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Extremfans: Das Leiden der Fußballsüchtigen

Von Niklas Wieczorek

Fußballfans: Wenn Anfeuern zur Sucht wird Fotos
DPA

Sie machen Abstriche im Job und im Privatleben - und das nur, um jedes Spiel ihres Vereins zu sehen. Bei Extremfans kann die Liebe zum Fußball schnell zur Sucht werden. Wann nimmt das Hobby Züge einer Krankheit an?

Roberts* Prioritäten sind klar geregelt: Erst die Spiele von Preußen Münster, dann alles andere: Arbeit, Freundin und Familie. Robert ist Fan des Fußball-Drittligisten, vielleicht kann man auch sagen: Extremfan. Seine wissenschaftliche Anstellung ermöglicht es ihm, Auswärtsfahrten des Clubs den gebührenden Platz in seinem Leben einzuräumen. Unpassende Termine werden verlegt, Urlaubstage reserviert, er geht zu jedem Spiel seines Vereins.

Allesfahrer, Unverwüstliche, Treue - viele Bezeichnungen für Fans wie Robert, die sich kein Match entgehen lassen, drücken Charakterstärke aus. Dabei setzen extreme Anhänger ein kostbares Gut aufs Spiel: ihre Gesundheit. Denn das Bedürfnis, die Lieblingsmannschaft immer und überall zu unterstützen, kann süchtig machen.

Was zunächst wie die lächerliche Übersteigerung eines Hobbys klingt, ist in den Augen des Pädagogen Fedor Weiser ein ernstzunehmendes Problem: "Die Fußballsucht ist eine von vielen nicht stofflichen Süchten", sagt der Mitarbeiter des Instituts für Berufs- und Sozialpädagogik in Pohlheim. Er ist auch Autor des Buches "Fußball als Droge".

Weiser hat jahrelang das Frankfurter Fanprojekt geleitet. Dort stand er als Ratgeber häufig mit Extremfans in Kontakt und hat erkannt: "Man bewegt sich immer zwischen Schulterklopfen und Gesprächsbedarf. Die Fußballfankultur hat insgesamt ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Extremfans."

"Wirst du am Spieltag beerdigt, kann ich leider nicht kommen"

Dass das Fan-Dasein körperlich krank machen kann, zeigt der Fall einer Britin, der 2011 bekannt wurde. Sie entwickelte eine Hormonkrankheit der Nebennierenrinde. Der Auslöser: Stresssituationen bei den Spielen des englischen Vereins Manchester United. Auch zeigte eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München, dass während spannenden Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mehr als dreimal so viele Menschen mit Herznotfällen in Kliniken eingeliefert wurden als in vergleichbaren Zeiten ohne Fußball-Weltmeisterschaft.

Weiser sieht die Nebenwirkungen einer ausufernden Fußballliebe vor allem auf einer anderen Ebene, dem gesamten "Fußballarrangement". Viele Extremfans richten ihr Leben nach dem Spielplan aus, nehmen um die Spieltermine herum tagelange Reisen auf sich, stellen alles andere hinten an und machen ihre Stimmung vom Ergebnis abhängig.

Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Informationen zu verschiedenen Suchtproblematiken wie Alkohol und Glücksspiel bereit stellt, ist die "Fußballsucht" nicht bekannt. Sprecherin Marita Völker-Albert beschreibt "abhängigen Konsum" allerdings ganz allgemein als langfristiges, zeitaufwendiges und ansteigendes Verhalten. Abstinenzwünsche und Entzugserscheinungen inklusive. Es käme zu "Einschränkungen sozialer und beruflicher Aktivitäten und von Freizeitaktivitäten aufgrund des Verhaltens", sagt sie.

