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Wir machen uns mal frei: Wehe, wenn der Herbstblues kommt

Schaurig schönes Herbstwetter: Im besten Falle wird man nur melancholisch Zur Großansicht
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Schaurig schönes Herbstwetter: Im besten Falle wird man nur melancholisch

Trübes Wetter, trübe Laune - im Herbst fühlen sich viele Menschen depressiv, auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Doch er hat das perfekte Gegenmittel gefunden: eine Lichtdusche.

Der Duft von Regen und Erde liegt in der Luft, die Sonnenuntergänge wirken wie gemalt. Und die farbigen Blätter verwandeln die Welt in einen real existierenden Impressionismus. Selbst für mich als rot-grün-Schwachen ist der Herbst optisch ein Fest. Wenn da nur nicht das miese Wetter und die trüben kurzen Tage wären!

Auch meinen Nymphensittichen schlug der Herbst immer ordentlich aufs Gemüt. Uns deutsche Menschen nervt der Winter ja schon. Wie muss sich das erst anfühlen, wenn man als Vogel genetisch eigentlich auf australische Verhältnisse programmiert ist? Zumal Sharky und Rocky nicht raus durften. Sie flogen zwar permanent frei in unserer Wohnung herum. Echte Sonnenstrahlen bekamen sie aber nur manchmal ab, wenn es im Sommer warm genug war, um ihren Käfig auf den Balkon zu stellen.

Wir wissen: Der UV-B-Anteil im Tageslicht ist wichtig für die Vitamin-D-Produktion. Und die wiederum reguliert den Knochenaufbau. Auch bei Vögeln. Wir Menschen haben es einfacher, wir können, statt raus in die Sonne zu gehen, auch Makrele oder Lachs essen. Da ich meinen vegetarisch-körnerversessenen Nymphensittichen aber keinen Vitamin-D-haltigen Fettfisch hinklatschen konnte, bestellte ich eine Tageslichtlampe, die, so versprach der Hersteller, auch UV-B-Licht abstrahlte.

Lichtdusche für Sharky und Rocky

Man muss ehrlicherweise sagen, dass diese Lampen ein extrem grelles und hässliches Licht machen. Aber meine Vögel liebten sie. Im Herbst und Winter setzten sie sich direkt auf das Lampengehäuse und ließen sich stundenlang von den 10.000 Lux berieseln. Dabei plusterten sie sich auf, zogen eine Kralle ins Gefieder und dämmerten gemütlich vor sich hin, während sie zufrieden ihre Schnäbel wetzten. Wahrscheinlich träumten sie von dicken Kolben Hirse, die im australischen Sonnenlicht vor ihren Schnäbeln tanzten. Was auch deutlich spürbar war: Sharky und Rocky waren durch die Lichtduscherei besser drauf.

Weil sie so gut bei meinen Vögeln wirkte, schraubte ich mir die Spezialbirne auch in meine Bürolampe. Bei Dunkelheit nach Hause kommen, das ist schon schlimm genug. Aber im Finsteren aufzustehen, ist einfach furchtbar! Wenn die Tage im September und Oktober kürzer werden, setzen bei mir die Symptome einer Winterdepression ein: Meine Lust auf Schokolade steigt, während meine Lust auf alles andere sinkt (für mich als trockenen Schokoholiker eine extrem gefährliche Jahreszeit). Ich schlafe schlecht und bin tagsüber dauernd müde. Und dann die permanente Melancholie, die sich mit schlechter Laune abwechselt.

Die Wirkung der Lampe war die gleiche wie bei meinen Vögeln: An diesen tristen Winterabenden im Büro war ich wacher als sonst, motivierter und vor allem besser gelaunt. Nur leider hatten die Lampen auf die Laune meiner Kollegen den gegenteiligen Effekt: Die waren von dem grellen Licht extrem genervt. Wie übrigens auch meine Nachbarn im Haus gegenüber, die sich bei Anwohnern in der ganzen Straße darüber beklagten, wie sehr sie das Licht der Nymphensittich-Lampe belästigen würde.

Lichtdusche - am besten für alle und überall

Also schraubte ich die Birne im Büro wieder raus. Aber zu Hause behielt ich die Lichtdusche bei, vor allem morgens. Irgendwann legte ich mir eine Tageslichtlampe ohne UV-Anteil zu, die speziell gegen die Winterdepression helfen soll. Die Forschung zeigt, dass sie das auch tut. Ich bin überzeugt: Würden wir diese Lampen flächendeckend einsetzen, würde das an Weihnachten in vielen Haushalten eine Menge Streit verhindern und vielleicht sogar die eine oder andere Scheidung retten.

