Projekte gegen Jugendsuizid Mehr Aufmerksamkeit kann Leben retten

Jugendliche Krisen werden oft belächelt, dabei unternehmen Menschen in dieser Altersgruppe die meisten Suizidversuche. Hilfe kann in einer solchen Situation das Umfeld bieten, Freunde, Gleichaltrige: mit Aufmerksamkeit, Ansprechen, Zuhören.

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Mutter und Tochter: "In der Regel ist es besser zu fragen, als nichts zu tun"
Corbis

Mutter und Tochter: "In der Regel ist es besser zu fragen, als nichts zu tun"


Jugend, das ist die Blüte des Lebens - aber auch die Zeit der Krisen. Erste Trennungen, Streit mit den Eltern, Probleme in der Schule: Vor allem in den Jahren der Pubertät stapeln sich die Sorgen schnell. Und dennoch werden diese Belastungen meist nur belächelt. Dabei begehen in keinem anderen Lebensabschnitt so viele Menschen Suizidversuche wie vor dem 25. Lebensjahr. Nach Verkehrsunfällen sind Suizide die zweithäufigste Todesursache unter den 15- bis 20-Jährigen. Jeden zweiten Tag stirbt in Deutschland ein Jugendlicher durch seine eigene Hand.

"Dennoch wird die Not der jungen Menschen oft übersehen, weil viele nicht wissen, dass auch in jungen Jahren der Wunsch nach dem eigenen Tod aufkommen kann", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Hellmuth Braun-Scharm. Dabei streife 50 Prozent der Kinder zwischen zehn und 14 Jahren einmal in ihrem Leben der Gedanke an Selbsttötung. "Im Grunde kommt so etwas vor, sobald ein Mensch imstande ist, übers Leben nachzudenken", sagt Braun-Scharm.

Aber: "Nicht jeder, der an Selbstmord denkt, wird ihn auch begehen", sagt Braun-Scharm, der die Leitlinien zum Umgang mit Suizidalität im Kindes- und Jugendalter mit erarbeitet hat. Hinter solchen Gedanken und Suizidversuchen muss auch nicht immer eine psychische Erkrankung stehen. Schon Sinnkrisen, erste Erfahrung mit zerbrechenden Beziehungen oder familiäre Probleme können ausschlaggebend sein für Lebensmüdigkeit im jungen Alter. "Jedes Kind in Belastungssituationen kann suizidal werden", sagt Braun-Scharm.

Aufmerksam sein, hinschauen, reagieren

Wünschenswert wäre daher, so der Psychiater, wenn Menschen, die dem Kind oder Jugendlichen nahe sind, frühzeitig die Gefahr erkennen und handeln. Dazu bedürfe es mehr Aufmerksamkeit füreinander. Wenn einem Freund, dem Lehrer oder den Eltern etwas auffällt, gibt es Experten zufolge nur eine goldene Regel: denjenigen ansprechen. Oft befürchten Angehörige jedoch, sie würden damit schlafende Hunde wecken. "Das stimmt nicht. In der Regel ist es besser zu fragen, als nichts zu tun", sagt Braun-Scharm.

Wer schließlich das Gespräch sucht, sollte sich dafür Zeit nehmen und die Sorgen ernst nehmen. Denn für den Betroffenen fühlen sich die Probleme unlösbar an und sind eine große Belastung, auch wenn sie, von außen betrachtet, leicht zu lösen wären und nichtig wirken.

Doch wie kann man eine solche Unterhaltung beginnen? Hellmuth Braun-Scharm schlägt Formulierungen wie diese vor: "Wenn ich sehe, was du für Schwierigkeiten hast zu Hause - und das jeden Tag, seit Jahren, da kann ich mir vorstellen, dass dir das zu viel wird und du vielleicht nicht mehr weiterleben willst." Wichtig sei aber vor allem, das Gespräch überhaupt anzubieten.

Der Arbeitskreis Leben - Hilfe in Lebenskrisen/Suizidprävention aus Freiburg rät zudem, in Rücksprache mit dem Betroffenen noch andere einzuweihen, etwa Erwachsene oder professionelle Berater. "Behalte kein Geheimnis für dich, das zum Tode führen könnte!", so der Tipp. Die seelische Last wäre für den Helfer zu groß. Äußert der Betroffene tatsächlich Suizidgedanken, sollte der Ansprechende keine Vorwürfe machen und auch nicht versuchen, ihn umzustimmen. Das führe meist zum Rückzug und Schweigen des Betroffenen. "Reden zu können, kann aber lebensrettend sein", betont der Arbeitskreis Leben. Wer helfen wolle, solle auch nichts versprechen, was er nicht halten kann. Eine weitere Enttäuschung würde den Jugendlichen nur noch mehr belasten.

Gleichaltrig und neutral sollte die Helferperson sein

Oftmals scheuen sich die Betroffenen davor, mit engen Freunden oder der Familie über ihre Todeswünsche zu sprechen, aus Angst, es könnte diese zu sehr schockieren. Aus diesem Grund hat der AK Leben vor zwölf Jahren das Projekt [U25] in Freiburg entwickelt. Dorthin können sich Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre in Notlagen wenden. Betreut werden sie von Gleichaltrigen. "Die Forschung hat gezeigt, dass die Peergroup, also die Freunde, die wichtigste Bezugsgruppe sind und junge Menschen sich mit Problemen lieber an jemanden im gleichen Alter wenden", sagt Solveig Rebholz, die bei der AK Leben für das [U25]-Projekt zuständig ist.

Wie die 14-jährige Anna: "Ich halte es einfach nicht mehr aus!!! Ich habe keine Lebenslust mehr", schrieb sie an [U25]. Sozialarbeiter und -pädagogen lasen ihre Nachricht und vermittelten sie an Aurelia, eine 17-jährige geschulte Beraterin. Aurelia antwortete ihr in einer Nachricht: "Ich konnte beim Lesen deiner E-Mail richtig spüren, wie schlimm das sein muss. Gibt es einen Grund, warum es dir so schlecht geht?" Zwischen Anna und Aurelia entstand ein regelmäßiger Kontakt. Anna konnte von ihren Sorgen und Nöten berichten, Aurelia hörte zu, machte Anna Mut.

Im vergangenen Jahr wandten sich knapp 2000 junge Menschen wie Anna an die Peer-Berater in Freiburg. Doch nur knapp 300 Jugendliche konnten dort eng begleitet werden, zu groß war der Andrang für die 48 Berater. Um noch mehr Betroffenen helfen zu können, baut die Caritas jetzt in vier weiteren Städten [U25]-Projekte auf. Im Herbst wollen Berlin, Hamburg, Dresden und Gelsenkirchen damit an den Start gehen. Die Gespräche mit der Gleichaltrigen haben Anna durch ihre Krise geholfen.

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