Hilfe gegen Depressionen Die perfekte Pille

Warum leiden Menschen unter Depressionen? Warum quälen sie Angstzustände? Der Mediziner Florian Holsboer fahndet nach den Ursachen im Gehirn. Im Interview erklärt er, wie maßgeschneiderte Medikamente künftig gegen psychischen Schmerz helfen können.

Weinende Frau: Depressive überfällt manchmal ohne erkennbaren Grund Traurigkeit
Corbis

Weinende Frau: Depressive überfällt manchmal ohne erkennbaren Grund Traurigkeit


Die Vision einer personalisierten Seelenheilkunde ist eng verknüpft mit dem Namen Florian Holsboer. Der Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie ist davon überzeugt, dass sich eines Tages individuelle neurobiologische Ursachen ausmachen lassen, die zum Entstehen von Depressionen, Angststörungen und anderen seelischen Leiden führen. Dann werde man auch in der Lage sein, diese verbreiteten Störungen mittels zielgerichteter Medikamente wirkungsvoll zu therapieren.

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie liegt mitten in einem Wohnviertel im Norden der Münchner Innenstadt. Es besteht in der Hauptsache aus einem nüchternen, weißen Gebäudekomplex im Schatten eines mächtigen Altbaus, der nach Emil Kraepelin (1856 - 1926) benannt ist, dem Gründervater der modernen Psychiatrie. Gut 100 Jahre nach Kraepelins Pionierarbeit tüfteln hier zahlreiche international besetzte Forschergruppen an einer neuen Medizin der Seele.

Der Direktor der Forschungseinrichtung, Florian Holsboer, ist Mediziner und Chemiker. Mit seinem Faible für die neurobiologische Betrachtung seelischer Störungen gilt er als einer der Hauptvertreter der personalisierten Medizin in Deutschland. Wird sie die Hoffnung, die viele Menschen in diese Forschung setzen, erfüllen können?

Frage: Herr Professor Holsboer, laut aktuellen Statistiken ist es um die psychische Gesundheit der Deutschen immer schlechter bestellt. So nehmen Fehltage und Frühverrentungen wegen Depressionen oder Angststörungen seit Jahren immer mehr zu. Woran liegt das?

Holsboer: Psychischen Problemen wird heute allgemein mehr Aufmerksamkeit zuteil als früher. Es ist auffällig, dass über immer mehr Fälle von Burnout und Depressionen unter Prominenten in den Medien berichtet wird. Die Gesellschaft geht offener mit solchen Problemen um als noch vor zehn Jahren. Die Leute wissen, dass beispielsweise eine Depression jeden treffen kann, auch beruflich erfolgreiche Menschen - Unternehmer, Politiker, Sportler. Da stellt sich ein Ralf Rangnick hin, der erfolgreiche Trainer des zweitgrößten deutschen Fußballclubs, und sagt: Ich habe ein Problem, ich kann nicht mehr. Das hätte sich früher niemand getraut. Diese Offenheit trägt zum Anstieg der dokumentierten Krankheitsfälle bei. Laut epidemiologischen Studien erkranken rund zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Leben an einer schweren Depression. Allerdings gibt es keine objektiven Kriterien, keine Laborkonstellationen, an denen sich das eindeutig ablesen ließe.

Frage: Welche Folgen hat dieser Mangel an "harten " Kennzeichen?

Holsboer: Die Diagnose läuft allein über verbale Berichte. Da es Frauen zumeist leichter fällt, über Probleme und persönliche Nöte zu sprechen, als Männern, erscheinen Frauen entsprechend häufiger in den Depressionsstatistiken. Doch je schwerer die Symptome ausfallen, desto mehr nähern sich die Quoten der beiden Geschlechter einander an. Ein weiteres Problem ist: Zwei Patienten mögen sich in ihren Symptomen und auf allen möglichen psychometrischen Skalen noch so sehr gleichen, die krankheitsverursachenden Mechanismen können dennoch ganz verschieden sein.

Frage: Sind alle psychischen Erkrankungen Ihrer Ansicht nach gleichzeitig auch Hirnerkrankungen?

Holsboer: Ja, sicher. Im Kern handelt es sich immer um ein Ungleichgewicht in der Biochemie der Zellen des Gehirns. Die organische Ursache psychischer Erkrankungen war übrigens in der Antike bereits akzeptiert. Galens Säftelehre besagt ja genau das. In der Moderne hat dann, ausgelöst durch René Descartes, die für die Forschung fatale Trennung von Leib und Seele Einzug gehalten. Heute sind wir dank moderner Technologien jedoch zum Glück in der Lage, dies zu überwinden.

Frage: Ist es nicht zu einseitig, seelisches Leiden allein als Störung des Hirnstoffwechsels zu betrachten?

Holsboer: Nein, vor allem nicht, wenn man heilen will. Natürlich ist das individuelle Leid der Patienten eingebettet in die jeweiligen Lebensumstände. Diese beeinflussen wiederum, wie man mit einer Erkrankung umgeht und welche konkreten Hilfen sich etwa in der Familie oder im Arbeitsumfeld bieten. Das eigentliche Problem aber wurzelt in Hirnprozessen, dort muss die Behandlung ansetzen.