Über Depressionen redet man nicht, man hat sie nur - so sieht das hierzulande leider aus. Dieses Thema ist völlig tabuisiert. Winterdepression (auch Seasonal Affective Disorder genannt, mit dem schönen Akronym Sad) ist eine echte Depression und sie wird eindeutig durch den Lichtmangel im Herbst und Winter hervorgerufen. Sie ist - genauso wie eine normale Depression auch - nichts, wofür man sich schämen müsste. Winterdepression ist die menschliche Version des Winterschlafs, ein evolutionär sinnvolles Energiesparprogramm des Körpers, das wir heute zum Glück nicht mehr nötig haben, das aber noch immer in uns steckt.

Energiesparen ist eine gute Sache. Aber beim Licht werde ich künftig eine Ausnahme machen und ab sofort die Lampe morgens wieder anschalten. Letztlich auch in Ihrem Interesse - oder möchten Sie hier in den Wintermonaten gerne bedrückende Kolumnen lesen? Und am Ende werde ich deswegen dann noch gefeuert, bin arbeitslos und erst recht deprimiert. Und Sie vielleicht, weil es dann gar keine Kolumnen mehr gibt. Also: Lampe an, miese Laune aus.

WINTERDEPRESSION - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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1. Lichtmangel...
Layer_8 02.10.2013
Zitat von sysopDPATrübes Wetter, trübe Laune - im Herbst fühlen sich viele Menschen depressiv, auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Doch er hat das perfekte Gegenmittel gefunden: eine Lichtdusche. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/herbstdepression-der-herbst-drueckt-auf-die-stimmung-a-925705.html
...also bitteschön. Den gabs schon immer zur Winterzeit in deutschen und nördlicheren Breiten. Wenn Lichtmangel im Winter wirklich ein gravierendes Problem wäre, wären diese Breiten nie von Menschen besiedelt worden. Aber vielleicht sind ja in den letzten Jahrzehnten alle hier plötzlich mutiert, dann wäre ein wirkliches Thema gegeben.
2.
Hafturlaub 02.10.2013
Zitat von Layer_8...also bitteschön. Den gabs schon immer zur Winterzeit in deutschen und nördlicheren Breiten. Wenn Lichtmangel im Winter wirklich ein gravierendes Problem wäre, wären diese Breiten nie von Menschen besiedelt worden. Aber vielleicht sind ja in den letzten Jahrzehnten alle hier plötzlich mutiert, dann wäre ein wirkliches Thema gegeben.
Und wenn Wasser-oder Nahrungsmangel ein gravierendes Problem in Afrika wäre, hätten sich dort niemals Menschen angesiedelt.
3. Zu kurze Sommer
lukretia 02.10.2013
Liegt vielleicht auch daran, dass wir keine richtigen Jahreszeiten mehr haben: ewig lange Winter, kurzer oder verregneter Frühlung, ein paar Wochen Sommer und Spätsommer, dann wieder Kälte bis April. Mein Tip: im Januar oder Februar auf die Kanaren für 2 Wochen!
4. Also
mully 02.10.2013
ich kann es nachvollziehen, war bei mir aber eher eine schleichende Entwicklung, in meiner Jugend war es noch kein Problem. Seit zwei Jahren sorge ich für externe Vitamin D Zufuhr (entsprechende Nahrung und Ergänzung aus der Apotheke), seit zwei Jahren ist das Gemüt wieder stabil.
5. Richtig
Layer_8 02.10.2013
Zitat von HafturlaubUnd wenn Wasser-oder Nahrungsmangel ein gravierendes Problem in Afrika wäre, hätten sich dort niemals Menschen angesiedelt.
Wenn Wasser-oder Nahrungsmangel ein gravierendes Problem in Afrika wäre, hätte sich die Menschheit dort überhaupt nicht erst entwickelt. Aber was haben aktueller Wasser-oder Nahrungsmangel dort mit seit 4 Milliarden Jahre vorhandenen astronomischen Gegebenheiten zu tun? Ihr Vergleich zeugt doch von einer gewissen, sagen wir, Unlogik.
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