Kindererziehung: Ein Recht auf Schrammen

Von "Gehirn & Geist"-Autorin Verena Ahne

Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen Zur Großansicht
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Kinder beim Schaukeln: Hier müssen Eltern manchmal ganz tief durchatmen

Kinder müssen spielen, toben, Wagnisse eingehen - und sich manchmal blaue Flecken holen. Nur so können sie sich psychisch und körperlich gesund entwickeln. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen.

Hoch oben im Kirschbaum sitzt er, Vincent, ein Lächeln im Gesicht, und summt. Es hat ihn einige Mühe gekostet, dorthin zu gelangen: Zuerst über den schräg hängenden Stamm balancierend, bis der zu steil wurde, dann einen Moment der Angst überwindend, das Zögern, das "Kann-ich-nicht". Schließlich beherzt das letzte Stück steigend bis zum herrlichen Ausguck in luftiger Höhe, wo er zufrieden und eins mit sich selbst verweilt. Wie fast alle seine Altersgenossen liebt mein Sohn, jetzt fünfeinhalb, das Klettern. Wo Bäume fehlen, turnt er auf Spielgeräten, Boulderwänden oder Schränken, hinauf, immer hinauf. Oder hinunter - Sprünge übt er seit Jahren: vom Fels ins Gras, von der Mauer auf Asphalt oder die Treppe hinab, zwei Stufen, drei, inzwischen fünf, die Hosen haben Löcher, die Beine blaue Flecken.

Wer viel mit Kindern zu tun hat, weiß, wie sehr sie solchen Nervenkitzel lieben, den Wonneschauer der Gefahr, die Höhe, die Geschwindigkeit, das Kreiseln, Schaukeln, Hängen, Balancieren.

Im Spiel mit Wagnis und selbstgewähltem Risiko, erklären Entwicklungsforscher, loten Kinder Grenzen aus, um Schritt für Schritt darüber hinauszuwachsen; so besiegen sie ihre kleinen und großen Ängste. So entwickeln sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So lernen sie, sich geschickt zu bewegen, sich nicht zu verletzen, Situationen richtig einzuschätzen. So gewinnen sie Sicherheit fürs ganze Leben.

Gefahr und Wagnis

In unserer Gesellschaft der Sicherheitsmaximierung hat das Wort Risiko einen negativen Beigeschmack, vor allem, wenn es um Kinder geht. Doch es gibt einen Unterschied zwischen echter Gefahr und Wagnis oder Risiko: Gefahr ist etwas, das ein Kind nicht sieht und wovor es bewahrt werden muss: ein offenes Fenster im dritten Stock, giftige Chemikalien, Strömungen im Gewässer. Ein Wagnis oder Risiko hingegen stellt eine Herausforderung dar, die das Kind erkennt und bei der es selbst entscheiden kann, ob es sie annehmen möchte: Wie weit traue ich mich auf den Baum hinauf? Falle ich, wenn ich mit dem Fahrrad eine enge Kurve mache?

Die norwegische Psychologin Ellen Sandseter beobachtete eine Vielzahl von Vorschulkindern beim Spielen und definierte 2007 sechs Felder, die jene oder ihre Aufsichtspersonen als besonders aufregend empfinden. Klar an erster Stelle steht "große Höhe": Klettern, Abspringen von festem oder wackligem Untergrund, Balancieren, kopfüber Hinunterhängen, Schwingen, möglichst weit nach oben.

"Hohe Geschwindigkeit" lässt schon die ganz Kleinen freudig johlen, wenn sie unkontrolliert schnell laufen. Beim Schaukeln, Rutschen, Schlittern, Kreiseln geraten noch ältere Kinder in Temporausch - und natürlich auf fahrbaren Untersätzen, von Lauf- und Fahrrädern über Skateboards, Roller, Ski bis hin zu selbstgebauten Seifenkisten. Da stockt mir der Atem, wenn ich sehe, wie der Junior, zuerst mit dem Laufrad, inzwischen mit Fahrrad und Roller, um die Ecken schießt, auf Kollisionskurs mit anderen Kindern - nur um im letzten Sekundenbruchteil zu bremsen oder auszuweichen.

