Alkohol, Medikamente, Drogen Zahl der süchtigen Senioren steigt

Immer mehr Menschen im Rentenalter greifen im Übermaß zu Alkohol, Schmerzmitteln und Schlaftabletten. Häufig werden die Anzeichen für eine Abhängigkeit als Alterserscheinungen abgetan. Doch für eine Behandlung ist es nie zu spät, sie kann kostbare Lebensjahre schenken.

Ein Drink und dann noch einer: Rund 400.000 über 60-Jährige haben in Deutschland ein Alkoholproblem
Corbis

Ein Drink und dann noch einer: Rund 400.000 über 60-Jährige haben in Deutschland ein Alkoholproblem


Immer, wenn sie morgens schlecht gelaunt aufwachte, gönnte sich Erna Müller* ein Glas Sekt. Und das war sehr oft. Dann noch eins, nicht selten auch eine ganze Flasche. Immer häufiger. An diesen Tagen verbrachte die 79-Jährige mehrere Stunden vor dem Fernseher, überließ ihrer Tochter wichtige Aufgaben und Einkäufe.

Müller ist eine von rund 400.000 Menschen in Deutschland, die über 60 Jahre alt sind und ein Alkoholproblem haben. Mindestens viermal so viele Senioren, weit mehr als eine Million, gehen ebenso problematisch mit Medikamenten um. Dazu zählen Senioren, die noch in den eigenen vier Wänden leben, ebenso wie Bewohner von Altenheimen.

Experten beobachten, dass die Zahl der Abhängigen gerade bei Älteren derzeit steigt. Sie deuten dies als die Spätfolgen gesellschaftlicher Veränderungen: "Menschen, die heute 60 bis 65 Jahre alt sind, gehören zur ersten Generationen, die plötzlich Pillen gegen jede Form von körperlichen Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen hatte. Die davor kannten zum Beispiel keine Schmerzmittel. Da gehörte Schmerz zum Leben dazu und musste ausgehalten werden", erklärt der Mediziner Dirk Wolter, der in einer Klinik in Dänemark eine gerontopsychiatrische Station leitet. "Medikamentenabhängigkeit im Alter gab es daher früher kaum. Die ist für uns erst seit Ende der achtziger Jahre ein zunehmendes Problem."

Auch Alkohol- und Drogenprobleme sind in Teilen ein modernes Phänomen. "Während die Kriegsgeneration mit Alkohol noch zurückhaltend war, kam die 68er-Generation sogar mit Aufputschmitteln und Marihuana in Kontakt. Noch heute gehen sie entspannter mit solchen Substanzen um - sind aber inzwischen Rentner", sagt der Psychologe Arnulf Vosshagen, der in Essen die Ambulanz der Fachklinik Kamillushaus leitet. Er betreut das Projekt "Sucht im Alter", das in seiner Region die Sucht- mit der Altenhilfe vernetzt hat. Auch die Situation von Senioren sei heutzutage nicht leicht, sagt er. Wenige könnten sich auf tragfähige Beziehungen zu Mitmenschen stützen. Die Familie lebt oftmals in der Welt verstreut. Und auch die Rente wird knapper.

Alter ist wie Pubertät: Eine Krisenzeit

Andere bringt vor allem der Lebenswandel im Ruhestand aus dem Gleichgewicht. "Das Alter ist genauso eine schwere Aufgabe wie die Pubertät. Denn auch dies ist eine Krisenzeit: Das Berufsleben endet, nahestehende Menschen sterben. Man selbst wird gebrechlicher und verliert Stück für Stück seine Selbständigkeit", erklärt Vosshagen. Einige stillen dann ihre Trauer mit Alkohol und Pillen. Dabei rauben gerade diese den Senioren den letzten Rest an Unabhängigkeit im Leben.

Auch Erna Müller bekam das zu spüren. Als sie nach einigen Gläsern Sekt mit dem Auto unterwegs war, verursachte sie einen Unfall. Nicht nur der Schreck belastete sie. Die alte Dame verlor auch ihren Führerschein, ihr Ticket zur Eigenständigkeit.

Schon die gewohnten zwei Gläser Bier am Abend sind im Alter bedenklicher als noch mit Mitte Vierzig. Zum Einen arbeitet die Leber nicht mehr so schnell wie früher. Wer genauso viel trinkt wie noch in jungen Jahren, läuft Gefahr, schnell betrunken zu sein und dadurch zu stürzen. Auch kann der Konsum typische Alterserkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck verschlimmern. Mit den Alterskrankheiten kommen außerdem Medikamente, die in Kombination mit Alkohol mitunter ihre Wirkung verlieren, oder sich zu einem lebensgefährlichen Cocktail vermischen.

Schlafmittel vergiften schleichend

Genauso gefährlich sind Schlaftabletten: "Vor allem Benzodiazepine werden Älteren in zu großen Mengen oder über zu lange Zeiträume verschrieben und von ihnen eingenommen", sagt Gerontopsychiater Wolter. Die Betroffenen glauben, ohne diese Mittel nicht mehr schlafen zu können und schlucken sie weiter, weil sie beim Absetzen unangenehme Empfindungen haben. Da der Körper auch Arzneimittel nicht mehr so schnell verarbeiten kann, sammeln sich die Substanzen an und vergiften die Menschen schleichend. "Viele von ihnen können dann nicht mehr klar denken, sind wackelig auf den Beinen, ihre Stimmung ist gedämpft", sagt Wolter. Am Leben nehmen sie kaum noch teil.

