Seelisches Wohlbefinden Die sechs Säulen des Glücks

Wer glücklich ist, ist gesund. Doch warum schützt seelisches Wohlbefinden vor Krankheiten? Psychologen finden immer mehr Antworten darauf - und haben Tipps, wie wir unser Wohlgefühl stärken können.

Glückliches Paar: Eine positive Beziehung steigert das Wohlbefinden - und hält gesund
Corbis

Glückliches Paar: Eine positive Beziehung steigert das Wohlbefinden - und hält gesund

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Nach der anstrengenden Präsentation kommt die Migräne-Attacke, nach der Trennung vom Partner juckt die Haut, und bei Stress blüht der Herpes. Der Körper reagiert auf negative Gefühle.

Aber auch positive Emotionen können biochemische Vorgänge in unserem Körper beeinflussen. Aus Studien weiß man: Menschen, die regelmäßig Gefühle wie Liebe, Freude und Wohlbefinden erleben, zeigen im EKG einen besseren Herzrhythmus und haben ein geringeres Infarktrisiko. Zudem wehrt das Immunsystem der Glücklichen entzündliche Prozesse besser ab. Neue Erkenntnisse zeigen sogar: Verändert sich die Psyche, verändert sich der Körper auf Zellebene mit. Positive Gefühle, so das Fazit, können unsere Gesundheit schützen.

Was aber können wir selbst fürs Wohlbefinden tun?

"Natürlich gibt es nicht die eine Wundersäule für seelisches Wohlbefinden" sagt die Psychologin und Autorin des Buchs "Wohlbefinden fördern", Renate Frank. "Doch es gibt Fähigkeiten, die die psychische Gesundheit stützen."

Glücksfördernd, so Frank, sei zum einen die Selbstakzeptanz: Menschen, die ständig ihre Schwächen beleuchten, sabotierten ihr Wohlbefinden und produzierten schlechte Stimmung. Positive soziale Beziehungen sowie Autonomie sind laut Frank zwei weitere Pfeiler. Auch wer sich fragt, was er für die Gesellschaft tun und somit einen Lebenszweck definieren kann, fördert demnach sein Wohlgefühl.

Mikromomente des Glücks

Die meisten Menschen wüssten zwar, was ihnen gut tue, so Frank. Wichtig aber sei es, sich das auch bewusst zu machen und "diese Momente zu zählen und aktiv zu planen", etwa in Form einer Tagesbilanz. Es gehe darum, seine Wahrnehmung für das Positive zu schulen und Mikromomente des Glücks zu sammeln.

In einer Studie fanden Forscher heraus, dass ein schlechtes Ereignis in der Tagesbilanz durch drei positive Erlebnisse aufgewogen werden sollte. In der Partnerschaft liegt demnach das Verhältnis sogar bei 1:5. Stimmt die Bilanz, fördert es den sogenannten "Broaden-and-Build-Effekt": Durch die positiven Gefühle wird man offener und kreativer ("broaden") - und dadurch zugänglicher für die Entdeckung neuer Fähigkeiten ("build"). Auf diese Weise kommt eine Aufwärtsspirale in Gang.

Die US-Psychologin Carol Ryff, die als Pionierin auf dem Gebiet der seelischen Zufriedenheit gilt, formulierte sechs Säulen des Wohlbefindens: Neben der Selbstakzeptanz, den sozialen Beziehungen, der Autonomie und dem Lebenszweck zählen ihr zufolge noch die aktive Umweltgestaltung und persönliches Wachstum dazu.

Ryff machte interessante Beobachtungen: Menschen, die zum Beispiel abends für ihr Medizinstudium büffelten oder anderen halfen, waren langfristig glücklicher als etwa Menschen, die in den Karibikurlaub flogen. Und: sie wehrten auch Infekte besser ab.

In seiner Theorie des Aufblühens ("Flourishing") erklärt der US-Psychologe und Mitbegründer der Positiven Psychologie, wie der emotionale Status sogar Erkältungen abwehren kann: Forscher setzten Probanden Erkältungsviren aus und unterstützten eine Gruppe mit positiven Interventionen. Diese erkrankten seltener an Schnupfen als jene ohne die psychologische Unterstützung.

