Umstrittene Juul-E-Zigarette Schmeckt nach Bonbon, kann tödlich sein

Sie sieht aus wie ein USB-Stick, steckt aber voller Nikotin: In den USA hat die E-Zigarette Juul in kurzer Zeit Hunderttausende Jugendliche abhängig gemacht. Jetzt kommt sie auf den deutschen Markt.

Jugendlicher mit E-Zigarette Juul
DPA

Jugendlicher mit E-Zigarette Juul


Sie soll erwachsene Raucher vom Tabakkonsum abbringen, aber gleichzeitig einen härteren "Hit" liefern als konventionelle E-Zigaretten, versprechen die Hersteller der Trend-E-Zigarette Juul in Präsentationen, die sie potenziellen Investoren vorführen. Ein Widerspruch. In den USA ist die E-Zigarette, die einem USB-Stick ähnelt, vor allem bei Jugendlichen beliebt. Für viele dürfte es der erste Kontakt mit dem Suchtmittel Nikotin sein. Nun ist Juul auch in Deutschland erhältlich - Eltern und Ärzte sind alarmiert.

Der Verkauf beginne bundesweit zunächst in rund tausend Tabakgeschäften und sogenannten Vape Stores, die sich auf E-Zigaretten spezialisiert hätten, teilte der Hersteller Juul Labs in Hamburg mit, wo die deutsche Tochtergesellschaft ihren Sitz hat.

E-Zigaretten in Deutschland

In Deutschland haben laut Verband des E-Zigaretten-Handels im Jahr 2016 geschätzte 3,5 Millionen Menschen zumindest gelegentlich E-Zigarette geraucht. Anders als bei herkömmlichen Zigaretten entsteht bei der elektronischen Variante kein Tabakrauch, der etwa 4800 Chemikalien enthält, von denen 90 nachgewiesen krebserregend sind. Viele, die der E-Zigarette positiv gegenüberstehen, sehen sie deshalb als Chance zum Ausstieg aus der Tabakabhängigkeit, um damit das Risiko für Krankheiten zu reduzieren. In Deutschland sterben pro Jahr etwa 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens.

Einrichtungen wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigen, dass ausgewählte Hauptschadstoffe des Rauchs - darunter krebserzeugende Substanzen - im Dampf der E-Zigarette deutlich reduziert sind. Das bedeute aber nicht, dass E-Zigaretten harmlos sind. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) können auch durch E-Zigaretten je nach dem verwendeten Liquid und dem Nutzerverhalten giftige und krebserregende Stoffe wie Formaldehyd aufgenommen werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fürchtet zudem, dass Jugendliche über die E-Zigarette überhaupt erst in den Tabakkonsum einsteigen könnten. In den USA hat sich diese Befürchtung bereits erfüllt, wo "Juuling" zum Trend an Highschools geworden ist.

"Der Fall Juul zeigt, dass man den E-Zigaretten-Markt nicht sich selbst überlassen kann", sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), dem SPIEGEL. "Wir müssen uns genau anschauen, ob die aktuelle Obergrenze beim Nikotin so in Ordnung ist."

Deutlich niedrigerer Nikotingehalt als in den USA

Juul soll auf dem deutschen Markt in fünf Geschmacksrichtungen mit einem Nikotingehalt von 20 Milligramm je Milliliter angeboten werden. Das entspreche dem zulässigen europäischen Höchstwert. Deutschland ist der siebte Markt, auf dem Juul zu kaufen ist.

In den USA bietet Juul seine Produkte mit deutlich höheren Nikotinwerten an, die in Europa verboten wären. In den USA steckt in einer Kartusche so viel suchterzeugendes Nikotin wie in 20 Zigaretten. Dazu liefert die Flüssigkeit nach Herstellerangaben auch noch einen schnelleren, härteren Kick als konventionelle E-Zigaretten.