Viele Extremfans scheinen diese nach medizinischem Diagnosekatalog aufgestellten Kriterien zu erfüllen. So werden Fans etwa aus soziologischer Perspektive in der Fachliteratur als Minderheit definiert, die ihr Objekt über alles stellt. Dieses Verhältnis sei nicht nach Belieben kündbar. Eine Beschreibung, die sich stark mit der einer süchtigen Abhängigkeit deckt.

Harald Lange, Sportpädagoge und Leiter des wissenschaftlichen Instituts für Fankultur in Würzburg und Köln, plädiert wie auch Weiser für einen offenen, nicht ausschließlich negativen Fußballsuchtbegriff: Das Leiden durch sportliche Misserfolge etwa gehöre zum Fan-Dasein dazu. Bedenklich wird es seiner Meinung nach erst, wenn jemand psychische oder physische Probleme entwickelt. "Dann muss man ihm Angebote machen, etwas anderes zu tun - sich anders zu identifizieren", sagt er. Diese könnten aber auch aus der Fanszene selbst kommen: "Man muss keine Therapeuten in die Kurve schicken."

"Manchmal steht man morgens auf und hat gar keinen Bock"

Wahrgenommen wird das möglicherweise ungesunde Fan-tum nur in den wenigsten Fällen. Fast jeder Anhänger kennt jemanden, der seit Jahren kein Spiel verpasst hat. Robert etwa bezeichnet sich selbst als süchtig nach Fußball. Er weiß: "Manchmal steht man morgens auf und hat gar keinen Bock. Und dann geht man trotzdem hin."

Er hat über fünf Spielzeiten jede Partie gesehen, ausgenommen waren nur zwei Auswärtsfanverbote seines Vereins in der letzten Saison. Auf Nachfrage, wann er zum letzten Mal ausgesetzt hat, entgegnet er gelassen: "Ich kann nachgucken, ich führ' Liste." Sich selbst bezeichnet er als "wahrscheinlich krank". Doch er fühlt sich gut mit seiner Sucht, leidet nicht darunter.

Bei jeder Sucht gibt es verschiedene Phasen der Abhängigkeit. Irgendwann kann es gefährlich werden, wie Experte Weiser erläutert: Aggressive Impulse in der Phase der Abstinenz - beispielsweise der Sommerpause - seien ein untrügliches Zeichen dafür, dass jemand süchtig nach Fußball ist und Hilfe braucht. Auch für ihn ist dann entscheidend, wie das Umfeld des Betroffenen aussieht: "Alleine ist man viel gefährdeter, die soziale Gruppe bietet Schutz", sagt Weiser. Wenn Fans sich alleine auf die Reise zu Spielen machen, sei das Fußballschauen wichtiger als die Gruppendynamik. Es drohe die Vereinsamung.

Ob aus der Fanszene selbst, wie Lange anbringt, oder durch professionelle Institutionen - Hilfe kann bei extremen Anhängern nötig sein, da sind sich die Experten einig. Noch allerdings ist die Fußballsucht ein kaum wahrgenommenes Thema, vielleicht wird sich dies in Zukunft ändern. Lange fasst zusammen: "Weil er provokant ist, kann man mit dem Suchtbegriff viele Fragen neu stellen." Antworten können Fans, Pädagogen und medizinische Beratungsstellen zusammen finden.

