Umstrittene Familienaufstellung Psychokurs im Schnelldurchlauf

Sie soll helfen, seelische Probleme zu lösen: Die Familienaufstellung ist bei Alternativpsychologen hoch im Kurs - und bei professionellen Therapeuten höchst umstritten. Kann man den Lebenseinfluss der Herkunft im Schnellverfahren klären?

Stuhlkreis: Aufstellung nach Hellinger ist eine umstrittene Psychotechnik
Corbis

Stuhlkreis: Aufstellung nach Hellinger ist eine umstrittene Psychotechnik

Von Tobias Hürter und Max Rauner


Am Samstag kommt die Monika*. Um kurz nach zehn huscht sie durch den Seminarraum und versprüht Aura-Essenz. Die Teilnehmer ihres Psychokurses haben es sich auf Kissen bequem gemacht. Nur Karsten sitzt auf einem Stuhl, er leidet an Parkinson und braucht Entscheidungshilfe: Soll er sich einen Hirnschrittmacher implantieren lassen, oder doch weiter Medikamente nehmen, um die Symptome zu lindern? Um herauszufinden, was er wirklich will, möchte er gleich seine Familie aufstellen und das Verhältnis zu seinem Nazi-Vater klären. Der ist zwar schon tot, aber dafür sind wir anderen ja hier. Wir sollen seine Angehörigen stellvertretend darstellen.

In Berlin-Charlottenburg betreibt Monika eine "Praxis für Psychotherapie HPG". HPG steht für Heilpraktikergesetz. Hier bietet sie Familienaufstellung nach Bert Hellinger an, eine der umstrittensten Methoden der Alternativpsychologie. Nun sorgt eine Studie der Universität Heidelberg für Wirbel, derzufolge Hellingers Lebenshilfe doch nicht so schlecht ist. Stimmt das Resultat, wäre es folgenreich, nicht nur für Monika und Karsten: Hunderte Heilpraktiker, Psychologen und Ärzte haben die Psychotechnik im Angebot. Ein Teil von ihnen beruft sich wie Hellinger auf ein mysteriöses Feld, das Menschen angeblich über weite Entfernungen und über Generationen hinweg verbindet. "Das Feld lügt nie", sagt Monika.

Quacksalberei der gefährlichen Sorte

Doch Kritiker halten die Aufstellung für unwissenschaftlich und manipulativ - für Quacksalberei der gefährlichen Sorte. "In Aufstellungsseminaren finden sich viele Menschen mit körperlichen Beschwerden", sagt die Psychologin und Autorin Heike Dierbach, die ausführlich in der Aufsteller-Szene recherchiert hat. "Gerade krebskranke Frauen mussten sich dort oft anhören, ihre Krankheit selbst verursacht zu haben - meist, weil sie angeblich ungerecht zu einem Mann waren."

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Die Grundidee der Familienaufstellung ist weit älter als Hellingers Methode und durchaus plausibel. Psychische Krankheiten können demnach mit gestörten Beziehungsmustern des Systems Familie einhergehen. Um den Ursachen auf den Grund zu gehen, stellen Klienten die Familie als Standbild dar - mit Playmobilfiguren, Stühlen oder anderen Teilnehmern. Das ist heute ein Baustein der sogenannten Systemischen Therapie, die in der Regel zehn bis dreißig Stunden dauert und als sogenannte Familientherapie auch weltweit anerkannt ist.

Methode in einer riskanten Form

Hellinger jedoch machte daraus ein Bühnenspektakel im Schnelldurchlauf. In diesem Jahr wird er 89 und ist immer noch aktiv. Die systemischen Therapeuten haben sich von ihm distanziert. "Das Problem ist heute nicht mehr Hellinger selbst", sagt Dierbach, "es sind die vielen Aufsteller, die die Methode in der riskanten Form anbieten."

