Plädoyer für lustige Krankheitsnamen "Ich habe extremen Horst"

Früher wurden Krankheiten oft mit Männernamen bezeichnet - vom flotten Otto bis zum Ziegenpeter. Diese schöne Sitte ist leider aus der Mode gekommen - aber jetzt kommt der fiese Gerd.

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Viel Durst, viel Horst: Statt vom Kater zu reden, könnte man das Unwohlsein nach einer durchzechten Nacht doch als Horst ansprechen
Corbis

Viel Durst, viel Horst: Statt vom Kater zu reden, könnte man das Unwohlsein nach einer durchzechten Nacht doch als Horst ansprechen


Es war mal Mode, körperliche Unzulänglichkeiten mit populären Männernamen der Fünfzigerjahre zu bezeichnen. Ich erinnere mich gut an den "flotten Otto" (Durchfall), den "Ziegenpeter" (Mumps), den "Körper-Klaus" (Ungeschicklichkeit) und den üblen "Maul-Gunther" (Mundgeruch).

Zu Gebrechen, die solche Namen getragen haben, ließ sich eine quasi kumpelhafte Beziehung aufbauen. So wie zu alten Bekannten, die einem auf die Nerven gehen, wenn man sie trifft, die man aber gelernt hat, auszuhalten. Krankheiten oder Unpässlichkeiten wurden erträglicher, weil man sie mit Namen ansprechen konnte. Natürlich mussten es Männernamen sein, alles Leiden ist männlich, auch der Kater nach einer durchfeierten Nacht. Ich habe allerdings nie verstanden, warum dieser Zustand den Namen eines Tieres trägt. "Ich habe einen extremen Horst!" - das wäre viel passender.

Alle könnten sich mit einfachen Sprüchen viel besser merken, dass sie nicht so viel trinken sollten: "Viel Durst, viel Horst!" Die Welt am Tag nach der Feier wäre eine bessere, wenn man bei den männlichen Vornamen für Unpässlichkeiten geblieben wäre.

"Ich bin total verheinzt!"

Verwunderlich auch, dass es keinen Männernamen für eine Erkältung gibt. "Ich bin total verheinzt!" Da hört man schon den Schleim rasseln, das würde doch super passen.

Leider ist diese Sitte aus der Mode gekommen. Aber wie jede Mode, kommt auch diese wieder, denn jetzt gibt es "Gerd". Ein unangenehmer Bekannter, der bei schummrigen Kneipenabenden auftaucht, und besonders Männer heimsucht, die regelmäßig Alkohol trinken, rauchen und übergewichtig sind.

Warum Gerd? Aus Gründen der Emanzipation, wäre es Zeit für eine Gerlinde gewesen, aber Gerd hat eine tiefere Bedeutung.

Die Abkürzung leitet sich aus dem Englischen ab, von "gastroesophageal reflux disease", übersetzt: gastroösophageale Refluxkrankheit. Für Nicht-Mediziner: Magensäure läuft aus dem Magen in die Speiseröhre, es kommt zu Sodbrennen. Gerd ist wirklich keiner, mit dem man gerne zu tun hat. Auch ich treffe ihn öfter, wie wahrscheinlich, so Schätzungen, ein Viertel der Deutschen. Aber ich versuche alles - kein fettes Essen, kein Knoblauch, Alkohol in Maßen - um ihm nicht zu begegnen. Denn langfristig kann Sodbrennen zu Entzündungen und vielleicht sogar Krebs in der Speiseröhre führen. Es ist nicht harmlos, man sollte damit zum Arzt gehen, wenn es öfter vorkommt.

Auch wenn die Auswirkungen des Sodbrennens unangenehm bis gefährlich sind, finde ich es schöner, dass diese Krankheit jetzt Gerd heißt. Denn sich auf einer Feier mit dem Hinweis, "Ich habe Sodbrennen" zu verabschieden? Da klingt es doch viel besser, viel geheimnisvoller zu sagen: "Ich muss fort, du weißt schon, wegen Gerd, diesem Scheißkerl..."



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Seite 1
a.m.g. 22.10.2014
1. ULF bei Erbrechen
Wer an Nausea leidet und bemerkt, dass er seinen Mageninhalt nicht mehr lange wird bei sich behalten können, kann dann auf seinem überstürzten Weg zur Schüssel andere darüber informieren, dass er gleich den ULF rufen müsse.
Mehrleser 22.10.2014
2.
Gerd, Otto, Klaus - das geht überhaupt nicht! Wir brauchen gendergerechte Bezeichnungen für alle cis/trans/sonstwas Weibchen, Männchen und Andersgeschlechtliche. Und als Mann bekomme ich voll die Ilse, wenn nur Männernamen für Übelkeiten herhalten müssen!
catcargerry 22.10.2014
3. Fassungslos
So eine infantile Dämlichkeit kann ich mir nicht einmal von der Berg oder dem Wehrle vorstellen. Das muss vor dem Kater geschrieben worden sein. War da kein Redakteur oder sonst jemand mit Verstand?
Vanagas 22.10.2014
4. Nicht nur Krankheiten bekommen männliche Namen!
Auch Körperteile bekommen männliche Namen , zum Beispiel "Pillemann" : - ))
timelock1 22.10.2014
5. Erfundenen Krankheiten
Als ich 1985 die Fachoberschule für Gestaltung in Aachen besuchte, waren alle Schüler schon über 18 und konnten sich deshalb im Krankheitsfall selber entschuldigen. Die Lehrer legten dabei aber immer sehr großen Wert darauf, ein von uns unterschriebenes Dokument zu bekommen, in dem auch der Grund für das Fernbleiben aufgeführt wurde. Um diesen Prozess für alle Seiten etwas zu optimieren und unserer kreativen Ausbildung gerecht zu werden, entwickelten wir daraufhin einen Vordruck, in dem verschiedene Krankheitsbilder als Grund für die Fehlstunden aufgeführt waren und einfach angekreuzt werden konnten. Darunter folgende Wortschöpfungen: wüste Füße, Nackenversacken, Ohrenschmoren, Zahnwahn, Brustfrust, Nierenschlieren, Zehenwehen, Augenlaugen,Nasenrasen... Zusätzlich gab es natürlich noch eine Spalte, in dem man andere Gründe vermerken konnte.
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