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Flugangst nach MH17: "Das Fliegen fördert Urängste zutage"

Ein Interview von

Aus Angst nicht abheben: Unter Flugangst leiden zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung Zur Großansicht
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Aus Angst nicht abheben: Unter Flugangst leiden zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung

Abstürze wie bei Flug MH17 oder der Air-Algérie-Maschine steigern bei vielen Menschen die Furcht vor dem Fliegen. Im Interview erklärt Psychologe Ingo Bögner, warum die Phobie so häufig vorkommt und wie sie sich überwinden lässt.

Zur Person
Ingo Bögner ist Psychologe und Psychotherapeut. Nach längeren Arbeits- und Forschungsaufenthalten in den USA führt er eine Praxis in Köln. Dort behandelt er schwerpunktmäßig Ängste, Panik und Phobien mit verhaltenstherapeutischen Methoden.
SPIEGEL ONLINE: Innerhalb weniger Tage haben sich mehrere schreckliche Flugzeugunglücke ereignet. Verstärken solche Ereignisse die Angst vor dem Fliegen?

Bögner: Wenn so etwas passiert, machen sich die Menschen natürlich Gedanken. In meiner Praxis habe ich deutlich mehr Anfragen als sonst für eine Flugangstbehandlung. Genauso war es auch nach den Ereignissen vom 11. September 2001 in New York. Damals hielt es für mehrere Monate an, beruhigte sich dann aber wieder.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen haben denn überhaupt Angst vor dem Fliegen?

Bögner: Etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung haben so große Angst, dass sie es schon seit Jahren vermeiden zu fliegen. Dazu kommen weitere 20 Prozent, die vorübergehende Ängste haben, wenn Flugunglücke passieren. Es sind also unglaublich viele Menschen betroffen, die deshalb aber nicht alle krank sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum fürchten sich so viele? Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, ist doch äußerst gering.

Bögner: Das Fliegen fördert Urängste der Menschen zutage, wie die Angst vor Höhe oder die Angst vor Wasser. Im Laufe der menschlichen Entwicklung hatte beides eine wichtige Funktion, genau wie die Angst vor unbekannten Geräuschen im Dunkeln. In gewissem Maße sind diese Gefühle also normal. Oft gibt es auch eine klaustrophobische Komponente, hinter der die Angst vor Kontrollverlust steckt: das Gefühl, "wenn mit mir etwas passiert, komme ich hier nicht raus, und es gibt keinen Arzt".

SPIEGEL ONLINE: Ab wann ist die Angst vor dem Fliegen krankhaft?

Bögner: Die Krankenkassen sehen Flugangst überhaupt nicht als Krankheit an, deshalb zahlen sie auch nicht für deren Behandlung. Ich würde von einer krankhaften Angst sprechen, wenn das eigene Leben dadurch stark beeinträchtigt wird. Zum Beispiel kenne ich Ehepaare, die sich wegen der Flugangst scheiden ließen, weil kein gemeinsamer Urlaub möglich war.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut lässt sich Flugangst behandeln?

Bögner: Zum Glück relativ gut, oft muss es dabei ja schnell gehen. Dann kommt zum Beispiel am Freitag jemand zu mir in die Praxis, der am Montag eine wichtige Geschäftsreise antreten soll. Eine dreistündige Sitzung kann schon genügen, damit Patienten sich wieder trauen zu fliegen. Alternativ biete ich auch drei kürzere Termine in Folge an.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau gehen Sie vor, um den Patienten die Angst zu nehmen?

Bögner: Meine Methode ist die konfrontative Verhaltenstherapie. Flugangst lebt von den negativen Bildern im Kopf. Ich bringe den Patienten bei, dem etwas Schönes entgegenzusetzen, wie die Freude auf einen traumhaften Urlaub. Dabei arbeite ich auch mit Entspannungsmethoden und der sogenannten Kommunikationshypnose, um die positive Vorstellung tiefer zu verankern. Ich vermittle aber auch technisches Wissen. Vielen hilft es zum Beispiel zu wissen, dass laute Motorengeräusche keine Gefahr bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Was kann jeder selbst tun, um gegen Flugangst anzugehen?

Bögner: Man sollte sich bewusst machen, wie sehr man sich mit der Angst selbst im Weg steht - sei es beruflich oder weil man eine schöne Reise nicht macht. Wichtig ist, sich einen positiven Anreiz zu schaffen, der stärker als die Angst ist. Es kann auch helfen, die Angst als eine Art Prüfung zu sehen und sich zu erinnern, wie man andere Situationen gemeistert hat, die auch schwierig waren.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat denn eigentlich mehr Angst vor dem Fliegen, Männer oder Frauen?

Bögner: Die Flugangst ist bei beiden etwa gleich stark verbreitet. Aber sie äußerst sich unterschiedlich. Viele Männer versuchen, die Angst mit Alkohol zu bekämpfen, werden dann aggressiv und randalieren im Flugzeug. Frauen kehren das eher nach innen oder nehmen Beruhigungstabletten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das falsch?

Bögner: Zu der Methode mit dem Alkohol kann man natürlich niemandem raten. Wenn Patienten das wollen, erlaube ich ihnen aber, Beruhigungstabletten auf dem Flug bei sich zu haben. Sie wissen dann: Wenn die Angst zu groß wird, kann mir das helfen. Oft wirkt schon das so beruhigend, dass sie die Mittel gar nicht mehr brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich ohnehin schon zu Ängsten neige, sollte ich in Zukunft besser wegschauen, wenn das Fernsehen Bilder von Flugzeugunglücken zeigt?

