Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gelassenheit: "Die Sinne sind wichtiger als das Denken"

Ein Interview von Annette Bruhns

Blick in die Ferne: "Sinneserfahrungen stellen einen Zusammenhang her zwischen uns und der Welt" Zur Großansicht
Corbis

Blick in die Ferne: "Sinneserfahrungen stellen einen Zusammenhang her zwischen uns und der Welt"

Stress, Depressionen, Überforderung? Der Philosoph Wilhelm Schmid warnt vor überzogenen Ansprüchen ans eigene Leben - und verrät, was Menschen gelassen macht.

Zur Person

Wilhelm Schmid (Jahrgang 1953) lebt als freier Philosoph und Autor in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis verliehen, 2013 der schweizerische Égner-Preis für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst.

www.lebenskunstphilosophie.de
Twitter @lebenskunstphil
SPIEGEL: Herr Schmid, Ihr Buch "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden" ist ein erstaunlicher Erfolg. Seit dem Frühjahr 2014 hält es sich Woche für Woche auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Warum greifen so viele Menschen nach diesem Titel?

Schmid: Weil sie Gelassenheit brauchen! Meine anderen Bücher, etwa zum Glück oder zur Liebe, haben sich auch gut verkauft. Aber die Gelassenheit bricht alle Rekorde.

SPIEGEL: Ein Zeichen der Zeit?

Schmid: Sicherlich. Moderne heißt ja, immer Neues zu tun, immer aktiv zu sein, alle Möglichkeiten zu ergreifen, die es gibt. Und genau so definiert sich Stress: mehr verwirklichen zu wollen, als in die Wirklichkeit hineingeht. Gelassenheit kommt von Lassen, heißt also auch, Möglichkeiten, die ich realisieren könnte, zu lassen.

SPIEGEL: Was ist das überhaupt, Gelassenheit? Ist es etwas, das man bewusst herbeiführen kann, oder ist es ein Gefühl, das man eben hat oder nicht?

Schmid: Menschen werden mit bestimmten Anlagen geboren. Manche kann von Natur aus nichts erschüttern, andere kommen schon nervös zur Welt. Aber niemand ist dazu verdammt, nur das zu leben, was er von Natur aus mitbekommen hat. Wenn jemand nicht von sich aus gelassen ist, dann kann er daran arbeiten, es zu werden.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 62 Jahre alt. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Sind Sie ehrlich, wenn Sie verkünden, dass man im Alter gelassener wird? Die Kräfte schwinden, Freunde sterben, der eigene Tod rückt näher - das ist doch eher zum Fürchten.

Schmid: Es kommt darauf an, was Sie vom Leben erwarten. Moderne Menschen haben wahnsinnige Ansprüche ans Leben, Ansprüche, die das Leben unmöglich erfüllen kann. Erwarten sie dagegen, dass das Leben so ist, wie es ist und immer war und immer sein wird - dann kann sich Gelassenheit einstellen.

Anzeige
  • Wilhelm Schmid:
    Gelassenheit

    Was wir gewinnen, wenn wir älter werden.

    Insel Verlag; 118 Seiten; 8 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
SPIEGEL: Immer mehr Menschen leiden an Depressionen, und zwar gerade im Alter. Widerspricht dieser statistische Befund nicht Ihrer These?

Schmid: Ich traue dieser Statistik nicht. Meiner Meinung nach werden da zwei Befunde zusammengeworfen, um möglichst viele Medikamente zu verkaufen: nämlich die relativ seltene und sehr schwere Krankheit Depression. Und andererseits die Melancholie, also traurig zu sein etwa angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens. Letzteres hat nichts mit Depression zu tun, sondern hat schon immer zum menschlichen Dasein dazu gehört. Auch die Philosophen in der Antike kannten die Melancholie. Im Gegensatz zu heute, wo mit diesem Zustand viel Geld verdient wird, hielt man ihn im Altertum jedoch für kreativ und produktiv.

