Psychologische Unterstützung Flüchtlinge sollen Flüchtlingen helfen

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert - bekommen aber keine psychologische Unterstützung. Das soll sich jetzt ändern: Eine Deutsche will Flüchtlinge selbst zu Beratern ausbilden.

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Missmahl (l.) mit Team in Afghanistan: "Der Ohnmacht etwas entgegensetzen"
Ipso GmbH

Missmahl (l.) mit Team in Afghanistan: "Der Ohnmacht etwas entgegensetzen"


Sie brauchen dringend psychologische Unterstützung - aber nur wenige Helfer in Deutschland sprechen die Sprache der Flüchtlinge. Deshalb geht jetzt manchmal Amin* (Name geändert) in Kabul ans Telefon. Normalerweise berät der junge Afghane per Videochat Menschen in Afghanistan. Aber jetzt kam ein Hilferuf aus Deutschland - von einer geflüchteten Frau.

"Ich glaube, dass viele Menschen, die nach Deutschland kommen, es erst einmal sehr schwer haben", sagt Amin. Sie fühlten sich verunsichert und zerrissen, zwischen dem modernen Leben und den Traditionen, die sie kennen.

Amin ist Mitarbeiter von Ipso, einer Organisation, die in Afghanistan Menschen mit psychischen Schwierigkeiten berät. Die deutsche Psychoanalytikerin Inge Missmahl hat Ipso 2008 gegründet und zusammen mit deutschen und afghanischen Mitarbeitern aufgebaut. Missmahl hatte zuvor bei ihrer Arbeit an einem Krankenhaus in Kabul erlebt, dass den Menschen dort fast ausschließlich Medikamente verschrieben wurden, statt nach den Ursachen ihrer psychischen Probleme zu forschen.

"Das ist auch Gewaltprävention"

Das Ergebnis: Derzeit arbeiten 280 von Ipso ausgebildete Berater im öffentlichen afghanischen Gesundheitssystem. Mit Unterstützung der Bundesregierung in Berlin wurde außerdem eine Video-Onlinesprechstunde aufgebaut, die derzeit in allen Regionen des Landes genutzt wird. 50.000 Beratungsstunden haben die Mitarbeiter von Ipso nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr in Afghanistan gegeben.

Jetzt wollen Missmahl und ihre Mitstreiter das Modell nach Deutschland holen - und hier Flüchtlinge, die einen medizinischen oder psychologischen Hintergrund haben und am besten Arabisch oder Farsi sprechen, drei Monate lang intensiv schulen, damit sie ihren Landsleuten helfen können. Ein Stück reimportierte Entwicklungszusammenarbeit sozusagen. Denn: Zehntausende Menschen, die meisten aus Syrien, dem Irak und immer mehr auch aus Afghanistan, fliehen nach Deutschland. Aber hier gibt es viel zu wenige psychologische Helfer für die vielen Flüchtlinge - und vor allem zu wenig Personal, das die Sprache der Asylbewerber kennt und ihre Kultur. Dieses Wissen ist aber oft nötig, damit sich Menschen öffnen. "Zum Beispiel habe ich sehr lange gebraucht, um wirklich zu verstehen, wie groß kulturell bedingt oft die Scham ist, zum Beispiel über Gewalt oder über Verlust zu sprechen", sagt Missmahl.

"An ihre eigene Stärke ankoppeln"

Die deutschen Krankenkassen bezahlen bei Therapien aber oft noch nicht einmal den Dolmetscher. Der Bedarf ist riesig: Der Großteil der Menschen, die aus Krisengebieten nach Deutschland kommen, hat Traumatisches erlebt.

Der Ansatz von Ipso: Niedrigschwellige Hilfe, bevor psychische Probleme sich verfestigen. Ziel sei, die Schwierigkeiten von Menschen in ihrem kulturellen Kontext zu verstehen und sie wieder an ihre Stärke und Selbstständigkeit heranzuführen. "Das ist auch Gewaltprävention", sagt die Psychologin Missmahl. Wenn solche Menschen Hilfe bekämen, seien sie auch weniger anfällig für Extremismus. Das ist ein brandaktuelles Thema: Zum Beispiel werben in Deutschland nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Salafisten gezielt um Flüchtlinge.

Flüchtlinge in Deutschland leiden nicht immer nur unter dem, was sie erleben mussten - Krieg, Gewalt, Tod von Angehörigen; sondern eben auch daran, dass sie sich in Deutschland nicht zurechtfinden. Missmahl schildert das Beispiel einer Frau, die mit ihren Kindern aus Syrien geflohen ist. In Deutschland angekommen, entwickelte sie depressive Symptome. Ihr Hauptproblem war, dass sie dachte, sie sei keine gute Mutter mehr. Weil sie sich ohne ihren Mann in Deutschland überfordert fühlte. Sie war zuvor noch nie allein gewesen.

Die Berater von Ipso versuchten dann, mit ihr in Gesprächen herauszufinden, woher ihr Gefühl kommt. Was hat sie in ihrer Heimat als "Gute-Mutter-Sein" empfunden? "Wir wollen erreichen, dass sie zu diesem Gefühl zurückkommt, dass sie wieder an ihre innere Stärke ankoppeln kann", sagt Isabelle Azoulay, Mitarbeiterin von Ipso in Berlin, selbst mit französisch-marokkanischen Wurzeln. "Das Hauptproblem ist, dass die Menschen sich ausgeliefert fühlen. Sie haben sich in ihrer Heimat ausgeliefert gefühlt, dann genauso auf der Flucht und jetzt auch hier. Wir versuchen, dem Ohnmachtsgefühl in Gesprächen etwas entgegenzusetzen", sagt Ipso-Gründerin Missmahl.

Ipso sieht sich dabei nicht als Konkurrenz zu Psychotherapien, sondern als Ergänzung. Menschen mit schweren psychischen Störungen sollen an Kliniken weiterverweisen werden.

Missmahl und ihre Kollegen suchen jetzt in Deutschland nach Mitarbeitern - und nach Förderern. Dabei stehen sie vor einem Dilemma: Die Nachfrage, das ahnen sie schon, wird riesig sein. Aber bisher haben sie erst zwölf Psychologen mit Migrationshintergrund geschult, die Flüchtlinge zu Beratern ausbilden könnten. Und bis mehr Helfer einsatzbereit sind, werden Flüchtlinge in Deutschland vermutlich noch öfter bei Amin anrufen - in Kabul.

*Name geändert



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