Suizidgefahr im Gefängnis "Der Psychologe muss auf Nummer sicher gehen"

Der Terrorverdächtige Jaber Albakr hat sich in Untersuchungshaft das Leben genommen. Eigentlich gibt es Verfahren, die genau das verhindern sollen. Psychologe Marcus Rautenberg erklärt, wie.

Mann in Justizvollzugsanstalt in Freiburg (Archivbild)
DPA

Mann in Justizvollzugsanstalt in Freiburg (Archivbild)

Ein Interview von


Zur Person
    Diplom-Psychologe Marcus Rautenberg hat als Gefängnispsychologe gearbeitet. Er zählt zum Präsidium des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, aktuell betreibt er eine psychotherapeutische Praxis in Hainfeld.

Vor dem Tod des Terrorverdächtigen Jaber Albakr hatte eine Psychologin den jungen Syrer als nicht suizidgefährdet beurteilt. Die Einschätzung, ob sich ein Mensch das Leben nehmen möchte, zählt zu den Kernaufgaben eines Gefängnispsychologen. Im Interview erklärt Psychotherapeut Marcus Rautenberg, woran sich Suizidabsichten erkennen lassen und warum es trotz allem nie absolute Gewissheit geben kann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rautenberg, wie häufig sind Psychologen im Gefängnis mit Suizidgedanken konfrontiert?

Rautenberg: Ob die Straftaten oder die Umstände, inhaftiert zu sein - es gibt viele Gründe, die Menschen dazu bewegen können, sich in Gefängnissen das Leben zu nehmen. Suizidalität ist aus diesem Grund immer ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird damit umgegangen?

Rautenberg: Bei jedem Menschen, der in eine JVA kommt, wird zunächst überprüft, ob er suizidgefährdet ist. Erst dann wird festgelegt, ob er allein auf eine Zelle kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Psychologen dabei vor?

Rautenberg: Suizidalität klärt man ab, indem man die Betroffenen direkt fragt. Die meisten Menschen, die Suizidgedanken haben, teilen das mit. Dahinter steckt die Annahme, dass alle Menschen leben wollen und hoffen, dass ihnen geholfen wird. Es gibt allerdings auch Ausnahmen, Fälle, bei denen sich die Menschen absolut sicher sind, dass es keinen Ausweg gibt. Ein Beispiel dafür ist eine schwere Krankheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Betroffenen dann auf die Frage nach der Suizidabsicht?

Rautenberg: Sie würden wahrscheinlich eher lügen, damit sie nicht vom Suizid abgehalten werden. Dieses Risiko muss der Psychologe immer abwägen und im Zweifel auf Nummer sicher gehen.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem Fall des Terrorverdächtigen Jaber Albakr erklärte der Leiter der Justizvollzugsanstalt, man habe sich aufgrund von Sprachschwierigkeiten nur schwer verständigen können. Ganz allgemein gefragt: Wie wichtig ist eine gute Verständigung zwischen Therapeut und Patient?

Rautenberg: Suizidalität ist ein hoch emotionales Thema und ein komplexer Vorgang. Aus diesem Grund erfordert die Abklärung auch, dass man darüber reden kann, was im Kopf vorgeht. Es sollte möglich sein, über Ängste und andere Gedanken zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie noch im Hinblick auf den aktuellen Fall?

Rautenberg: Ersten Berichten zufolge bestand der Verdacht, dass es sich um einen IS-Täter handelt, der mit Sprengstoff zu tun hatte. In diesem Fall muss man ihn fragen, wie seine Pläne waren: War seine Absicht, den Sprengstoff zu deponieren, oder plante er ein Selbstmordattentat? Ich gehe davon aus, dass all das passiert ist. Hinzu kommt, dass Ängste besprochen werden müssen, etwa vor Rache. Auch religiöse Aspekte sind wichtig. Suizid kann im Islam genauso wie im Christentum als Sünde gesehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist anschließend die Sicherheit, mit der ein Therapeut über die Suizidgefahr urteilen kann?

Rautenberg: Absolute Sicherheit hat man nie. Jede Aussage, die ein Arzt oder Psychologe bezüglich der Suizidalität einer Person trifft, ist eine Wahrscheinlichkeitsaussage im Hinblick darauf, was sie in den nächsten Stunden und Tagen tun wird. Egal was Sie machen, es kann immer sein und kommt leider auch immer wieder vor, dass die Person am Ende doch Suizid begeht.

SPIEGEL ONLINE: Jaber Albakr wurde anfangs alle 15 Minuten, später alle 30 Minuten überwacht. Wie geht man mit Personen um, bei denen eine Suizidabsicht erkannt wurde?

Rautenberg: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sie zu schützen. Eine ist, die Betroffenen nicht in einer Einzelzelle, sondern im Gemeinschaftsarrest unterzubringen. Daneben gibt es die Möglichkeit, den Betroffenen unter ständige Aufsicht zu stellen - etwa in Beobachtungsräumen oder mit einer offenen Tür. Das Wichtigste aber ist, dass die Betroffenen wissen, dass sie mit jemanden sprechen können, jederzeit.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch .

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