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Psychologie: Die Kraft der Freundschaft

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Freundinnen auf einem Farbfestival: Reden, zusammen Zeit verbringen - macht nicht nur Spaß, sondern ist auch gut für die Gesundheit Zur Großansicht
AP/dpa

Freundinnen auf einem Farbfestival: Reden, zusammen Zeit verbringen - macht nicht nur Spaß, sondern ist auch gut für die Gesundheit

Gute Freunde bringen Spaß - sie stärken aber auch die Gesundheit und federn Stress ab. Beziehungsforscher finden immer mehr Gründe, warum man Freundschaften pflegen sollte.

Übermäßiger Stress, Selbstzweifel, depressive Stimmung? Dagegen gibt es vor allem eines: Freunde. "Sie halten uns Menschen gesund", sagt Franz J. Neyer. Seit mehr als 20 Jahren erforscht der Psychologe von der Universität Jena das Phänomen Freundschaften. Echte soziale Unterstützung wie unter Freunden federe jede Form von Stress ab, sagt Neyer. Das sorge für Wohlbefinden und stärke die Abwehrkräfte von Körper und Seele.

Eine kanadische Studie mit knapp 25.000 Menschen bestätigt den Wohlfühl-Effekt von Freundschaften. Probanden mit Freunden fühlten sich weniger gestresst und gesünder als jene ohne Kompagnon. Ihr Wohlbefinden blieb vor allem dann dauerhaft auf einem Hoch, wenn sie ihre Freunde oft persönlich trafen und nicht nur mit ihnen telefonierten oder im Internet chatteten.

Gemeinsame Unternehmungen wie Kochen, Ausgehen oder einfach nur auf dem Sofa quatschen sind echte Selbstwert-Booster. Das zeigt auch ein deutsch-niederländisches Forscherteam. In einem Online-Tagebuch berichteten 241 deutsche Studenten dreieinhalb Wochen lang täglich, ob sie Freunde getroffen hatten, wie viel Spaß sie dabei hatten und wie persönlich die Begegnung für sie war. Zugleich sollten sie sich jeden Tag selbst bewerten und angeben, ob sie sich für einen wertvollen Menschen halten.

Stärkeres Selbstwertgefühl

Tatsächlich sahen sich die Teilnehmer an jenen Tagen in einem positiveren Licht, an denen sie etwas mit ihren Freunden unternommen hatten. Jene Probanden, die während der gesamten Studienzeit öfter Freunde trafen, hatten insgesamt ein stärkeres Selbstwertgefühl als eher zurückgezogene Menschen. Die Treffen beflügelten das Selbstbild aber nur, wenn sich die Probanden bei der Verabredung wohl und geborgen fühlten.

"Das psychische Wohlbefinden in Freundschaften entsteht durch positive Interaktionen wie Gespräche und Kinoabende, aber eben auch durch emotionalen Beistand", sagt Cornelia Wrzus, von der Universität Mainz. "Ist der andere in Krisenmomenten für mich da? Dann ist er ein wirklicher Freund", sagt die Psychologin.

Was ist eine gute Freundschaft?
Reziprozität
Gegenseitiges Interesse und Aufmerksamkeit zuwenden, aber auch sich dem anderen zu öffnen, ist der Kern jeder Freundschaft. Das muss in Krisenzeiten nicht immer 1:1 ausgewogen sein, aber wer sich um einen Freund viel kümmert, sollte auch etwas zurückbekommen.
Intimität
Menschen, mit denen man viel unternimmt, aber denen man nicht von seinen Gedanken und Gefühlen berichten kann, sind keine Freunde im engeren Sinne. Freundschaft bedeutet, dem anderen auch Schwächen und dunkle Seiten offenbaren zu können. Nicht gemeint mit Intimität ist jedoch eine sexuelle Beziehung zum Freund. Die gehört in der Regel nicht dazu.
Vertrauen
Da Freunde einander offen über Probleme, Sorgen und Nöte berichten können müssen, sollten sie auch darauf vertrauen können, dass die Inhalte von Gesprächen unter vier Augen auch nicht Anlass für Klatsch sind und an andere weitergetragen werden.
Zeit
Die heutige Mobilität von Menschen macht es tatsächlich schwerer, Freundschaften über lange Jahre zu führen. Denn: Freundschaften brauchen gemeinsame persönliche Zeit. Telefon und Internet können Phasen überbrücken, in denen man sich nicht sieht. Auf Dauer können sie den Austausch von Angesicht zu Angesicht zumeist nicht ersetzen.
Gutes Gefühl
Egal ob Gespräch oder Kinobesuch: Die Interaktion mit einem Freund sollte sich gut anfühlen und die eigene Stimmung anheben. Ziehen die Treffen einen hinunter, läuft etwas in der Freundschaft schief.

Einsamkeit dagegen kann krank machen - auch körperlich. Wie stark der Effekt ist, zeigen bereits Untersuchungen aus den siebziger und achtziger Jahren: Forschergruppen beobachteten, dass Menschen ohne enge Beziehungen eher sterben als jene mit nahestehenden Mitmenschen.

Freunde statt Psychotherapeut

Menschen, die ihre Freundschaften pflegen, haben aber nicht nur einen Überlebensvorteil - sie sind unter Umständen auch besser vor psychischen Erkrankungen geschützt. "Ob ein Erwachsener nach einem traumatischen Erlebnis wie einem gewalttätigen Angriff oder einem Autounfall psychisch erkrankt, hängt beispielsweise weniger davon ab, wie schlimm die Erfahrung war, sondern wie gut der Betroffene danach durch sein soziales Umfeld aufgefangen wird", sagt der Psychiater Michael Linden, der den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und dem sozialen Netzwerk von Menschen erforscht.