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maren.01 02.05.2014
1. Vorsicht Suchtgefahr!
Als Mitarbeiterin einer Suchtberatungsstelle rate ich zu äußerster Vorsicht bei diesem Medikament. Zitat aus Wikipedia / Stichwort Diazepam: " Es ist bekannt, dass es bei Verwendung von Diazepam zu paradoxen Reaktionen wie Ruhelosigkeit, Agitation, Reizbarkeit, Aggressivität, Wahnvorstellungen, Wutausbrüchen, Albträumen, Halluzinationen, Psychosen, auffälligem Verhalten und anderen Verhaltensstörungen kommen kann. Beim Absetzen von Diazepam können Rebound-Symptome auftreten. Die ursprünglichen Symptome, die zur Behandlung mit Diazepam führten, können verstärkt auftreten."
Uwe Barth 26.06.2014
2. Natürliche Alternativen
Die perfekte chemische Keule? Da lobe ich doch alternative Ansätze. Wissenschaftlich gut aufgestellt zeigt sich dabei immer wieder Transzendentale Meditation (TM), auch in verwandten Bereichen (PTSD, Angststörungen etc). Ein paar Highlights: Transzendentale Meditation reduziert Depressionen älterer Menschen um fast die Hälfte" Quellen: The Independent 8 4.2010, Wissenschaft aktuell 15.4.2010 Die Studien wurden an der Charles Drew University in Los Angeles und der University of Hawaii durchgeführt. Sie stärken die wachsende Evidenz über die gesundheitlichen Wohltaten der Methode. Die Autoren der neuen Studie sagen, wenn sich die Ergebnisse weiter bestätigen, kann TM einen Nutzen für Millionen von Menschen haben. Drogen und Therapie haben eine nützliche, aber begrenzte Wirkung. s.a. Deutsche Ärztezeitung 19.4.2010“Depressionen lassen sich wegmeditieren” Artikelübersicht mit Verlinkung zu den Quellen hier: http://fakten-transzendentale-meditation.com/tm-gesundheit.htm (An die Redaktion, es handelt sich um eine rein informative, nicht gewerbliche website, die Nachrichten zur TM aus auschließlich staatlichen und unabhängigen Quellen sammelt, deshalb den link bitte stehenlassen, danke!) PTSD Im Jahre 2010 beging alle 65 Minuten ein U.S. Kriegsheimkehrer Selbstmord, zusätzlich zu den Selbstmorden der aktiven Mitglieder der Streitkräfte, die 2012 die Rekordzahl von 349 erreichte. Diese Zahlen mögen ein Grund dafür sein, warum das U.S. Miltär alternative Ansätze zur posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) erforscht. 1985 fand eine kleine Pilotstudie, das Transzendentale Meditation den Stress und Ängstlichkeitslevel von Vietnamheimkehrern signifikant verringerte. Innerhalb von drei Monaten benötigten 70% der meditierenden Veteranen die Hilfe der Veteranencenter nicht mehr. Quelle: Business Week 6.2.2013 Meditation bringt Frieden für Kriegsveteranen* “. . . Mittlerweile investiert das U.S. Militär - nicht dafür bekannt, sich mit Mystik zu beschäftigen - 5 Millionen Dollar in ein Dutzend Versuchsprogramme, die Auswirkungen der TM auf posttraumatische Störungen (PTSD) untersuchen . . .” Quelle: British Forces News, 3.6.2011, ABC News Health Juli 2011 Angststörungen Das Journal of Alternative and Complementary Medicine veröffentlichte eine neue Meta-Analyse, nach der die Technik der Transzendentalen Meditation (TM) für Menschen mit starker Angststörungen großen Einfluss auf die Verringerung der Ängste hat. TM wurde mit verschiedenen Kontrollgruppen, einschließlich der üblichen Behandlungsarten, Einzel-und Gruppenpsychotherapie und verschiedenen Entspannungstechniken verglichen. Studien zu Gruppen mit hoher Belastung wie Kriegsveteranen mit PTSD und Gefängnisinsassen zeigten dramatische Reduzierungen der Angst durch die TM Praxis . . . *“Fazit: Insgesamt ist die TM Praxis effektiver als übliche Behandlungsarten und als die meisten alternativen Behandlungsmethoden, wobei die größten Auswirkungen bei Personen mit hoher Angst beobachtet werden.” Quelle: Journal of Alternative and Complementary Medicine 9.10.2013 (2013;19(10):1-12) Alle genannten Studien und Artikel sind über obigen link leicht auffindbar.
hermannheester 31.01.2015
3. Die Individualtherapie bei seelischen Verstimmungen?
Hier ist m.E. ein gewisser Grad an Geschäftssinn mit im Spiel. Die Depressionsderivate, die sich der "moderne Mensch" mit seinem geballten Illustriertenwissen zu gönnen pflegt, sie bedürfen eher einer schlichten Psychotherapie als eines Pharmacocktails.
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