Ebenfalls von Kindern wie auch Erwachsenen als riskant eingestuft werden "wildes Toben und Raufen". Besonders Jungen, das musste ich als gelernte Kulturanthropologin ("die Erziehung macht den Unterschied") inzwischen einsehen, begeistert kaum etwas so sehr wie der Kampf: sei es reines Gerangel oder das Aufeinandereinschlagen mit Stöcken, Kissen oder, nun ja, auch mein Sohn besitzt inzwischen ein paar "echte Waffen" wie Holzschwerter. Tränen sind dabei an der Tagesordnung, aber anscheinend will gelernt werden, dass Treffer schmerzen. Auch die "Nähe von Gefahrenstellen" wie Klippen, steilen Abhängen, tiefem oder eisigem Wasser oder Feuer erleben manche Kinder als aufregend. Allerdings bemerkte die Forscherin vom Queen Maud University College in Trondheim auch, dass sich durchaus nicht alle Kids der Gefahren bewusst sind, etwa wenn sie völlig in ihrem Spiel aufgehen.

Auf ins Abenteuer

Hingegen fanden es die Vorschulkinder durchgehend spannend, sich zu verstecken oder unbekanntes Terrain zu erkunden, außer Sichtweite der Erwachsenen - sie genießen den Kitzel, "sich zu verirren". Und natürlich lieben Kinder "gefährliche Geräte" wie Messer, Sägen oder Beile. Nicht überall fürchten die Großen solches Werkzeug in Kinderhänden: So erzählte mir eine Bekannte von einem Waldkindergarten, in dem immer eine Axt herumliegt - nach festgelegten Regeln dürfen die Kleinen damit hantieren. In manch anderen Ländern herrschen aber noch ganz andere Sitten. In Gambia etwa beobachtete 2009 die englische Ethnologin Morgan Leichter-Saxby kleine Jungs, die mit selbst gefertigten Bögen und Messern auf Wildschweinjagd gingen.

Kein Erwachsener hatte ihnen den Bau der Waffen gezeigt: Das Wissen wurde von einer Kindergeneration an die nächste weitergegeben. Den kleinen Bruder, so erzählten sie, würden sie erst mitnehmen, wenn er acht ist. Bis dahin jage er Kaninchen. Es stand auch niemand unter dem riesigen Mangobaum, der die wilden Kraxler aufgefangen hätte. "Ein Kleinkind wusste am Ende eines Zweigs nicht mehr weiter", schreibt die Forscherin in ihrem Blog. "Da ließ es sich einfach fallen, schüttelte sich den Staub von den Kleidern und startete den nächsten Versuch."

Elternparanoia

Fürchten wir heute in den westlichen Nationen also zu sehr um unseren Nachwuchs? Der britische Soziologe Frank Furedi glaubt, ja - und prägte dafür den Begriff "Elternparanoia". Das Bild vom Kind, so die These des emeritierten Professors von der University of Kent, habe sich im letzten Jahrhundert stark gewandelt. Kinder wurden früher als robust und belastbar angesehen, Risiko als positiv. Heute gelten sie als zerbrechlich und sollen von Anfang an vor Schäden jeglicher Art, seelischen wie körperlichen, bewahrt werden.

Von den verunsicherten Eltern profitiert ein riesiger Ratgebermarkt, der die Angst aber nur noch weiter anheizt. Hinzu kommt der Einfluss der Medien, die meist ein Zerrbild der Lebensrealität wiedergeben. Wenn eine österreichische Zeitung vier Zeilen über die vielen Toten bei Skiunfällen bringt, daneben aber eine ganze Seite dem tragischen Unfall eines Mädchens auf einem Spielplatz widmet, fehlt jede Relation. Spielplätze rangieren laut Statistiken weit unten auf der Liste kindlicher Unfallorte. Oder die Panik vor einer Entführung: Wenn ich an die letzten Jahre denke, fallen mir Natascha Kampusch und die kleine Maddie ein - Einzelfälle. Doch die Angst sitzt tief! Noch keine Sekunde hatte mich bis vor kurzem der Gedanke gestreift, ich könnte Vincent ab nächstem Jahr den Schulweg allein bestreiten lassen. Dabei würde der fast ausschließlich durch den grünen Prater führen, ein verkehrsfreies, riesiges Naherholungsgebiet in Wien.