Häufig werden die Folgen des übermäßigen Alkohol- oder Tablettenkonsums von Angehörigen, Pflegekräften oder Hausärzten mit normalen Alterserscheinungen verwechselt. "Die Betroffenen haben Schlafstörungen, ziehen sich zurück, sind nachlässig mit ihrer Körperhygiene. Das kann bei älteren Menschen normal sein", sagt der Psychologe Vosshagen. Aber wenn es schon früh im Alter und intensiver als üblich einsetze, könnten dies Anzeichen für ein Konsumproblem sein. "Wichtig ist, zu prüfen, ob der Konsum schädlich ist. Dann muss gehandelt werden, egal, ob abhängig oder nicht", sagt Wolter.

"FÜR EINE BEHANDLUNG IST ES NIE ZU SPÄT"

*Name geändert

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frageum 26.11.2013
1. Wie
Zitat von sysopCorbisImmer mehr Menschen im Rentenalter greifen im Übermaß zu Alkohol, Schmerzmitteln und Schlaftabletten. Häufig werden die Anzeichen für eine Abhängigkeit als Alterserscheinungen abgetan. Doch für eine Behandlung ist es nie zu spät, sie kann kostbare Lebensjahre schenken. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/immer-mehr-senioren-sind-suechtig-nach-alkohol-und-medikamenten-a-934992.html
kostbar sind denn die Lebensjahre, in denen mein Nachbar seit nunmehr als 5 Jahren auf den Tod wartet?! Der wird rund um die Uhr behandelt und künstlich ernährt. Er hatte keine Abhängigkeiten - wünschte er hätte nochmal richtig gelebt, seinen Sinnen ein Feuerwerk bereitet und sich mit einem Lächeln auf den Lippen ins Nirvana gesoffen...
chrilua 26.11.2013
2. Amerika mal als Vorbild
In einigen Staaten der USA hat sich Cannabis als Wundermittel gegen diese Entwicklung gezeigt. Besonders Menschen die für kleine (oder größere) aber dauerhafte Schmerzen oder ähnliche Probleme Pillen nehmen mussten wechseln jetzt. Mein Vater (68) hat z.B. mit den Folgen von Lime Desase zu kämpfen und ich bezweifle nicht dass ein Lebensstil wie er ihn heute wieder führen kann ohne Cannabis möglich wäre. Er war lange Zeit in der Alkohol und Schmerzmittel-Spirale gefangen.
cola79 26.11.2013
3. Traurig
Zitat von frageumkostbar sind denn die Lebensjahre, in denen mein Nachbar seit nunmehr als 5 Jahren auf den Tod wartet?! Der wird rund um die Uhr behandelt und künstlich ernährt. Er hatte keine Abhängigkeiten - wünschte er hätte nochmal richtig gelebt, seinen Sinnen ein Feuerwerk bereitet und sich mit einem Lächeln auf den Lippen ins Nirvana gesoffen...
Entweder sind Sie selber massiv drauf (worauf auch immer), oder schlichtweg nicht ernstzunehmen... Wenn für Sie der Vollrausch nach Alkoholkonsum ein "Feuerwerk der Sinne" ist und Sie lächeln müssen, dann muss eigentlich ein gesetzlicher Vormund her, da ist dann nichts mehr zu retten. Alkoholiker haben alles andere, als ein Lächeln auf den Lippen und Feuerwerke der Sinne erleben die schon dreimal nicht.
communicate 26.11.2013
4. Handeln?
Herr Wolter müsste als Mediziner aber wissen, dass sein Appell zum Handeln "sobald der Konsum schädlich" sei, zumindest bei den Abhängigen schlicht verpuffen wird, denn eines der Symptome der Sucht (insbesondere der Alkoholsucht) ist ja, diese zu verleugnen und dem entsprechend nicht zu handeln.
Ylex 26.11.2013
5. Prost Oma! Prost Opa!
Zitat: "Schon die gewohnten zwei Gläser Bier am Abend sind im Alter bedenklicher als noch mit Mitte Vierzig." Na und? Sollen nun auch alle Alten gesund leben und beim Nordic-Walking glücklich tot umfallen? Das Alter ist eine Lebensphase, aber es ist die Phase des Abschieds, in der sich der Tod so langsam seine Krankheit sucht. Viele alte Menschen sind sehr einsam in Deutschland, da helfen keine ausgefeilten Pflegesätze - viele alte Menschen haben auch das Gefühl, dass sie besser weg wären, weil sie nur noch stören, und mit diesem Gefühl liegen sie gar nicht so weit neben der Realität - viele alte Menschen werden auch fatalistisch, eine ganz normale Erscheinung. Wenn das aber alles so ist, warum sollen sie nicht dann nicht ein bisschen dopen? Lieber bei einem guten Rotwein das Zeitliche segnen als bei Selter verrecken - brrhhh, welch eine schreckliche Vorstellung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.