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
rauhen 27.09.2012
Um es gleich vorweg zu nehmen - ich bin kein Pschologe. Aber ist Suchtpotential wirklich auslöschbar? Oder geht es eher darum, Extreme - mal laienhaft ausgedrückt - in eine andere Richtung zu verschieben (z.B. Marathon statt trinken). Dann wäre Fußballsucht in ja wohl eines der geringeren Übel. Mag sein, dass etremes Fußballinteresse wie im Bericht dargestellt, Kriterien erfüllt, bei denen man von Sucht sprechen kann. Nur: dann trifft das wohl auf fast jeden zu: Professoren, die für ihre Projekte leben, Autofahrer, die sich kein Leben ohne Auto vorstellen können, Musikliebhaber, die immer wieder auf die Konzerte der Lieblingsband gehen, alle Vereinsmenschen, die keine Vereinsveranstaltung verpassen, streng genommen sogar Eltern, die ihr Kind über alles lieben. Und die, die dann noch übrig bleiben und kein Suchtverhalten zeigen, erfüllen dann die Kriterien der Lethargie?!
2. optional
future-trunks 27.09.2012
heutzutage wird auch alles zu einer sucht erklärt "Einschränkungen sozialer und beruflicher Aktivitäten und von Freizeitaktivitäten aufgrund des Verhaltens", trifft das nicht auf alles zu? z.b. auf süchtig sein nach seinen kindern. süchtig sein nach seinem partner. die beispiele könnten man beliebig erweitern für alle aktivitäten, die man im leben so intensiver durchführt.
3. Unnötige Problematisierung
Audere est facere 27.09.2012
Ich weiß nicht, warum es zeitgemäß zu sein scheint für jede Form von Passion einen Suchtbegriff zu schaffen. Wer den Fußball über alles stellt riskiert nicht sein Sozialleben, sondern schafft sich eines in einer anderen Nische. Nämlich eine Gemeinschaft mit den anderen "Fußballbekloppten". Schlachtenbummler reisen häufig mit dem Zug (umweltfreundlich), gehen zu Fuß vom Bahnhof zum Stadion (gesund) und sind viel an der frischen Luft. Es gibt auch eine Menge positive Aspekte, wenn man nur die Problembrille abzunehmen bereit ist. Jeden Morgen höre ich durch mein geöffnetes Fenster eine Nachbarin auf ihrem Balkon husten. Beim Rauchen. DAS ist Sucht.
4. Hallo...
spon-1278599222267 27.09.2012
... ich bin Klaus und ich bin schlafsüchtig. JEDE Nacht schlafe ich bis zu 8 Stunden und kann nichtmehr ohne leben. Wenn meine Freundin in dieser Zeit dahinschiede, ich würde es nicht bemerken, so sehr zieht mich der Schlaf in seinen Bann. Außerdem bin ich nochEss-süchtig, Schnauf-süchtig, Lauf-süchtig, Trink-süchtig (Wasser, Kaffee), Computer süchtig (jeden Tag 8 Stunden auf Arbeit) und freue mich den Psychologen wieder mal die Gelegenheit gegeben zu haben etwas Geld dazuzuverdienen.
5. optional
harrymay 27.09.2012
Preußen Münster?? Wow. In der Hamburger Szene munkelte man mal von einem Bayern-Allesfahrer der während der WM in Japan und Südkorea zweimal zischendurch nach Hause geflogen ist um ja kein Spiel der FCB A-Jugend zu verpassen. Meine Antwort darauf waren, in alter HSV Manier, ein paar Ohrfeigen. Sowas Beknacktes macht man nicht. Gute Besserung.
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Zum Autor
  • Niklas Wieczorek, studiert Geschichte und Germanistik in Stockholm (vorher Münster und Hamburg) und schreibt als freier Journalist über Sport, Sportkultur und Geschichte.

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Wege aus der Fußballsucht
Extreme Fußballfans ("Allesfahrer") im eigenen Umfeld sollte man nicht für verrückt erklären, sondern die Menschen, sobald sie offensichtlich unter diesem zwanghaften Verhalten leiden, auf Hilfe hinweisen oder ihnen andere Identifikationsangebote machen. Natürlich darf man nicht darauf vertrauen, dass der Süchtige selbst zur Erkenntnis gelangt: Wer hat schon mal den jahrelang motzenden Nebenmann im Stadion gefragt, ob er wirklich gerne kommt? Auch wenn es noch keine öffentliche Akzeptanz für eine solche Sucht gibt: Betroffene sollten medizinische Suchtberatungsstellen aufsuchen oder sich an ihren Hausarzt wenden, rät Expertin Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
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