Genforscher sind inspiriert

Die Forschung zum Wohlbefinden inspiriert mittlerweile sogar Genforscher: Steven Cole von der University of California in Los Angeles (UCLA) analysierte die Gene von Menschen, die angaben, glücklich zu sein. Diese verglich er mit den Genen von Menschen im emotionalen Tief. Das Ergebnis: Bei einsamen Menschen etwa waren viele Entzündungsgene aktiviert. "Freunde wirken offenbar wie Entzündungshemmer", sagt Cole.

Auch der Psychoneuroimmunologe Michael Antoni aus Florida ist der Auffassung, dass Veränderungen in der Psyche sich parallel im Körper zeigen. Antoni legte ein Stressmanagement-Programm für Brustkrebspatientinnen auf: In zehn Sitzungen à zwei Stunden bekamen die Probandinnen eine Schulung zum Abbau ihrer Ängste und Übungen aus der imaginativen Psychotherapie. Das Ergebnis seiner Langzeituntersuchung: Der positive Effekt der Stressreduktion ließ sich sogar auf zellulärer Ebene verfolgen. Nach Jahren waren bei den Probandinnen weniger Metastasen-Gene aktiv.

Für das gute Gefühl hat Renate Frank noch einen weiteren Tipp: Menschen sollten sich auf ihre Stärken fokussieren. Es ist eine der zentralen Erkenntnisse der Positiven Psychologie: "Build, what's strong" - kräftige, was gut ist. Diese sogenannten Signaturstärken, die einem auf den Leib geschrieben sind, sollte man Frank zufolge in möglichst vielen Bereichen einsetzen. Manchmal beschere das sogar ein Flow-Gefühl - und es halte gesund.

ZUR AUTORIN
  • Stefanie Maeck ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
capitain_future 02.05.2015
1. Aus der Serie SPON sinnlose Artikel:das Glück
da habe ich auch meine persönlichen Vorstellungen v. Glück: 1. eine brauchbare Partnerschaft z.b. sich verstehen, ergänzen,guter Sex . 2. ausreichende Finanzmittel z.b. Existenz die funktioniert 3. gute Klima und Umweltbedingungen 4. viele freundliche soziale Kontakte 5. positive Zukunftsaussichten
ykarsunke 02.05.2015
2. schön!
zum glücklichsein fehlt mir also nur - äh, das glücklichsein. nach krebserkrankung, pleite und scheitern der ehe brauche ich pro tag aber eine menge glücksmomente, um über meinen schuldenberg und die sehr unangenehmen nachwirkungen meiner krankheit lächelnd hinwegzusehen!
Newspeak 02.05.2015
3.
Tut mir leid, diese Erkenntnisse sind entweder Binsenweisheiten oder regelrecht zynisch, wenn man die Tatsache berücksichtigt, wieviele Menschen durch menschengemachte äußere Umstände und Ungerechtigkeiten genau diese Dinge nicht erleben. Wo ist die Selbstbestimmung in einer von Leiharbeit, Hungerlöhnen und Hartz-IV charakterisierten Arbeitswelt für Viele? Am Ende stellt sich heraus, wer sowieso schon vermögend ist, durch Erbschaft, Beziehungen oder legaler Kriminalität, der kann sich auch Autonomie leisten. Und den anderen wird mit dem Hungerlohn auch die Würde genommen. Der "pursuit of happiness" steht eben nur in der (amerikanischen) Verfassung. Im realen Leben schert man sich einen Dreck darum.
DrIngmeier 02.05.2015
4. bekommt Kinder - das hilft!
Dann braucht man keine Pchychokurse! Platt aber wahr. und darüber hinaus befriedigt auch Arbeit
BettyB. 02.05.2015
5. Nun ja...
Da man nicht alles haben kann, sollte man zur Steigerung der eigenen Zufriedenheit erst einmal überlegen, was man alles nicht wirklich braucht und sowohl eigene Ansprüche und Hoffnungen reduzieren. Und siehe da, es funktioniert...
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