Von "Gehirn & Geist"-Autorin Verena Ahne
Hoch oben im Kirschbaum sitzt er, Vincent, ein Lächeln im Gesicht, und summt. Es hat ihn einige Mühe gekostet, dorthin zu gelangen: Zuerst über den schräg hängenden Stamm balancierend, bis der zu steil wurde, dann einen Moment der Angst überwindend, das Zögern, das "Kann-ich-nicht". Schließlich beherzt das letzte Stück steigend bis zum herrlichen Ausguck in luftiger Höhe, wo er zufrieden und eins mit sich selbst verweilt. Wie fast alle seine Altersgenossen liebt mein Sohn, jetzt fünfeinhalb, das Klettern. Wo Bäume fehlen, turnt er auf Spielgeräten, Boulderwänden oder Schränken, hinauf, immer hinauf. Oder hinunter - Sprünge übt er seit Jahren: vom Fels ins Gras, von der Mauer auf Asphalt oder die Treppe hinab, zwei Stufen, drei, inzwischen fünf, die Hosen haben Löcher, die Beine blaue Flecken.
Wer viel mit Kindern zu tun hat, weiß, wie sehr sie solchen Nervenkitzel lieben, den Wonneschauer der Gefahr, die Höhe, die Geschwindigkeit, das Kreiseln, Schaukeln, Hängen, Balancieren.
Im Spiel mit Wagnis und selbstgewähltem Risiko, erklären Entwicklungsforscher, loten Kinder Grenzen aus, um Schritt für Schritt darüber hinauszuwachsen; so besiegen sie ihre kleinen und großen Ängste. So entwickeln sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So lernen sie, sich geschickt zu bewegen, sich nicht zu verletzen, Situationen richtig einzuschätzen. So gewinnen sie Sicherheit fürs ganze Leben.
Gefahr und Wagnis
In unserer Gesellschaft der Sicherheitsmaximierung hat das Wort Risiko einen negativen Beigeschmack, vor allem, wenn es um Kinder geht. Doch es gibt einen Unterschied zwischen echter Gefahr und Wagnis oder Risiko: Gefahr ist etwas, das ein Kind nicht sieht und wovor es bewahrt werden muss: ein offenes Fenster im dritten Stock, giftige Chemikalien, Strömungen im Gewässer. Ein Wagnis oder Risiko hingegen stellt eine Herausforderung dar, die das Kind erkennt und bei der es selbst entscheiden kann, ob es sie annehmen möchte: Wie weit traue ich mich auf den Baum hinauf? Falle ich, wenn ich mit dem Fahrrad eine enge Kurve mache?
Die norwegische Psychologin Ellen Sandseter beobachtete eine Vielzahl von Vorschulkindern beim Spielen und definierte 2007 sechs Felder, die jene oder ihre Aufsichtspersonen als besonders aufregend empfinden. Klar an erster Stelle steht "große Höhe": Klettern, Abspringen von festem oder wackligem Untergrund, Balancieren, kopfüber Hinunterhängen, Schwingen, möglichst weit nach oben.
"Hohe Geschwindigkeit" lässt schon die ganz Kleinen freudig johlen, wenn sie unkontrolliert schnell laufen. Beim Schaukeln, Rutschen, Schlittern, Kreiseln geraten noch ältere Kinder in Temporausch - und natürlich auf fahrbaren Untersätzen, von Lauf- und Fahrrädern über Skateboards, Roller, Ski bis hin zu selbstgebauten Seifenkisten. Da stockt mir der Atem, wenn ich sehe, wie der Junior, zuerst mit dem Laufrad, inzwischen mit Fahrrad und Roller, um die Ecken schießt, auf Kollisionskurs mit anderen Kindern - nur um im letzten Sekundenbruchteil zu bremsen oder auszuweichen.