Das von zwei Stanford-Studenten in Kalifornien gegründete Start-up konnte gegen Großkonzerne wie Philip Morris in den USA einen Marktanteil bei E-Zigaretten von 70 Prozent erreichen. In Deutschland wird der Markt für E-Zigaretten auf 300 bis 400 Millionen Euro geschätzt, Tendenz steigend.

Kritiker warnen seit Langem davor, dass Jugendliche mit E-Zigaretten mit Bonbon- oder Fruchtgeschmack in den Nikotinkonsum einsteigen - und später bei Tabakzigaretten landen.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes wurden Tabakerhitzer mit E-Zigaretten gleichgesetzt. Wir haben den Fehler korrigiert.

koe/dpa



insgesamt 53 Beiträge
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ManRai 19.12.2018
1. Warum nicht dem Beispiel Singapur folgen
E-Zigaretten sofort verbieten, Zigaretten sehr teuer, weitgehende Rauchverbote und wenn ja nur in begrenzten Bereichen und wirkliche Kontrolle - trotzdem rauchen viele, aber weniger als hier
Actionscript 19.12.2018
2. Als ehemaliger Raucher....
...kann ich nur jedem Jugendlichen empfehlen, das Rauchen in welcher Form auch immer erst garnicht anzufangen. Man hat sein Leben lang dann damit zu kämpfen, aufzuhören. Rauchen in welcher Form auch immer ist gesundheitsschädlich. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.
zynik 19.12.2018
3. Differenzieren...
Liebe Journalisten, eine große Bitte für die Zukunft: Juul und klassische Dampfgeräte nicht in den einen "E-Zigaretten"-Topf werfen, sondern differenzieren. Beim Vaping lässt sich z.B. Niktionmenge selbst regulieren. Typisch sind 6 Milligramm. Ziel vieler Vaper ist es jedoch den Nikotingehalt auf 0 zu reduzieren. Bevor wieder diverse Politiker diesen Juul als Anlaß nehmen, um nach Verboten und strengen Regulierungen für alle "E-Zigaretten" zu schreien.
dr.eldontyrell 19.12.2018
4. Verstehe das Problem nicht
Die Abgabe von E-Zigaretten darf in Deutschland laut Gesetz sowieso nur an Volljährige geschehen, Und diese Juuls sind mit anderen E-Zigaretten ähnlicher Art eigentlich nur die Modelle, die ein Raucher probiert, um vom Rauchen runter zu kommen. Daher auch die hohe Dosierung, damit der Wechsel klappt und der Raucher am Anfang keinen Nikotinhunger entwickelt und zur Kippe greift. Ich habe auch mit einer Vipe angefangen, mit 18mg/ml und bin dann immer weiter runter. Ich bin jetzt seit fast 3 Jahren rauchfrei und bei einer Dosierung von 3mg/ml. Allerdings mit einer richtigen Dampfe. Dass die USA das altersmäßig nicht regeln ist deren Problem, hier in Deutschland sehe ich da keine Gefahr.
m82arcel 19.12.2018
5.
"Einrichtungen wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigen, dass ausgewählte Hauptschadstoffe des Rauchs - darunter krebserzeugende Substanzen - im Dampf der E-Zigarette deutlich reduziert sind. Das bedeute aber nicht, dass Tabakerhitzer harmlos sind. Denn auch wer E-Zigarette raucht, nimmt krebserregende Substanzen auf." Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was im Allgemeinen unter einer E-Zigarette (Dampfer) verstanden wird und einem Tabakerhitzer. Die Abgabe von E-Zigaretten und Liquids unterliegt bereits den üblichen Jugenschutz- und anderen Gesetzen, welche sinnloserweise auch für die nikotinfreien Varianten gelten, welche maximal so gefährlich sind, wie ein Spaziergang an einer mittelmäßig frequentierten Straße. Die Aufregung, die um E-Zigaretten gemacht wird, halte ich für maßlos übertrieben.
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