Bögner: Auf keinen Fall, ein solches Vermeidungsverhalten ist eher schädlich. Man muss sich aber auch nicht gezielt eine zehnstündige Doku über 9/11 ansehen.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. Nun hat der Psychologe das Wort
kopp 25.07.2014
'Dann kommt zum Beispiel am Freitag jemand zu mir in die Praxis, der am Montag eine wichtige Geschäftsreise antreten soll.' ---- Diese abstruse Story soll irgend einer glauben ? Und es kommt noch dicker: Nun meldet sich die Werbeabteilung des Seelenklempners: 'Eine dreistündige Sitzung kann schon genügen...' ---- Also auch wenn man heutzutage einiges gewohnt ist, etwa aus dem wundersamen Felde der Esoterik, etwas mehr Seriosität wär schon ganz gut. Wenn ich mich zerstreuen will, schau ich mir Dick und Doof oder Louis de Funes an.
2. nicht Abstürze machen Angst, sondern das lesen und hören und sehen von Berichten über diese Abstürze
FJ2014 25.07.2014
"Abstürze wie bei Flug MH17 oder der Air-Algérie-Maschine steigern bei vielen Menschen die Furcht" Kleine Korrektur: "Das Lesen / hören / sehen von Berichten über Abstürze wie bei Flug MH17 oder der Air-Algérie-Maschine steigern bei vielen Menschen die Furcht" Denn die Abstürze sind immer noch selten, das Fliegen immer noch sicherer als Autofahren, es hat sich nicht so viel geändert. Und ja, wenn man gerade wieder die Enschede-Reportage auf NTV gesehen hat, ja, dann ist einem auch beim Zugfahren mulmig.
3. Die Wahrscheinlichkeit....
mfeldtn 25.07.2014
...ist vor allem gering wenn man ausrechnet: Wie wahrscheinlich ist es, daß auf dem nächsten Flugkilometer alle Insaßen des Flugzeugs zu Tode kommen? Die ist in der Tat sehr viel geringer als die gleiche Frage im Auto (wie wahrscheinlich ist es, daß auf dem nächsten Kilometer alle Insaßen zu Tode kommen?). Wenn man aber beim Einsteigen in das jeweilige Gefährt die Tür hinter sich zumacht und die Frage stellt ,,Wie wahrscheinlich ist es, daß ich lebend durch diese tür wieder aussteige?", dann steht das Auto auf einmal 3 mal besser da als das Flugzeug! So ganz irrational ist die Flugangst also garnicht!
4.
multi_io 25.07.2014
Zitat von sysopDPAAbstürze wie bei Flug MH17 oder der Air-Algérie-Maschine steigern bei vielen Menschen die Furcht vor dem Fliegen. Im Interview erklärt Psychologe Ingo Bögner, warum die Phobie so häufig vorkommt und wie sie sich überwinden lässt. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/flugangst-nach-mh17-so-laesst-sich-die-phobie-bekaempfen-a-982913.html
Komisch. Ich habe Angst vor Höhe. Schon wenn ich auf einem Balkon an der Brüstung stehe, ist das unangenehme und kribbelt in den Beinen. Aber Fliegen finde ich geil. Ich könnte das den ganzen Tag tun (jedenfalls wenn die Sitze halbwegs bequem sind). Selbst bei Langstreckenflügen schaue ich, wenn ich kann, die meiste Zeit aus dem Fenster. Immer wenn ich diesen Ruck spüre, wenn die Maschine den Bodenkontakt verliert, und dieses Fahrstuhlgefühl beim Steigen, bin ich irgendwie freudig erregt. Ich finde, die Leute sollten sich klarmachen, dass Fliegen ein uralter Menschheitstraum ist, und wir gehören zu den ersten Generationen der Geschichte, für die dieser Traum in Erfüllung geht. Jahrzehntausende waren die Menschen quasi Bodenkriecher, mit der Erde verwachsen, gefangen in der Zweidimensionalität. Wenn man einen Menschen des 18. Jahrhunderts in die heutige Zeit transferieren könnte, dann wären Flugzeuge wahrscheinlich die unglaublichste Erscheinung, die auf diese Person einwirken würde. Alle anderen Erzeugnisse der modernen Welt -- Autos, Elektronik, selbst Computer und das Internet -- wären vielleicht(!) noch irgendwie fassbar. Aber dass heute jeder dieses Erlebnis haben kann, in einer menschengeschaffenen Maschine zu sitzen, die einfach so fliegt, frei in der Luft hängend, gestützt nur durch die Luft selber, das ist fast sowas wie eine höhere Stufe der Existenz.
5.
esheisstextravertiert 25.07.2014
Zitat von kopp'Dann kommt zum Beispiel am Freitag jemand zu mir in die Praxis, der am Montag eine wichtige Geschäftsreise antreten soll.' ---- Diese abstruse Story soll irgend einer glauben ? Und es kommt noch dicker: Nun meldet sich die Werbeabteilung des Seelenklempners: 'Eine dreistündige Sitzung kann schon genügen...' ---- Also auch wenn man heutzutage einiges gewohnt ist, etwa aus dem wundersamen Felde der Esoterik, etwas mehr Seriosität wär schon ganz gut. Wenn ich mich zerstreuen will, schau ich mir Dick und Doof oder Louis de Funes an.
Ein klassischer Fall von "Keine Ahnung, aber zu allem ne Meinung". Ich bin selbst Psychologe und die kurzfristigen Anfragen vor Urlauben sind ziemlich häufig. Zudem hat Verhaltenstherapie nichts mit Esoterik zu tun, aber das ist den meisten, die hier vollkommen ahnungslos und unreflektiert über erprobte und wirkungsvolle Methoden Urteile abgeben, ja sowieso egal. Hauptsache den Senf dazu geben und der bösen Menschenmanipuliererei, an der die achso schlimmen Psychologen sich bereichern, eins überbraten.
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