Gerüche "Den Fußschweißrezeptor kennen wir auch schon"

Gerüche sind ein Phänomen: Obwohl sie jeden Tag unsere Entscheidungen beeinflussen, ist sich kaum jemand ihrer Macht bewusst. Im Interview erklärt Forscher Hanns Hatt, wie sich die Werbung Gerüche zunutze macht und warum selbst bei Bewerbungsgesprächen weniger mehr ist.

Nackte Füße im Herbstlaub: Nicht immer eine Nasenfreude
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Nackte Füße im Herbstlaub: Nicht immer eine Nasenfreude


ZUR PERSON
    Hanns Hatt ist Geruchsforscher und Zellphysiologe an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Autor mehrerer Bücher über den Geruchssinn, unter anderem von "Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken".
SPIEGEL ONLINE: Der Geruchssinn ist evolutionsgeschichtlich gesehen sehr alt. Wie wichtig sind Gerüche für uns heutzutage noch?

Hatt: Sie sind sehr wichtig, nur ist uns das leider nicht mehr bewusst. Gerüche beeinflussen unseren Körper, unsere Entscheidungen und Handlungen. Eigentlich müssten wir nicht nur mit offenen Augen und Ohren, sondern auch mit einer offenen Nase durch die Welt gehen. Wir sollten deshalb schon in der Schule Riechstunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflussen Gerüche uns genau?

Hatt: Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen fremden Raum, eine Wohnung, die Sie besichtigen, ein Hotelzimmer oder ein Bahnabteil. Was tun Sie? Sie schauen sich erst einmal um. Aber bewusst umherriechen - das tut kein Mensch mehr. Dabei könnte der Raumduft uns vielleicht Auskunft darüber geben, warum wir uns in diesem Zimmer gerade wohl fühlen oder nicht. Vielleicht kennen wir den Duft schon und er erinnert uns an schöne oder unangenehme Situationen.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren dafür, dass wir uns bewusster machen, woher eine Emotion kommt.

Hatt: Oder auch, woher eine Entscheidung kommt. Warum ich mich beispielsweise ausgerechnet für diesen Fernseher entscheide und nicht für das technisch identische Gerät. Eben weil der eine Fernseher zum Beispiel beduftet ist.

SPIEGEL ONLINE: Beduftete Fernseher?

Hatt: Manche Firmen mischen dem Plastik des Gehäuses Duftstoffe bei, um einen charakteristischen Geruch zu kreieren. Von Samsung hört man dies beispielsweise. Hatten die Leute solch einen Fernseher in der Kindheit, werden sie sich an den Geruch erinnern und der Marke treu bleiben. Bei Autos oder Schuhen gibt es dies übrigens auch.

SPIEGEL ONLINE: Olfaktorische Markenprägung...

Hatt: Genau. Der Duft des Produkts wird zu einem Heimatduft und zu einem Markenzeichen. Ähnliches gilt im übrigen auch für Parfums, die wir tragen. Je nach Kulturkreis verbinden wir mit manchen Düften Unterschiedliches: Bei uns gelten Vanille oder Lavendel beispielsweise eher als bodenständig. Will ich mich nun als fortschrittlich darstellen, müsste ich einen anderen Duft wählen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Geruchssinn früher wichtiger war, konnten die Urmenschen dann besser riechen als wir?

Hatt: Ihre Nasen waren nicht besser als unsere, trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie viel besser riechen konnten. Sie waren gezwungen, von Kindheit an auf Düfte zu achten, weil ihr Überleben davon abhing. Wir kaufen unser Essen im Supermarkt, müssen es nicht mehr erriechen.

SPIEGEL ONLINE: Die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte dürfte es wohl nicht besonders angenehm gerochen haben. Wie ertrugen die Menschen früher den allgegenwärtigen Gestank?

Hatt: Wo alle stinken, riecht keiner mehr. Sie waren ständig von diesem Geruch umgeben und haben sich daran gewöhnt. Die negative Bewertung von Fäkalgerüchen, die im Mittelalter sicherlich viel stärker verbreitet waren, ist zudem erlernt und nicht angeboren. Kleine Kinder spielen mit ihren Fäkalien, erst durch die Eltern lernen sie den Ekel davor.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind heute weniger von Fäkalgerüchen umgeben, dafür aber im anderen Extrem von viel mehr Düften. Wenn ich durch die Parfümabteilung eines Kaufhauses gehe, bekomme ich Kopfschmerzen. Kann die übermäßige Reizung des Geruchssinns - sowohl durch negative wie positive Gerüche - auch ungesund sein?