SPIEGEL: "Sehr viel Sinn resultiert aus Sinnlichkeit", schreiben Sie. Inwiefern machen Sinneserfahrungen gelassen?

Schmid: Sinneserfahrungen stellen einen Zusammenhang her, der so fundamental ist, dass wir ihn für gewöhnlich übersehen - nämlich zwischen uns und der Welt. Was wüssten wir denn von der Welt, wenn wir nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr schmecken, riechen und tasten könnten? Nichts! Deshalb sind die Sinne wichtiger als das Denken. Die moderne Tendenz aber ist, die Sinne technisch zu ersetzen. Menschen unternehmen nicht mehr ausgiebige Waldspaziergänge, sondern setzen sich tagsüber vor den Computer und abends vor den Fernseher. Da wird zwar der Sehsinn beschäftigt - aber nur mit einem sehr kleinen Rechteck.

SPIEGEL: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Zutat für ein gutes Leben?

Schmid: Von gutem Leben spreche ich niemals, auch nicht vom gelingenden. Das Leben ist Leben, da ist nicht alles gut, und da gelingt auch nicht alles. Ich halte es für sinnvoller, von einem schönen Leben zu sprechen, im Sinne von: bejahenswert. Bejahenswert kann das gesamte Leben sein, mit all seinen positiven und negativen Seiten. Wenn Sie nur die guten und positiven haben wollen, verkürzen Sie das Leben um die Hälfte. Aber nur in der Theorie. In der Praxis bleibt die andere Hälfte erhalten.

SPIEGEL: Wie sieht es mit Meditation oder Yoga aus als Wege zu mehr Gelassenheit?

Schmid: Wer es mag, der soll es machen. Es gibt aber auch andere Techniken, beispielsweise die Berührung. Jeder, der je von einem anderen umarmt wurde, wird bestätigen: Das macht automatisch gelassen. Darum könnten wir uns doch öfters bemühen.

SPIEGEL: Am Ende Ihres Buchs stellen Sie sich Ihren letzten Tag vor, wie Sie Abschied nehmen von Ihrer Frau, mit der Sie jahrzehntelang glücklich waren, Ihren vier Kindern. Viele Menschen gehen nach gescheiterten Ehen heute einsam ins Alter. Können diese so gelassen altern wie Sie?

Schmid: Wenn jemand absolut einsam ist, keinen Freund oder Bekannten, keinen Verwandten hat, das ist in der Tat schrecklich einsam. Da könnte ich mir gerade noch vorstellen, mich in die Geisteswelt zu vertiefen, mit den Philosophen aller Zeiten Gespräche zu führen. Ansonsten plädiere ich dafür: Pflege deine Beziehungen das ganze Leben hindurch, und zwar so, dass sie nachwachsen. Sieh zu, dass du auch Beziehungen zu jungen Menschen eingehst, damit du auch dann noch Vertraute hast, wenn Ältere und Gleichaltrige wegsterben.

SPIEGEL: Wie kann ein nicht-gläubiger Mensch die Gelassenheit erreichen, wie Sie sie definieren: nämlich als "Gefühl und Gedanken, sich in einer Unendlichkeit geborgen zu wissen"?

Schmid: Man muss nur abends auf den Balkon gehen, die Augen in einer sternenklaren Nacht erheben und sich fragen: Wie viele Sterne zähle ich da? Und wenn man nicht mehr weiterkommt, weil die Zahl so hoch ist, sich damit trösten, dass die Astrophysiker auch noch zählen und bis ans Ende der Tage nicht aufhören werden zu zählen. Das ist die Unendlichkeit, und ich, der da auf dem Balkon stehe, bin Teil davon. Kann sein, dass ich nur ein unbedeutender Teil bin, aber eins ist sicher: Ich bin nicht nichts.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns. Sie hat gerade ein ganzes Heft zum Thema konzipiert. SPIEGEL Wissen "Gelassenheit. Die Kunst der Seelenruhe" liegt seit Dienstag, 25. August, am Kiosk.