Auf den ersten Blick scheint die Heidelberger Studie der Kurzzeittherapie à la Hellinger eine positive Wirkung zu bescheinigen: Rund 200 Freiwillige wurden nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe nahm an einem Seminar mit Familienaufstellungen teil, jede Aufstellung dauerte 30 bis 60 Minuten. Die Kontrollgruppe kam auf die Warteliste. Vor dem Seminar sowie zwei Wochen und vier Monate danach füllten alle Teilnehmer Fragebögen zu ihrem psychischen Wohlbefinden aus. Ergebnis: Wer an einer Aufstellung teilgenommen hatte, fühlte sich zwei Wochen und auch vier Monate später besser als vorher und besser als etwa 70 Prozent der Kontrollgruppe. Die gemessenen Effekte waren vergleichbar mit anderen Kurzzeit-Gruppentherapien, aber nicht so groß wie bei einer anerkannten Psychotherapie.

PSYCHO- ODER PSEUDO-THERAPIE?
Therapeuten
Therapeuten, die ein mehrjähriges Studium absolviert haben, tragen die gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung "Psychotherapeut". Heilpraktiker für Psychotherapie wird man viel schneller: Es genügen ein Hauptschulabschluss und eine Prüfung durch das Gesundheitsamt.

Oft nennen sich diese Anbieter "Therapeut für Psychotherapie" oder eröffnen eine "Praxis für Psychotherapie", um den gesetzlich geschützten Titel zu umgehen. Und dann gibt es noch Heiler oder Geistheiler. So darf sich jeder nennen.

Über echte Psychotherapeuten in der Nähe informiert der Suchdienst psych-info.de.
Methoden
Welche Psychotherapien wirklich helfen, beurteilen Experten im wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie. Dieses Gremium bewertet zahlreiche Studien. Fünf Verfahren wurden bisher wissenschaftlich anerkannt:
- die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Psychoanalyse (beide werden auch als Psychodynamische Psychotherapie zusammengefasst)
- die Verhaltenstherapie
- die Gesprächspsychotherapie
- die Systemische Therapie

Zudem gibt es noch ein paar spezielle Methoden und Techniken zur Behandlung ausgewählter Störungen.
Quacksalber
Sie klären nicht über ihre eigene Methode und alternative Therapieverfahren auf, wie vom Patientenrechtegesetz vorgeschrieben. Sie versprechen Heilung in kürzester Zeit. Sie füllen Stadthallen und heilen auf der Bühne. Sie werben mit wundersamen Erfolgsgeschichten. Sie bieten Fernheilung an. Sie wecken Schuldgefühle, wenn eine Behandlung keinen Erfolg hat. Sie reden über ihre eigenen Probleme. Sie schildern ihren Werdegang als Erweckungsgeschichte. Sie machen Telefonberatung und rechnen im Minutentakt ab. Sie werden von keiner gesetzlichen Krankenkasse bezahlt.
Ist die umstrittene Methode damit rehabilitiert? Nein. Über die Familienaufstellung als Psychotherapie sage die Studie gar nichts aus, kritisiert Heike Dierbach. "Das große Problem ist: sie untersucht nur Gesunde." Der Familientherapeut Werner Haas findet die Resultate "noch dürftiger als bei diesen günstigen Ausgangsbedingungen zu erwarten war". Die Teilnehmer repräsentierten nicht die typische Klientel von Therapeuten. Sie kamen aus psychosozialen Berufen und hatten bereits Erfahrung mit Aufstellungen, waren also der Methode von vornherein eher zugeneigt. Wenn sie "das Ganze dann noch im ehrwürdigen Rahmen einer Universität verorten", sagt Haas, "werden sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit positiv angetan sein. Das ist trivial."

Auch die Heidelberger Forscher schließen nicht aus, dass die positiven Effekte auf eine entsprechende Erwartungshaltung zurückzuführen seien. Allerdings sei die Methode anders kaum zu testen, sagt der Psychologe und Koautor Jan Weinhold. Anders als in Medikamentenstudien mit Placebo-Pillen gebe es kaum eine Möglichkeit, die Studie zu "verblinden", also Teilnehmer darüber im Unklaren zu lassen, ob sie die Therapie bekommen oder nicht.

