for Their Own Good?". "Auch gut überwachte Kinder schaffen es, sich zu verletzen. Oft auf unvorhersehbare Weise." Öde Spielgeräte etwa beginnen Kinder gerne gefährlich zweckzuentfremden, sie balancieren beispielsweise auf dem zu niedrigen Gerüst ganz oben. Auf einem herausfordernd hohen täten sie das nicht.

Auch stellte David Ball, Risikoforscher an der Middlesex University in London, vor einigen Jahren fest, dass die (insgesamt geringe) Zahl von Knochenbrüchen auf Spielplätzen nach dem Einführen stoßdämpfender Untergründe in England und Australien gestiegen, nicht gesunken war. "Die Kinder glauben, der weiche Boden ist sicherer, als er ist", so Ball. Bei harten Böden wissen sie, dass der Aufprall schmerzt - und sind vorsichtiger. Jede Blessur hat auch ihr Gutes: Ein Kind weiß erst, was "heiß" bedeutet, wenn es sich verbrannt hat. Zurufe und erhobene Zeigefinger hinterlassen keine (positiven) Repräsentationen im Gehirn, nur Erfahrung und Übung tun das. Das nachhaltigste Lernen ist Lernen durch Handeln. Und das gilt auch für uns Erwachsene. Nun, da wir wissen, wie sehr Überbehütung unseren Kindern schadet, können wir an uns selbst arbeiten, um mehr Elternmut zu entwickeln. Zum Wohl unserer Kinder lasst uns hin und wieder üben, nicht einzugreifen: einmal tief durchatmen, Augen zu - und durch.



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meinmein 09.06.2012
1.
Zitat von sysopDPAKinder müssen spielen, toben, Wagnisse eingehen - und sich manchmal blaue Flecken holen. Nur so können sie sich psychisch und körperlich gesund entwickeln. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,836706,00.html
Der Unterschied gegenüber früher ist-so hart es klingt-man hatte genug Kinder, jedes Jahr kam ein neues. So konnte man einen Verlust leichter verschmerzen.
akeley 09.06.2012
2.
Siehe auch Let Them Eat Dirt | The Scientist (http://the-scientist.com/2012/03/22/let-them-eat-dirt/) "Let them eat Dirt", ein Artikel über die Notwendigkeit, Kindern durch normales Aussetzen gegenüber Mikroben ein funktionierendes Immunsystem zu ermöglichen. Wenn ich diese ganze übertriebene Hygienewerbung mit ihrer Botschaft der keimfreien Wohnung und unablässigen Reinigung und Sterilisierung sehe, wird mir schlecht. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in pathologische Ängste und Zwänge geraten.
ernstl1704 09.06.2012
3. ...
Ich war letztens morgens 8.30 an einem Schulzentrum aus IGS und Realschule, ca. 1500 Schüler, im Fahrradständer standen genau 4 Fahrräder. Zu meiner Zeit gab es einen großen Fahrradnunterstellraum der war voll mit Rädern. Obwohl die Zahl der Verkehrsunfälle seit JAhrzehnten abnimmt, wächst die Angst. Und Radfahren ist ja soooooo gefährlich und bitte immer nur mit Helm, alles anderes ist doch vööööölllllig unverantwortlich. Und ein Handy braucht das Kind, es kann ja was sein. Ich bin 13 Jahre ohne Handy zur Schule gegangen und jeden Tag zum Mittagessen zurück gekehrt, wie ich das gemacht habe ist mir Heute ein Rätsel. Wir haben ein Haus mit 2 Etagen, bzw incl Keller 3. Ich habe keine dieser Sicherheitsgitter vor die Treppen gemacht, meine Kinder sind komischerweise trotzdem nicht die Treppe runtergestürzt. Kinder wissen was sie tun, sonst wäre die Menschheit nämlich längst ausgestorben, wenn Kleinkinder von jedem nächstbesten Felsen stürzen würden.
grüni 09.06.2012
4.
aber dann gibt es auch die überaus aufmerkasamen mitbrüger, die hinter jedem blauen fleck einfach mal ihre vermutungen anstellen und eine ausgemachte kindesmisshandlung unterstellen...
siebke 09.06.2012
5. Zustimmung!
Danke für diesen Bericht!
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