Rückenleiden Das Gedächtnis des Schmerzes

Könnten die Rückenschmerzen seelisch bedingt sein, wie man immer wieder hört? Kolumnist Frederik Jötten wagt sich zu einer Psychologin. Sie rückt ihm mit Elektroden zu Leibe.

Schmerz im Halswirbelbereich: Der Körper kann sich an Schmerz erinnern, wenn er zu lange existiert
Corbis

Schmerz im Halswirbelbereich: Der Körper kann sich an Schmerz erinnern, wenn er zu lange existiert


Die Psychologin sah aus, als käme sie gerade von einem Segeltörn. Sie war groß, blond, gebräunt, Mitte 40 und hatte ein paar Sommersprossen im Gesicht. "Sie schauen jetzt also, ob meine Schmerzen nur psychisch sind?", fragte ich.

Sie lachte. "So ein Schwarzweißmaler sind Sie also?"

"Warum schwarzweiß? Ich denke, Sie werden mir wohl weniger körperlich zu Leibe rücken als der Arzt und der Physiotherapeut, oder?"

"Ja, natürlich, aber es gibt keinen eingebildeten Schmerz, jeder Schmerz ist echt, egal ob ihm eine klar auszumachende Schädigung zugrunde liegt."

Meine Therapeutin trug schwarze Pumps, ein Riemen führte über ihre sonnengebräunten Füße. Auf einmal dachte ich, dass es vielleicht seltsam wirken könnte, wenn ich ihre Füße anschaute (Fußfetischist?), oder überhaupt, dass ich auf den Boden starrte (Sozialphobiker?). Bevor sie mir einen psychiatrischen Klinikaufenthalt empfehlen konnte, riss ich meinen Kopf nach oben und blickte ihr direkt in die Augen. Das kam mir dann aber auch seltsam vor. Ich schaute schnell aus dem Fenster.

Wie bin ich hier nur hingeraten?

"Wie präsent ist der Gedanke 'Aufpassen!' in Ihrem Alltag?", fragte sie. "Was trauen Sie sich nicht zu?"

"Ich würde eine Getränkekiste nie mit krummem Rücken heben, auf die Idee käme ich gar nicht. Das mache ich schon ..."

"Wie lange?"

"Ich kann mich gar nicht daran erinnern, es jemals anders gemacht zu haben."

"Das ist eine Schonhaltung - mit einem gesunden Rücken brauchen Sie die nicht."

Da war ich also mit meinem Rückenschmerz unverhofft in eine Psychotherapie geraten. Ich starrte auf den grünen Teppich, zwei Quadratmeter groß, der wie eine Brücke aus Rasen zwischen mir und der Therapeutin lag. Meine Füße bewegten sich unruhig hin und her, robbten vor und zurück, hinterließen Fußspuren in den daumenlangen Flusen.

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"Ich bin ich auch ein bisschen sozial auffällig …", sagte ich zögerlich.

"Jetzt wird es spannend!"

"Hier in meinem Rucksack habe ich immer so ein Keilkissen …." Ich zog mein schwarzes Keilkissen aus dem Rucksack.

"Och nein!", rief die Psychologin.

"Ich benutze es nicht mehr sehr oft, aber es ist mir lieber, wenn ich es dabei habe - zur Sicherheit"

"Sie meinen, Sie würden das benutzen, falls der Schmerz kommt?"

"Nein, ich benutze es eher präventiv, wenn mir Sitzgelegenheiten nicht ergonomisch vorkommen."

"Das ist ein Zeichen für eine Chronifizierung."

Durch das viele Sprechen war ich durstig geworden, ich beugte mich zum Rucksack, holte meine Wasserflasche heraus.

"Puh, da bin ich aber erleichtert", sagte die Therapeutin, als Sie mich trinken sah. "Als Sie sich zum Rucksack beugten, dachte ich schon, Sie kramen jetzt auch noch den Schmerztropf aus, den Sie für alle Fälle immer dabeihaben."

Sie nahm einen College-Block und malte ein Oval auf.

"Sie haben, das braucht man ja für vieles im Leben, ein Gehirn…"

Schmerz darf nicht zu lange wirken

Sie malte jetzt Pfeile in den Schädel, viele Pfeile, kreuz und quer. Anscheinend stellte sie sich das, was in meinem Kopf passierte, ziemlich konfus vor.

"Je länger der Schmerz andauert, desto mehr verbindet das Gehirn Schmerz und davon hervorgerufene Emotionen. Außerdem verknüpft es auch die Erfahrungen vergangener Schmerzepisoden. Zum Beispiel, was danach Negatives mit dem Schmerz passiert ist. Das nennt man das Schmerzgedächtnis."

Sie schaute von dem Block auf und mir in die Augen. "Es geht nicht mehr nur um den Schmerzreiz an sich, entscheidend ist, was das Gehirn daraus macht. Wenn der Schmerz chronisch wird, dann läuft bei Ihnen sofort ein Gedankenkino ab."

Sie riet mir, Belastungen nicht aus dem Weg zu gehen und es einfach mal ohne Keilkissen zu versuchen. Als Nächstes wollte sie mir zeigen, wie Psyche und Körper gekoppelt sind - Biofeedback.

Muskelentspannung mit Südsee-Panorama

Sie führte mich zum Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop stand. Dann nahm sie ein zigarettenschachtelgroßes Gerät und einen Bund Kabel in die Hand. Sie klebte mir Elektroden auf die Schmerzpunkte.

Vor mir auf dem Bildschirm war ein Strand zu sehen, ein Bassin von blaugrünem Wasser, dahinter Palmen, am Horizont versprengt kleine Südseeinseln. Vor diesem Hintergrundbild schlängelten sich zwei grüne Zackenlinien über den Monitor, ähnlich wie eine EKG-Kurve, jeweils eine für meine beiden Rückenstrecker-Muskeln. Es war ein obskures Bild: Muskelspannung vor Südsee-Postkarten-Panorama. Aber es passte in seiner Widersprüchlichkeit: Mein Leben könnte so schön sein - wenn nicht die Rückenschmerzen alles überlagerten.

"Haben Sie das Gefühl, dass Sie entspannt sitzen?"

"Dieses Gefühl kenne ich nicht."

Auf dem Bildschirm war zu sehen, dass der Muskel links stärker angespannt war - und dort schmerzte es auch stärker.

"Jetzt mal die Augen schließen, tief atmen und im Rücken entspannen", sagte die Psychologin.

So ließ sie mich etwa drei Minuten sitzen. Sie zeigte mir das Diagramm auf dem Bildschirm - tatsächlich war die Muskelspannung von 15 Mikrovolt bei normalem Sitzen auf zwei Mikrovolt bei Entspannung zurück gegangen.

"Dieser Gedanke: 'Ich kann nicht sitzen', ist natürlich in Ihrem Kopf drin, aber wir sehen hier: Das entspricht nicht den biologischen Tatsachen, Sie können sich entspannen. Das war gut!"

Sie zog die Jalousie wieder hoch, meine Zeit bei der Psychologin war abgelaufen. Ich verabschiedete mich und nahm mir vor, tiefer durchzuatmen und zu entspannen da draußen in der Welt, in der Stress und rückenfeindliche Sitzgelegenheiten warteten.

SIND MEINE RÜCKENSCHMERZEN PSYCHISCH BEDINGT?

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
gallariaoyen 19.02.2014
1. Das Gedächnis des Schmerzes
Wir arbeiten seit Jahren mit der Psychoenergetik, nach Professor Dr. Dr. Walter Niesel - ehemals ordentlicher Professor an der UNI Bochum für Physik und Medizin, und konnten nur feststellen, dass, durch drücken bestimmter Akupunktur-Punkte, der Schmerz verschwand. Jedoch hat dies mit Heilung wenig zu tun, weil nur für den Moment eine Harmonisierung des Energieflusses erreicht wird. Jeder körperlich wahrgenommene Schmerz hat einen Auslöser. Wenn es gelingt, den Auslöser quasi zu löschen, ist Schmerzfreiheit möglich, wenn der Erkrankte auch ganz bewusst, sich mit dem Auslöser des Schmerzes konfrontierte, und seine Einstellung zu diesem Auslöser korrigierte. Oft genug sind Scherzen auf ungelöste Problematiken zurück zu führen. Wo sich der Erkrankte stellen muss, nochmals die Problematik durchlebt, z.B. in einer geführten Rückführung, wo der Erkrankte auf einer feinstofflich, energetischen Ebene alles noch einmal bewusst durchlebt, womöglich feststellend, dass die erlebte Situation, die ihn belastete, ihm nur sagen wollte, wo und wie er sich zu korrigieren habe. GALLARIAOY - Peter OYen - Silves/Portugal
huger56 19.02.2014
2. Wie bitte?
"Das ist eine Schonhaltung - mit einem gesunden Rücken brauchen Sie die nicht." Das ist wohl so ziemlich das Falscheste, was man einem Menschen raten kann. Der menschliche Bewegungsapparat ist aufgrund der aufrechten Körperhaltung sehr grossen Belastungen ausgesetzt, aber auch auf den aufrechten Gang optimiert. Da sollte er sich eben gerade nicht mehr für schwere Lasten nach vorne beugen, sondern seine Muskeln und sein Stützgerüst optimal einsetzen, nämlich senkrecht. Die Dame mag psychologisch gut geschult sein, aber wie viele Studierte (egal welcher Provenienz) ist sie offenbar der Ansicht, dass sie auf allen Gebieten bewandert ist. Hier ist jedenfalls auf die Experten zu hören, die nach wie vor raten, zum Heben in die Hocke zu gehen.
chief2 19.02.2014
3.
Zitat von gallariaoyenWir arbeiten seit Jahren mit der Psychoenergetik, nach Professor Dr. Dr. Walter Niesel - ehemals ordentlicher Professor an der UNI Bochum für Physik und Medizin, und konnten nur feststellen, dass, durch drücken bestimmter Akupunktur-Punkte, der Schmerz verschwand. Jedoch hat dies mit Heilung wenig zu tun, weil nur für den Moment eine Harmonisierung des Energieflusses erreicht wird. Jeder körperlich wahrgenommene Schmerz hat einen Auslöser. Wenn es gelingt, den Auslöser quasi zu löschen, ist Schmerzfreiheit möglich, wenn der Erkrankte auch ganz bewusst, sich mit dem Auslöser des Schmerzes konfrontierte, und seine Einstellung zu diesem Auslöser korrigierte. Oft genug sind Scherzen auf ungelöste Problematiken zurück zu führen. Wo sich der Erkrankte stellen muss, nochmals die Problematik durchlebt, z.B. in einer geführten Rückführung, wo der Erkrankte auf einer feinstofflich, energetischen Ebene alles noch einmal bewusst durchlebt, womöglich feststellend, dass die erlebte Situation, die ihn belastete, ihm nur sagen wollte, wo und wie er sich zu korrigieren habe. GALLARIAOY - Peter OYen - Silves/Portugal
Könnten Sie bitte erläutern was eine feinstofflich, energetische Ebene ist ?
benutzer8472 19.02.2014
4.
Ich habe seit Jahren Probleme mit dem Ruecken, weil ich extrem viel sitze/sass und mich wenig bewegte. Der Hoehepunkt war eine Ischialgie. Danach waren die Schmerzen mal da, mal nicht. Eines Tages ging ich - seit Tagen komplett rueckenschmerzfrei - zu einem Termin und erfuhr dort etwas fuer mich sehr stressvolles und belastendes. Noch bevor ich mich nach dem Termin ins Auto setzte, hatte ich Rueckenschmerzen. Als ich dies einem guten Freund erzaehlte, meinte er, dass er diese Vermutung schon lange hat: Stress loest auch bei ihm Rueckenschmerzen aus.
lachina 19.02.2014
5. Ist schon richtig....
natürlich muss man die Schmerzursache kennen und wenn möglichst beseitigen, aber hier geht es um Menschen, die immer noch Probleme haben, obwohl das schon geschehen ist. Der Körper hat den Schmerz gelernt. Ich habe gute Erfahrungen mit der Alexander- Technik gemacht, da hieß es : "Wir müssen den Körper wieder daran erinnern, wie Schmerzfreiheit geht." Es ging darum, dass ich nach einer Rücken - Op mit monatelangem Hinken vorher auch nach der Operation weiterhinkte - Schmerzen! Durch meine Therapeutin hatte ich schnell wieder ein normales Gangbild. Fast alle körperzentrierten Therapien könnten helfen, bei nur kognitiven Therapien wie Verhaltenstherapien habe ich allerdings meine Zweifel. Auch wenn der Kopf Bescheid weiß, der Körper kommt nicht hinterher. Am besten ist eine Multi-Therapie in einer Schmerzklinik.
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