Geschlechts-OP für Transsexuelle Fremd im eigenen Körper

Innen Frau und außen Mann oder umgekehrt: Transsexuelle fühlen sich im falschen Körper geboren - und darin gefangen. Viele wünschen sich einen chirurgischen Eingriff, der ihr Geschlecht verändert.

Transsexueller Mann: Schon vor der Angleichung leben die Betroffenen im Alltag im gewünschten Geschlecht
Corbis

Transsexueller Mann: Schon vor der Angleichung leben die Betroffenen im Alltag im gewünschten Geschlecht


Anders als bei Intersexuellen ist das Geschlecht bei Transsexuellen körperlich eindeutig festgelegt. Sie empfinden es aber als falsch. Ein Transsexueller mit männlichem Körper wünscht sich ein weibliches Aussehen, er fühlt sich als Frau. Umgekehrt ist es genauso. Den Wunsch erfüllen sich viele mit einer Operation.

Heute spricht man dabei nicht mehr von einer Geschlechtsumwandlung, sondern von einer Angleichung des Geschlechts. Das ist medizinisch korrekter - weil nur der Körper verändert wird, nicht das Genom. Und es kommt dem Empfinden Transsexueller näher: Sie erleben die Operation als äußere Angleichung an ihre Identität als Mann oder Frau.

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen für eine Geschlechtsangleichung. Allerdings nur, wenn Betroffene vorher in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung waren. Sie müssen einen "krankheitswertigen Leidensdruck" durch ihre Transsexualität belegen, der sich nur durch die Operation lindern lässt. Und sie müssen schon einige Zeit in der Rolle des Wunschgeschlechts gelebt haben.

Hohes Maß an Verzweiflung

Enver Özgür arbeitet als Chirurg an der Uni-Klinik Köln und operiert dort Transsexuelle. Viele seien so verzweifelt, dass sie lieber selbst für den Eingriff zahlen wollen, als länger auf die Bewilligung durch die Krankenkasse zu warten. "Dann operiere ich aber nicht. Wegen der hohen Kosten bitte ich die Patienten abzuwarten", sagt der Chirurg. Özgür bietet die Veränderung vom Mann zur Frau an. Sie kostet zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Läuft der Eingriff einmal nicht nach Plan, sind die Kosten schnell noch höher.

Özgürs Patienten leben im Alltag bereits als Frau. Sie nehmen weibliche Geschlechtshormone, die ihnen Brüste wachsen lassen. Schon vor dem Eingriff sehen viele sehr weiblich aus. Für den Eingriff selbst wählt Özgür das insgesamt gängigste Operationsverfahren: Operateure machen sich dabei zu Nutze, dass sich männliche und weibliche Genitalien aus den gleichen Anlagen heraus entwickelt haben und sich umformen lassen.

Zunächst werden dazu die Schwellkörper aus dem Penis entfernt. Der Schaft als schlauchartiger äußerer Teil bleibt erhalten. Er wird in einen Hohlraum umgestülpt, der im Körper zwischen Darm und Harnröhre freigelegt wird. So entsteht eine künstliche Scheide. Aus der Gliedspitze wird die Klitoris erzeugt. Nach dem Entfernen der Hoden werden schließlich noch Schamlippen aus den verbliebenen Hodensäcken geformt. Um eine funktionstüchtige neue Scheide - Chirurgen sprechen von Neo-Vagina - zu erhalten, sind oft zwei Eingriffe nötig.

Bei Operationsfehlern können Harnröhre oder Darm verletzt werden. Im schlimmsten Fall müssen Patienten dann einige Monate mit einem künstlichen Darmausgang leben. "95 Prozent der Eingriffe gelingen aber ohne größere Komplikationen", sagt Özgür. Nach sechs bis acht Wochen können die neuen Frauen Geschlechtsverkehr haben.

Angleichung zum Mann ungleich aufwendiger

Die Angleichung einer Frau zum Mann bietet Özgür nicht an. Es ist ein komplizierterer Eingriff, der mehrere Operationen erfordert. Zunächst werden dabei Brustgewebe, Eierstöcke, Gebärmutter und Scheide entfernt. Ein künstlicher Penis wird entweder aus der Klitoris moduliert, die durch eine Hormontherapie vergrößert wurde. Er ist dann sehr klein. Oder es wird Gewebe von anderen Körperbereichen, wie zum Beispiel dem Rücken, entnommen, um damit ein normalgroßes Glied zu formen.

In den künstlichen Penis wird dann ein Implantat eingearbeitet, mit dem er sich für den Geschlechtsverkehr aufpumpen lässt. Imitate aus Silikon ersetzen die Hoden. Genau wie bei der Mann-zu-Frau-Variante müssen Operierte bis an ihr Lebensende Geschlechtshormone des Wunschgeschlechts zu sich nehmen: Der neue Körper kann diese nicht produzieren. Die Hormone beeinflussen unter anderem Stimme, Körperbehaarung, Brust- oder Muskelwachstum.

Zu den üblichen Operationsrisiken kommt bei Geschlechtsangleichungen eine weitere Gefahr: Die Fähigkeit zum Orgasmus kann danach beeinträchtigt sein, insbesondere bei Patienten, deren Penis aus Transplantaten geformt wurde. Bei den Mann-zu-Frau-Operationen bleibt die sexuelle Empfindsamkeit laut Özgür aber fast immer erhalten. Einige Frauen hätten sogar berichtet, seit dem Eingriff mehr Freude am Sex zu haben, sagt der Chirurg: "Medizinisch lässt sich das nicht erklären, aber es freut mich natürlich für sie."

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