SPIEGEL WISSEN 4/2015

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. si tacuisses...
Caldwhyn 26.08.2015
... philosophus mansisses. Wenn der Herr Philosoph meint, die Leute die täglich Hilfe wegen ihrer Depression suchen bräuchten einfach nur "melancholisch" genannt werden und dann gehe es ihnen gleich ganz anders, dann hat er wohl in diesem Feld so gar keine Ahnung. Billige Polemik von einem Philosophie-Professor, das hätte ich ja nun nicht gerade so erwartet. Oder muss da wer sein "enfant terrible" Image pflegen? So bleibt mir nur zu sagen: Die Leute leiden wirklich, Suizide sind viel zu häufig und mit Philosophie kann man dort nicht helfen. (Ganz abgesehen davon, das ein Depression ein klar nachweisbares, hirnorganisches Korrelat hat, aber das zu verstehen ist für den Denk-Professor wohl schon zu hoch). Geld verdient man damit übrigens in der Regel auch nur sehr übersichtlich, egal ob man nun den Psychotherapeuten bemüht (der in der Regel ausreicht) oder zur (viel zu oft unwirksamen) Pille greift. Geld macht die Pharmaindustrie in dem Bereich schon lange nicht mehr das große. Da werden für andere Präparate viel interessantere Summen aufgerufen als die 50 Euro für eine Hunderterpackung Antidepressiva. Und mit sprechender Heilkunde wird man auch nicht reich, die Gewinnaufstellung der KV kann man ja googeln, wegen dem überbordenen Einkommen wird man jedenfalls nicht Psychiater - ach so, ich vergaß, wird man ja heute sowieso kaum noch, wer meint Hausärzte wären knapp... Tja, meine Vorstellung von Philosophen als den letzten verbliebenen Denkern in der deutschen Wissenschaftslandschaft muss ich wohl auch revidieren. conflict of interest Statement: Der Autor dieses Kommentars ist Psychologe und die Arbeit mit an Depression erkrankten Menschen denen es *wirklich schlecht geht* und die nicht von einer Herabwürdigung ihres Leids durch irgendwelche bornierten Elfenbeinturmsitzer profitieren gehört zu seinem Tagesgeschäft.
2. schlauer Mann
Blackster 26.08.2015
Kann auch noch folgenden Kalender von Marion Küstenmacher empfehlen... einfach wunderbar : http://www.amazon.de/die-Seele-Atem-holt-Magnetverschluss/dp/3424152498/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1440592316&sr=8-1&keywords=wo+die+seele+atem+holt So, ich bin dann mal ne Runde spazieren im Park ;)
3. Sie...
Layer_8 26.08.2015
Zitat von Caldwhyn... philosophus mansisses. Wenn der Herr Philosoph meint, die Leute die täglich Hilfe wegen ihrer Depression suchen bräuchten einfach nur "melancholisch" genannt werden und dann gehe es ihnen gleich ganz anders, dann hat er wohl in diesem Feld so gar keine Ahnung. Billige Polemik von einem Philosophie-Professor, das hätte ich ja nun nicht gerade so erwartet. Oder muss da wer sein "enfant terrible" Image pflegen? So bleibt mir nur zu sagen: Die Leute leiden wirklich, Suizide sind viel zu häufig und mit Philosophie kann man dort nicht helfen. (Ganz abgesehen davon, das ein Depression ein klar nachweisbares, hirnorganisches Korrelat hat, aber das zu verstehen ist für den Denk-Professor wohl schon zu hoch). Geld verdient man damit übrigens in der Regel auch nur sehr übersichtlich, egal ob man nun den Psychotherapeuten bemüht (der in der Regel ausreicht) oder zur (viel zu oft unwirksamen) Pille greift. Geld macht die Pharmaindustrie in dem Bereich schon lange nicht mehr das große. Da