Schönheitsideale: Die falsche Haut
Bin ich zu blass, bin ich zu braun? Solchen Fragen verdankt eine globale Industrie ihre Existenz: Jährlich setzt sie Milliarden um und lebt davon, dass vor allem Frauen anders aussehen wollen, als sie es von Natur aus tun. Das wichtigste Geschäft: Menschen weiß zu machen.
Als die Ermittler am 25. Juni 2009 die Räume des soeben verstorbenen Sängers Michael Jackson durchsuchten, stellten sie unter anderem 37 Tuben Creme sicher. 19 davon enthielten das in den meisten Ländern verbotene Hydrochinon, 18 davon Benzochinon. Hydrochinon gilt als ätzend, gesundheits- und umweltgefährdend, es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Benzochinon ist die kräftigere Variante.
Das klingt nicht gerade nach Hautpflege. Und doch nutzen Millionen Menschen jeden Tag solche Cremes. Ihr Antrieb: weißer zu werden.
Mit Hautbleichmitteln (geschätzter Jahresumsatz mit legalen Produkten zurzeit zwölf Milliarden, insgesamt über 40 Milliarden Dollar) wird heute mehr Geld umgesetzt als mit Bräunungs- und Sonnenschutzprodukten (geschätzt zehn Milliarden Dollar). Angeblich sollen weltweit bis zu 27 Prozent aller nicht-weißen Frauen Hautaufheller benutzen.
Offiziell geht es oft nur um die Entfernung von Hautflecken. In Asien und der südlichen Hemisphäre machen aber schon die Produktnamen klar, was sich die Kundinnen wirklich von den Cremes versprechen: "White Beauty", "Fair and Handsome", "Fairness Creme", "Skin Litener", "Natural White", "Flawless White" oder "White Radiance". Es geht um Blässe, um Umfärbung.
In Afrika nutzen nach WHO-Informationen in manchen Ländern mehr als die Hälfte der Erwachsenen hautaufhellende Produkte. Die größten Märkte sind Japan, die Philippinen und China - sie könnten von Indien bald überholt werden. Die Sucht nach "Fairness" ist dabei mehr als eine modische Marotte. Sie vertieft gesellschaftliche Gräben, schafft völlig neue Identitäts-, und zum Teil massive gesundheitliche Probleme.
Woher kommt die Obsession mit der Blässe?
Anthropologen wissen, dass weibliche Haut innerhalb jeder Ethnie rund zehn bis 15 Prozent heller ist als männliche. Blässe wirkt schon darum besonders weiblich, aber sie setzt auch andere Signale.
Zum Beispiel, dass man nicht auf dem Feld arbeitet. Europas Adel pflegte seine vornehme Blässe, ähnliches findet sich in Kulturen Asiens. In Japan begann die Obsession mit dem Weiß vor Jahrhunderten, die Moden des Puderns und Schminkens gingen fließend in die der Hautaufhellung über: Japanische Kosmetikfirmen begründeten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Bleichmarkt.
In Indien hat die Sache einen sozial-rassistischen Subtext. In der alten Kastengesellschaft erkannten sich das gesellschaftliche Oben und Unten unter anderem am Teint. Als die Europäer einmarschierten, verschärften sie das sozial konnotierte Teint-Gefälle ins Extrem. Blass zu sein signalisiert dort noch immer eine "hohe" Herkunft.
Kein Wunder, dass viele afroamerikanische Stars versuchen, sich irgendwo zwischen den Ethnien zu positionieren. Zu den weiblichen Idolen unter Bleich-Verdacht finden sich große Namen wie Beyonce Knowles, Rihanna oder die Rapperin Lil'Kim.
Die zur Schau gestellte Blässe zementiert den Trend zur kaukasischen Hautfarbe. Der geht oft genug mit Minderwertigkeitsgefühlen bei denen einher, die ihm nicht gerecht werden. Das geht so weit, dass Kinder in psychologischen Tests eigentlich identische, aber unterschiedlich gefärbte Cartoonfiguren nach Hautfarbe sortiert als "hässlich" oder "hübsch" einordnen. Die Einschätzung "Je weißer, desto schöner" wird dabei auch von nicht-weißen Kindern geteilt.
In einer aktuellen Werbekampagne stilisiert die Kosmetikfirma Shiseido als Kampf zwischen dem guten Weiß und dem bösen Schwarz:
Die Umsätze der Industrie steigen weiter - trotz großer gesundheitlicher Risiken, wenn die Cremes und Tinkturen aus obskuren Manufakturen kommen. Nicht jede Kundin kann sich Edel-Cremes von Kosmetikmarken wie Shiseido, Pond's oder Olaz leisten, die nach derzeitigem Wissensstand als unbedenklich gelten.
Rund zwei Dutzend zugelassene Wirkstoffe werden zurzeit angeboten. Einer davon musste im Juli 2013 vom Markt genommen werden. Kanebo Cosmetics rief 54 seiner Hautbleicher-Produkte zurück. Bei über 7200 Frauen war es zu Hautirritationen gekommen, bei fast 3000 gingen die mit teils erheblichen Verfärbungen und Hautveränderungen einher.
Das ist harmlos im Vergleich zu dem, was Kundinnen droht, wenn sie sich mit Billigprodukten versorgen. Zur Zutatenliste solcher Bleichtinkturen gehören mitunter Quecksilber, Phenole, Steroide, Benzol, Chinone und Wasserstoffperoxid.
Eine Nebenwirkung teilen alle effektiven Hautbleichmittel: Weil sie entweder die Bildung von Melanin verhindern oder dieses zerstören, verliert die Haut ihren UV-Schutz. Selbst, wenn dann aggressive Stoffe nicht zu krankhaften Hautveränderungen führen, steigt zumindest das Risiko von Verbrennungen und Hautkrebs. Gute Hautbleicher großer Firmen enthalten darum fast immer Sonnenschutzmittel mit hohen Schutzfaktoren.
So schafft ein Bedürfnis das nächste.
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