In Berlin-Charlottenburg liegt Karsten neben Christine, die seinen Vater im Grab spielt, und beginnt heftig zu schluchzen. "Lass es zu", sagt die Heilpraktikerin und lässt Christine ein paar Sätze nachsprechen: "Du bist mein Sohn und ich bin dein Vater. In unserer Familie haben wir Männer keine großen Gefühle gezeigt. Aber tief in mir habe ich dich geliebt. Ich nehme das göttliche Licht aus meinem Inneren und gebe es weiter an deine Seele. Du kannst jetzt gehen." Dann ist die Aufstellung vorbei.

Karsten wirkt erschöpft. Hirnimplantat oder Medikamente? Er könne die Entscheidung jetzt nicht treffen, sagt er. Vielleicht später.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem aktuell erschienenen Buch "Schluss mit dem Bullshit! Auf der Suche nach dem verlorenen Verstand" von Tobias Hürter und Max Rauner. Die Namen und einige Details in der beschriebenen Familienaufstellung wurden geändert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
ancoats 20.10.2014
1.
Nein, kann man sicherlich nicht. Das Ganze ist nichts als eine - schlimmstenfalls gefährliche - Scharlatanerie.
slap882 20.10.2014
2. Eine Frage der Erwartungen
Wenn von einer Aufstellung erwartet wird, alle psychischen Probleme im Schnellverfahren zu lösen, ist das natürlich Unsinn. Wenn sie aber dazu benutzt wird, den Beteiligten innerhalb einer Familie Konfliktstrukturen oder destruktive Verhaltensweisen und deren Ursachen klar zu machen, kann die Aufstellung, wenn sie von Profis betrieben wird, sehr wohl sehr gute Ergebnisse erzielen. Ich bin als Ingenieur jeglicher Quacksalberei und Eso-Unsinn mehr als abgeneigt. Eine gut gemachte Aufstellung hat mir jedoch sehr geholfen, die Erziehung meiner Kinder besser zu machen, indem ich ungute Muster erkannt und verändert habe.
noalk 20.10.2014
3. Hirnwäsche
Eine Befragung nach dem psychischen Wohlbefinden zur (alleinigen?) Beurteilung einer solchen Methode heranzuziehen, scheint mir doch ziemlich kurz gegriffen. Da könnte sogar eine Gehirnwäsche positiv abschneiden. Man frage mal Angehörige von dubiosen "Sekten", wie die sich zwei Wochen bzw. vier Monate nach dem Beitritt zu selbiger fühlen.
freemailer2000 20.10.2014
4. Prima..
Zitat von slap882Wenn von einer Aufstellung erwartet wird, alle psychischen Probleme im Schnellverfahren zu lösen, ist das natürlich Unsinn. Wenn sie aber dazu benutzt wird, den Beteiligten innerhalb einer Familie Konfliktstrukturen oder destruktive Verhaltensweisen und deren Ursachen klar zu machen, kann die Aufstellung, wenn sie von Profis betrieben wird, sehr wohl sehr gute Ergebnisse erzielen. Ich bin als Ingenieur jeglicher Quacksalberei und Eso-Unsinn mehr als abgeneigt. Eine gut gemachte Aufstellung hat mir jedoch sehr geholfen, die Erziehung meiner Kinder besser zu machen, indem ich ungute Muster erkannt und verändert habe.
..sollten Sie auch Probleme mit dem Familien Hund haben,so können Sie solch eine Aufstellung mittlerweile auch bei Tierpsychologen buchen.Dem Schamanentum sind keine Grenzen gesetzt,so lange man damit Geld verdienen kann.
spontanistin 20.10.2014
5. Prägung und Konditionierung
Jeder Hundebesitzer lernt heute, wie wichtig es ist, denKindersatz "Haushunde" möglichst früh im Welpenalter zu prägen oder zumindest zu einem "Großstadt-kompatiblen Verhalten zu konditionieren. In Familien läuft das Gleiche - meist unreflektiert von den Eltern übernommen - ab. Diese in der "Urgruppe" Familie geprägten Muster gilt es zu erkennen, insbesondere, wenn sie sich negativ bemerkbar machen.
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