Er rät, in Krisenzeiten nicht gleich zum Psychotherapeuten zu eilen, sondern zunächst das Gespräch mit Freunden oder Familie zu suchen. "Natürlich sind nicht all ihre Ratschläge hilfreich. Aber manchmal ergeben sich neue Perspektiven, aus der die Situation nicht mehr so dramatisch wirkt", sagt Linden. Bei einer Scheidung etwa könne die Erfahrung einer Freundin helfen, darin nicht mehr nur das Scheitern zu sehen, sondern auch einen Neuanfang.

Schon bei Kindern findet sich dieser Effekt. Kanadische Forscher untersuchten 10-Jährige, die ein erhöhtes genetisches Risiko hatten, an einer Depression zu erkranken. Ein einziger guter Freund genügte, um die Wahrscheinlichkeit deutlich zu senken, dass die Erkrankung ausbricht. Andere Studien zeigen, dass Kinderfreundschaften sogar die Folgen von Mobbing durch Mitschüler oder Misshandlungen im Elternhaus dämpfen können.

Freunde oder Familie?

Eine weitere Erkenntnis aus der Forschung: Freundschaften können mitunter kaputte Familien ersetzen und genauso viel Halt geben. Für eine Studie baten Franz J. Neyer und Cornelia Wrzus etwa 300 Deutsche zwischen 27 und 54 Jahren darum, ihre sozialen Verbindungen zu skizzieren. Zu jeder Person sollten sie angeben, wie alt diese ist, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und wie nahe der Proband sich der Person fühlt.

Studienteilnehmer, die viele enge Verbindungen in der Familie aufzählten, hatten weniger Freunde, während Probanden mit spärlichen Familienbanden eher zahlreiche Freundschaften benannten. Gleichzeitig fühlten sie sich ihren Freunden umso näher, desto distanzierter die Beziehung zur Familie war. Doch können Freunde genauso seelische Abwehrkräfte aktivieren wie eigen Fleisch und Blut? Sie können: Teilnehmer, die enge Familienbeziehungen durch ähnlich enge Freundschaften ausglichen, waren genauso zufrieden mit ihrem Leben wie jene, die eher ihrer Sippe nahe standen. Das Fazit bringt die Beziehungsforscherin Wrzus auf einen Punkt: "Es geht eben nicht darum, viele Freunde zu haben, sondern gute."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Falscher Ansatz ...
ullibulli09 24.02.2014
Es kommt nicht darauf an ein überteuertes Farbrausch-Festival nur mit Freunden zu besuchen, die sich das leisten können. Richtig, gemeinsame Unternehmungen stärken das Gemeinschaftsgefühl, aber diese müssen nicht teuer sein.
2.
großwolke 24.02.2014
Schön, dass das jetzt auch endlich offiziell erforscht ist. Bekannt ist es vermutlich schon fast so lange, wie Menschen über sich selbst nachdenken können...
3. Omnia
HerbertVonbun 24.02.2014
Freundschaften sind wichtig, dass man dazu wieder Befragungen und Erkenntnisse braucht, um zu einer statistischen Aussage zu kommen. leuchtet ein und so, wie die Basis ausgesucht wurde, so ist dann auch das Ergebnis! - Alles hat eine Ende, nur die Wurst hat zwei! Pascal Mercier hat in seinem Buch "Nachtzug nach Lissabonn" den Protagonisten bemerkenswerte Gedanken dazu sagen lassen:" ... Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir vorstellen zu leben... ... Freundschaften haben ihre Zeit und enden... ... An Liebe glaubte er nicht. Mied sogar das Wort. Hielt es für Kitsch. Es gebe diese drei Dinge, und nur sie, pflegte er zu sagen: Begierde, Wohlgefallen und Geborgenheit. Und alle seien sie vergänglich... Deshalb käme es auf Loyalität an. Sie sei kein Gefühl, sondern ein Wille, ein Entschluss, eine Parteinahme der Seele. ... Gründe, aus denen Loyalität entstehen kann: Schuld am anderen, gemeinsame Entwicklungsschritte, geteiltes Leid, geteilte Freude, Solidarität der Sterblichen, Gemeinsamkeiten der Ansichten, gemeinsamer Kampf gegen aussen, gemeinsame Stärken, Schwächen, gemeinsamer Hass, geteilte Geheimnisse, geteilte Phantasien, Träume; geteilte Begeisterung, geteilter Humor, geteilte Helden, gemeinsam getroffene Entscheidungen, gemeinsame Erfolge, Misserfolge, Siege, Niederlagen, geteilte Enttäuschungen, gemeinsame Fehler, ..." Es ist wirklich ein äusserst lesenswertes Buch, wie auch seine anderen Werke.
4. Guter Beitrag. Danke!
segner 24.02.2014
(schade, dass die ersten Kommentare negativ rüberkommen)
5. optional
Ernst Ullrich Schultz 24.02.2014
Es ist immer wieder schön, zu sehen, wie der gesunde Menschenverstand mit wissenschaftlicher Akribi bestätigt wird. Regelmäßiges Essen, ausreichender Schlaf, guter Sex - alles muss aufwändig untersucht werden, um zu den vermuteten Ergebnissen zu kommen. Reine Geldverschwendung.
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Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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