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insgesamt 308 Beiträge
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1.
meinmein 09.06.2012
Zitat von sysopKinder müssen spielen, toben, Wagnisse eingehen - und sich manchmal blaue Flecken holen. Nur so können sie sich psychisch und körperlich gesund entwickeln. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen. Erziehung: Warum Eltern ihre Kinder toben lassen sollten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,836706,00.html)
Der Unterschied gegenüber früher ist-so hart es klingt-man hatte genug Kinder, jedes Jahr kam ein neues. So konnte man einen Verlust leichter verschmerzen.
2.
akeley 09.06.2012
Siehe auch Let Them Eat Dirt | The Scientist (http://the-scientist.com/2012/03/22/let-them-eat-dirt/) "Let them eat Dirt", ein Artikel über die Notwendigkeit, Kindern durch normales Aussetzen gegenüber Mikroben ein funktionierendes Immunsystem zu ermöglichen. Wenn ich diese ganze übertriebene Hygienewerbung mit ihrer Botschaft der keimfreien Wohnung und unablässigen Reinigung und Sterilisierung sehe, wird mir schlecht. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in pathologische Ängste und Zwänge geraten.
3. ...
ernstl1704 09.06.2012
Ich war letztens morgens 8.30 an einem Schulzentrum aus IGS und Realschule, ca. 1500 Schüler, im Fahrradständer standen genau 4 Fahrräder. Zu meiner Zeit gab es einen großen Fahrradnunterstellraum der war voll mit Rädern. Obwohl die Zahl der Verkehrsunfälle seit JAhrzehnten abnimmt, wächst die Angst. Und Radfahren ist ja soooooo gefährlich und bitte immer nur mit Helm, alles anderes ist doch vööööölllllig unverantwortlich. Und ein Handy braucht das Kind, es kann ja was sein. Ich bin 13 Jahre ohne Handy zur Schule gegangen und jeden Tag zum Mittagessen zurück gekehrt, wie ich das gemacht habe ist mir Heute ein Rätsel. Wir haben ein Haus mit 2 Etagen, bzw incl Keller 3. Ich habe keine dieser Sicherheitsgitter vor die Treppen gemacht, meine Kinder sind komischerweise trotzdem nicht die Treppe runtergestürzt. Kinder wissen was sie tun, sonst wäre die Menschheit nämlich längst ausgestorben, wenn Kleinkinder von jedem nächstbesten Felsen stürzen würden.
4.
grüni 09.06.2012
aber dann gibt es auch die überaus aufmerkasamen mitbrüger, die hinter jedem blauen fleck einfach mal ihre vermutungen anstellen und eine ausgemachte kindesmisshandlung unterstellen...
5. Zustimmung!
siebke 09.06.2012
Danke für diesen Bericht!
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Auf einen Blick
Nur Mut!
  • Erstens: Kinder bevorzugen natürlicherweise Spielsituationen, in denen sie ihre physischen Grenzen ausloten können.
  • Zweitens: Psychologen vermuten, dass die Konfrontation mit einem gewissen Maß an Gefahr notwendig ist, um Ängste abzubauen und Sicherheit im Abwägen von Risiken zu erlangen.
Drittens: Die Gelegenheit dazu bieten vor allem komplexe Spielumgebungen, wie sie sich in der Natur oder auf naturnahen Spielplätzen finden.
Wer wagt, gewinnt: Tipps für Eltern
  • DPA


    - Achten Sie darauf, wo das Kind in seiner Entwicklung gerade steht und ob es neue Herausforderungen braucht.
  • - Vermeiden Sie jedoch Überforderung: Kinder nicht mit anderen vergleichen, sie nicht zu Dingen zu drängen, zu denen sie (noch) nicht bereit sind!
  • - Schreiten Sie ein, wenn weniger bewegungsbegabte Kinder ausgelacht werden. Vermitteln Sie, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat.
  • - So oft wie möglich raus in die Natur! Kinder lieben "Matschen", Klettern, Bauen und Verstecken. Je abwechslungsreicher die Umgebung, desto besser.
  • - Wichtig sind zweckmäßige Kleidung und Schuhe, die nass und dreckig werden dürfen.
  • - Packen Sie beim Ausflug in den Wald Bindfäden, Seile, Schnitzmesser ein. Stellen Sie jedoch feste Regeln für den Gebrauch auf und werkeln Sie gemeinsam mit kleineren Kindern!
  • - Väter, spielt mit euren Kindern! Tendenziell lassen Männer mehr Risiko, mehr Dreck, mehr Aufregung zu. Das tut den Kleinen gut.
  • - Bekanntschaften im Wohnumfeld schließen: Je mehr Leute Sie kennen, desto leichter ist es, das Kind einfach hinauszuschicken.
  • - Immer dran denken: Beulen und Schrammen sind kein Drama - Überbehütung schon!


(Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V. (BAG) und andere)