Ebenfalls von Kindern wie auch Erwachsenen als riskant eingestuft werden "wildes Toben und Raufen". Besonders Jungen, das musste ich als gelernte Kulturanthropologin ("die Erziehung macht den Unterschied") inzwischen einsehen, begeistert kaum etwas so sehr wie der Kampf: sei es reines Gerangel oder das Aufeinandereinschlagen mit Stöcken, Kissen oder, nun ja, auch mein Sohn besitzt inzwischen ein paar "echte Waffen" wie Holzschwerter. Tränen sind dabei an der Tagesordnung, aber anscheinend will gelernt werden, dass Treffer schmerzen. Auch die "Nähe von Gefahrenstellen" wie Klippen, steilen Abhängen, tiefem oder eisigem Wasser oder Feuer erleben manche Kinder als aufregend. Allerdings bemerkte die Forscherin vom Queen Maud University College in Trondheim auch, dass sich durchaus nicht alle Kids der Gefahren bewusst sind, etwa wenn sie völlig in ihrem Spiel aufgehen.
Auf ins Abenteuer
Hingegen fanden es die Vorschulkinder durchgehend spannend, sich zu verstecken oder unbekanntes Terrain zu erkunden, außer Sichtweite der Erwachsenen - sie genießen den Kitzel, "sich zu verirren". Und natürlich lieben Kinder "gefährliche Geräte" wie Messer, Sägen oder Beile. Nicht überall fürchten die Großen solches Werkzeug in Kinderhänden: So erzählte mir eine Bekannte von einem Waldkindergarten, in dem immer eine Axt herumliegt - nach festgelegten Regeln dürfen die Kleinen damit hantieren. In manch anderen Ländern herrschen aber noch ganz andere Sitten. In Gambia etwa beobachtete 2009 die englische Ethnologin Morgan Leichter-Saxby kleine Jungs, die mit selbst gefertigten Bögen und Messern auf Wildschweinjagd gingen.
Kein Erwachsener hatte ihnen den Bau der Waffen gezeigt: Das Wissen wurde von einer Kindergeneration an die nächste weitergegeben. Den kleinen Bruder, so erzählten sie, würden sie erst mitnehmen, wenn er acht ist. Bis dahin jage er Kaninchen. Es stand auch niemand unter dem riesigen Mangobaum, der die wilden Kraxler aufgefangen hätte. "Ein Kleinkind wusste am Ende eines Zweigs nicht mehr weiter", schreibt die Forscherin in ihrem Blog. "Da ließ es sich einfach fallen, schüttelte sich den Staub von den Kleidern und startete den nächsten Versuch."
Elternparanoia
Fürchten wir heute in den westlichen Nationen also zu sehr um unseren Nachwuchs? Der britische Soziologe Frank Furedi glaubt, ja - und prägte dafür den Begriff "Elternparanoia". Das Bild vom Kind, so die These des emeritierten Professors von der University of Kent, habe sich im letzten Jahrhundert stark gewandelt. Kinder wurden früher als robust und belastbar angesehen, Risiko als positiv. Heute gelten sie als zerbrechlich und sollen von Anfang an vor Schäden jeglicher Art, seelischen wie körperlichen, bewahrt werden.
Von den verunsicherten Eltern profitiert ein riesiger Ratgebermarkt, der die Angst aber nur noch weiter anheizt. Hinzu kommt der Einfluss der Medien, die meist ein Zerrbild der Lebensrealität wiedergeben. Wenn eine österreichische Zeitung vier Zeilen über die vielen Toten bei Skiunfällen bringt, daneben aber eine ganze Seite dem tragischen Unfall eines Mädchens auf einem Spielplatz widmet, fehlt jede Relation. Spielplätze rangieren laut Statistiken weit unten auf der Liste kindlicher Unfallorte. Oder die Panik vor einer Entführung: Wenn ich an die letzten Jahre denke, fallen mir Natascha Kampusch und die kleine Maddie ein - Einzelfälle. Doch die Angst sitzt tief! Noch keine Sekunde hatte mich bis vor kurzem der Gedanke gestreift, ich könnte Vincent ab nächstem Jahr den Schulweg allein bestreiten lassen. Dabei würde der fast ausschließlich durch den grünen Prater führen, ein verkehrsfreies, riesiges Naherholungsgebiet in Wien.
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