Hatt: Ihre Nase können Sie nicht gefährden, die Zellen erneuern sich ständig. Die Kopfschmerzen kommen daher, dass nicht nur der Riechnerv durch Düfte gereizt wird, sondern auch der sogenannte Trigeminusnerv - wenn die Konzentration nur hoch genug ist. Er vermittelt Schmerzempfindungen, daher kommt der Eindruck eines schmerzhaft beißenden, scharfen Geruchs. Es ist eine Schutzfunktion unseres Körpers, denn die Duftmoleküle atmen wir ja auch in die Lunge ein, sie gelangen von dort ins Blut und können dann im ganzen Körper wirken - und nicht immer ist das harmlos. Wir haben beispielsweise einen Duft erforscht, der im Gehirn wie Valium wirkt.

SPIEGEL ONLINE: Man weiß also nicht, was im Körper einer Parfümverkäuferin so alles passiert.

Hatt: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Mir fallen immer wieder Männer auf, die extrem viel After Shave benutzen. Stumpft deren Geruchsempfinden dadurch ab?

Hatt: Nur auf diesen einen Duft hin, da schalten die speziellen Riechrezeptoren für diesen Duft in der Nase ab. Wir haben etwa 350 verschiedene Duftrezeptoren, viele davon konnten wir übrigens zusätzlich in vielen Organen nachweisen. After Shave aktiviert nur eine bestimmte Gruppe, vielleicht 30, die anderen bleiben davon unberührt.

SPIEGEL ONLINE: Warum tragen manche Menschen so viel Duft auf?

Hatt: Die Duftempfindlichkeit der Menschen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das kann organische Gründe haben, eine schlechte Nasenbelüftung zum Beispiel. Oder genetische: Es gibt Subtypen der Geruchsrezeptoren, was dazu führt, dass manche Menschen manche Düfte nur sehr schlecht riechen können und dann eben zu viel auftragen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass Duftintensität wie bei Tieren die Rangordnung signalisiert, bei Affenrudeln beispielsweise, getreu dem Motto: der Chef riecht am stärksten. Vielleicht sind auch beim Menschen noch solche alten Relikte vorhanden. Es gibt beispielsweise Untersuchungen, dass man bei Bewerbungsgesprächen nicht zu stark duften sollte, weil dann der Chef womöglich einen Konkurrenten wittert.

SPIEGEL ONLINE: Wann gibt es das Nasenspray, das den Geruchssinn vorübergehen lahm legt, falls die Umwelt zu sehr stinkt?

Hatt: Prinzipiell könnte man einfach ein Lokalanästhetikum nehmen, das alle Nervenfasern aus der Nase lahm legt, das ist aber medizinisch kompliziert. Was aber möglich ist: Wir könnten prinzipiell jeden Geruchsrezeptor mit einem Antiduft blockieren - das haben meine Mitarbeiter beispielsweise schon für den Maiglöckchen-Duftrezeptor gezeigt. Dann würden Sie vorübergehend kein Maiglöckchen mehr riechen, aber weiterhin Rosen und Lilien. Beispielsweise haben wir gerade den Rezeptor für Korkduft gefunden. Könnten wir ihn ausschalten, würde der Wein besser schmecken.

SPIEGEL ONLINE: Toll wäre es, wenn Sie Anti-Schweiß- oder Anti-Fäkalduft entwickeln könnten...

Hatt: Den Fußschweißrezeptor kennen wir auch schon. Zukünftig wird das sicher möglich sein.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.

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Seite 1
schelfkante 09.01.2014
1.
Sie haben bei den unerträglichen, absichtlich herbeigeführten Geruchsbelästigungen die "Duftkerzen" vergessen. Und den Duftbaum. Und das Tannennadel-Klospray. Und,und,und...
schelfkante 09.01.2014
2.
Sie haben bei den unerträglichen, absichtlich herbeigeführten Geruchsbelästigungen die "Duftkerzen" vergessen. Und den Duftbaum. Und das Tannennadel-Klospray. Und,und,und...
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