Psychotherapie: Das ignorierte Leiden der Männer
Bisher behandeln Psychotherapeuten Frauen und Männer gleich - doch jetzt regt sich Widerstand, immer mehr Wissenschaftler erforschen geschlechtsspezifische Seelenleiden. Von ihren Erkenntnissen könnten vor allem männliche Patienten profitieren.
Feurige Augen wie eine Viper, schwarzes Blut und ein ungezügeltes Verhalten wie Tiere: So beschrieb Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert melancholische Männer. Schwermütige Frauen hingegen hätten ein wenig widerstandsfähiges Naturell, klagten über Kopfleiden und Rückenschmerzen.
Was die Äbtissin vor 900 Jahren erkannt hat, ist erst seit kurzem wieder Thema unter Psychotherapeuten: Männer und Frauen leiden unterschiedlich - auch psychisch. Neu ist die Überlegung, dass sie auch eine Psychotherapie benötigen, die auf ihre männlichen oder weiblichen Bedürfnisse zugeschnitten ist.
Auf diesen Gedanken hätten Experten allerdings schon früher kommen können. Denn in Studien zeigt sich seit Jahrzehnten, dass Männer und Frauen nicht in gleichem Ausmaß und auch nicht von denselben Störungen gleichmäßig stark betroffen sind. Während Frauen im Vergleich zu Männern deutlich häufiger unter Angststörungen und Depressionen leiden, treten Männer generell seltener wegen psychischer Probleme in Erscheinung und wenn, dann eher durch Suchterkrankungen.
Exklusive Frauenleiden
Zudem gibt es seelische Erkrankungen, die nur Frauen erleiden können: Zum Beispiel Depressionen oder Psychosen, die während oder nach der Schwangerschaft auftreten, psychische Erkrankungen in der Menopause oder auch die Prämenstruelle Dysphorische Störung - eine Art Depression, die immer kurz vor Beginn der Regelblutung auftritt. "Gerade für solche Erkrankungen brauchen wir eine geschlechtssensible Behandlung", sagt der Psychologe und Psychiater Niels Bergemann. Er ist Mitgründer der deutschen Marcé-Gesellschaft, die sich auf psychische Erkrankungen in Verbindung mit der Schwangerschaft spezialisiert hat.
"Tatsächlich wurde aber in der Psychiatrie viele Jahrzehnte ignoriert, dass Frauen anders auf Psychopharmaka reagieren, dass sie spezielle Bedürfnisse haben und auch Situationen emotional anders verarbeiten", sagt Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin.
Nicht nur Frauen, auch Männer haben spezielle Bedürfnisse. Die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit veröffentlichten deshalb 2010 den ersten "Männergesundheitsbericht". Sie betonen darin, dass psychische Störungen bei Männern oft unerkannt und unbehandelt blieben. Dabei nähmen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme vor allem bei männlichen Angestellten stark zu. Zwischen 1994 und 2003 habe sich die Zahl bei Männern um 82 Prozent erhöht, bei Frauen um 57 Prozent.
Die Autoren des Berichts beklagen, der Versuch, den Geschlechterunterschied populärer zu machen, hebe bisher vor allem die Unterschiede von Frauen hervor. Dabei seien schon in der Schule eher die Jungen Problemkinder.
Männliche Depression hinter der Suchtfassade
Vor allem der Suizid ist ein Männerphänomen. Von den jährlich rund 10.000 Selbsttötungen in Deutschland werden knapp drei Viertel von Männern begangen. Oft steckt dahinter eine Depression.
"Depressionen bei Männern werden oft übersehen, weil sie sich anders äußern", sagt Chefärztin Krüger. Tatsächlich ähnelt Krügers Beschreibung der von Hildegard von Bingen: Die Männer sind dann eher aggressiv und aufbrausend, trinken viel Alkohol oder nehmen Drogen. "Aber auch ein ausschweifendes Sexualleben und Fressanfälle können Hilferufe der männlichen Seele sein."
Hinter einer Sucht kann sich also auch eine Depression verstecken. "Männer versuchen oft, sich mit Alkohol oder Drogen selbst zu behandeln. Das lindert subjektiv ihre Symptome. Nach und nach rutschen sie dabei aber in die Abhängigkeit", erklärt Psychiater Bergemann. Die eigentliche Erkrankung wird dann oft nicht erkannt. In der Suchttherapie von Männern müsse daher genauer geprüft werden, woher die Sucht kommt, um dann gezielt zu behandeln.
Einige Experten sprechen bereits von einer Männer-Depression. Einig sind die Therapeuten sich nicht, ob die Unterscheidung sinnvoll ist. "Manche scheuen sich, bei jeder Behandlung auf das Geschlecht des Patienten Rücksicht nehmen zu müssen. Das ist ihnen zu kompliziert", sagt Ute Habel, Expertin für neuropsychologische Geschlechterforschung am Universitätsklinikum Aachen.
Therapieschäden durch Ignoranz
"Dabei ist es unverzichtbar, dass Psychotherapeuten sich des Faktors Geschlecht bewusst sind und auf die besonderen Bedürfnisse von Mann oder Frau eingehen", sagt die österreichische Psychotherapeutin Brigitte Schigl. Das zu vernachlässigen, berge Risiken, könne sogar zu Therapieschäden führen.
Darauf weisen auch die Ergebnisse einer Studie der Donau-Universität Krems hin, an der Schigl mitgewirkt hat. Die Lebenszufriedenheit von Patientinnen, die bei einem männlichen Psychotherapeuten in Behandlung waren, verschlechtere sich deutlich häufiger, als wenn ein Mann bei einer Frau in Behandlung ist oder wenn eine gleichgeschlechtliche Kombination vorliegt. Gleichzeitig können zwischen Männern in der Therapie Konkurrenzgefühle entstehen, die den Aufbau einer tragfähigen Therapiebeziehung erschweren. Bei Frauen kann zu große Nähe die nötige Konfrontation der Patientin mit ihren Problemen behindern.
Auch gemischte Gruppentherapien können schwierig sein: "Patientinnen können besser ihre Gefühle mitteilen, Patienten fällt das schwer. In einer Gruppenbehandlung reden dann oft nur die Frauen, während die Männer dabeisitzen und zuhören", sagt Frauenspezialistin Stephanie Krüger. Der Psychiater Niels Bergemann findet die Mischung meistens therapeutisch sinnvoll. Die Themen würden mehr variieren, beide Geschlechter könnten voneinander lernen.
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- Dienstag, 18.12.2012 – 15:07 Uhr
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- Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Follow @SPIEGEL_GesundGeschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.
Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."
Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.
Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.
Mit Material von dpa
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für die Inhalte externer Internetseiten.
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