werden für andere Präparate viel interessantere Summen aufgerufen als die 50 Euro für eine Hunderterpackung Antidepressiva. Und mit sprechender Heilkunde wird man auch nicht reich, die Gewinnaufstellung der KV kann man ja googeln, wegen dem überbordenen Einkommen wird man jedenfalls nicht Psychiater - ach so, ich vergaß, wird man ja heute sowieso kaum noch, wer meint Hausärzte wären knapp... Tja, meine Vorstellung von Philosophen als den letzten verbliebenen Denkern in der deutschen Wissenschaftslandschaft muss ich wohl auch revidieren. conflict of interest Statement: Der Autor dieses Kommentars ist Psychologe und die Arbeit mit an Depression erkrankten Menschen denen es *wirklich schlecht geht* und die nicht von einer Herabwürdigung ihres Leids durch irgendwelche bornierten Elfenbeinturmsitzer profitieren gehört zu seinem Tagesgeschäft.
...sollten vielleicht Gelassenheit üben. Auch beim posten.
4. Ergänzend zu den therapeutischen Vorschlägen von Herrn Schmid ...
flo_bargfeld 26.08.2015
... möchte ich die Bücher von Dale Carnegie ("Sorge Dich nicht, lebe") und die Lebensweisheiten von Tante Tilly ("die Fingerspitzen einfach mal ins warme Wasserschälchen halten") empfehlen – Depressive können so auf Diazepam und ähnliche Medikamente mühelos verzichten.
5.
turbomix 26.08.2015
Zitat von Caldwhyn... philosophus mansisses. Wenn der Herr Philosoph meint, die Leute die täglich Hilfe wegen ihrer Depression suchen bräuchten einfach nur "melancholisch" genannt werden und dann gehe es ihnen gleich ganz anders, dann hat er wohl in diesem Feld so gar keine Ahnung. Billige Polemik von einem Philosophie-Professor, das hätte ich ja nun nicht gerade so erwartet. Oder muss da wer sein "enfant terrible" Image pflegen? So bleibt mir nur zu sagen: Die Leute leiden wirklich, Suizide sind viel zu häufig und mit Philosophie kann man dort nicht helfen. (Ganz abgesehen davon, das ein Depression ein klar nachweisbares, hirnorganisches Korrelat hat, aber das zu verstehen ist für den Denk-Professor wohl schon zu hoch). Geld verdient man damit übrigens in der Regel auch nur sehr übersichtlich, egal ob man nun den Psychotherapeuten bemüht (der in der Regel ausreicht) oder zur (viel zu oft unwirksamen) Pille greift. Geld macht die Pharmaindustrie in dem Bereich schon lange nicht mehr das große. Da werden für andere Präparate viel interessantere Summen aufgerufen als die 50 Euro für eine Hunderterpackung Antidepressiva. Und mit sprechender Heilkunde wird man auch nicht reich, die Gewinnaufstellung der KV kann man ja googeln, wegen dem überbordenen Einkommen wird man jedenfalls nicht Psychiater - ach so, ich vergaß, wird man ja heute sowieso kaum noch, wer meint Hausärzte wären knapp... Tja, meine Vorstellung von Philosophen als den letzten verbliebenen Denkern in der deutschen Wissenschaftslandschaft muss ich wohl auch revidieren. conflict of interest Statement: Der Autor dieses Kommentars ist Psychologe und die Arbeit mit an Depression erkrankten Menschen denen es *wirklich schlecht geht* und die nicht von einer Herabwürdigung ihres Leids durch irgendwelche bornierten Elfenbeinturmsitzer profitieren gehört zu seinem Tagesgeschäft.
Wer lesen kann ist klar im Vorteil! Das sagt er doch gar nicht!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 4/2015 Die Kunst der Seelenruhe

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: