Katharina Saalfrank antwortet Was tun, wenn der Sechsjährige noch in die Hose macht?

Immer wieder kommt ein Sechsjähriger mit nasser Hose nach Hause. Die Eltern nehmen ihm zur Strafe sein neues Fahrrad weg. Katharina Saalfrank meint: Geben Sie dem Kind mehr Zeit - weniger Druck.

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Ein Vater fragt: Sehr geehrte Frau Saalfrank, unser Sohn wurde im Juli sechs Jahre alt. Wir schicken ihn noch ein Jahr in den Kindergarten, weil er immer noch nicht sauber ist. Öfter, oder sogar häufig, kommt er mittags mit voller Hose zurück. Wir haben jetzt angefangen und bestrafen ihn damit, dass er einen Tag nicht mehr mit seinem neuen Fahrrad fahren darf. Das ist offensichtlich nicht Ihre Methode. Was schlagen Sie vor?

Katharina Saalfrank antwortet: Gern möchte ich Ihnen ein paar grundsätzliche Informationen zum Trockenwerden bei Kindern geben, da Sie dann meine Vorschläge besser nachvollziehen können: Der Zeitpunkt des Trockenwerdens kann von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein und ist in der Regel kein Grund zur Beunruhigung. Es handelt sich um individuelle Reifungsprozesse des Nervensystems, die dazu führen, dass Kinder später ihre Harnblase beziehungsweise den Schließmuskel später zuverlässig kontrollieren können.

Auch wenn Eltern oft das Gefühl haben, 'mein Kind kann das schon!', ist die Reifung doch noch nicht vollständig abgeschlossen. Kinder können sich hier sehr unterschiedlich entwickeln, tatsächlich kann ein Kind an einem Tag trocken sein und am nächsten wieder nicht.

Ich empfinde es als hilfreich zu wissen, dass in diesem Prozess des Trockenwerdens nicht nur körperliche, sondern auch seelisch-emotionale Entwicklungen eine Rolle spielen. Es geht für mich deshalb nicht nur um das Verhalten des Kindes, sondern um viel mehr, auch um tiefliegende Aspekte:

Trockenwerden bedeutet für das Kind, Kontrolle übernehmen zu können, Selbstwirksamkeit und Unabhängigkeit zu erleben. Kinder machen hier wichtige Erfahrungen mit sich und ihrem Körper:

  • Mein Körper gehört mir, ich entscheide.
  • Ich kann meinen Körper kontrollieren.
  • Ich kann ein Bedürfnis steuern.
  • Ich kann etwas bewirken und trage Verantwortung.

Eltern sollten ihren Kindern die Zeit einräumen, die sie brauchen für diese vielfältigen Prozesse und sie liebevoll und wertschätzend dabei begleiten. Denn Kinder sind in einer wichtigen Entwicklungsphase, wenn es um das Trockenwerden geht. Es ist ein Prozess, der Zeit und Bestärkung braucht, aber keinen Druck über Bestrafungen.

Zur Person
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    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Wenn Kinder in dieser Phase bestraft werden, übersetzen sie diese Botschaften auf der Beziehungsebene zu sich selbst und zu ihren Eltern folgendermaßen:

  • Die Signale, die mein Körper sendet, sind nicht wahr.
  • Was mein Körper sagt, muss ich übergehen, damit ich meinen Eltern gefalle und sie nicht verärgere.
  • Meine Eltern sind diejenigen, die hier das Sagen haben, meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.
  • Ich bin es gar nicht wert, alles selbst zu regulieren

Kinder sind ständig hin- und hergerissen, ob sie unabhängig werden können oder doch ihren Eltern gefallen müssen. Letztendlich werden sich fast alle Kinder für die Kooperation mit ihren Eltern entscheiden. Damit stellen sie ihr eigenes Bedürfnis hintan und werden so in einer wichtigen Autonomie- und Persönlichkeitsentwicklung gehemmt. Das kann die Kinder frustrieren und langfristig das Selbstwertgefühl und das Selbstgefühl insgesamt beeinträchtigen. Auch der Prozess des Trockenwerdens kann sich so verlangsamen und anhalten, oder es kommt zu einem Rückfall.

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Wenn Eltern mit Macht agieren, können Kinder sich dem entweder fügen oder in den Ring steigen und den Kampf mit den Erwachsenen aufnehmen. An vielen Stellen entstehen so kraftraubende Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern.

Ihr Kind will trocken werden und braucht Zeit dafür. Druck über das Entziehen von einer schönen Sache wirkt dabei kontraproduktiv: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht" ist ein schöner alter Spruch. Er ist sehr wahr. Lassen Sie Ihrem Kind Zeit.

Nun zu Ihrer Frage, was ich vorschlage, was Sie tun können. Es wird nicht so einfach sein, aus der Machtspirale und dem Kampf auszusteigen, der vielleicht schon entstanden ist. Vermutlich ist das Trockenwerden Ihres Sohnes schon länger ein Thema in Ihrer Familie:

Versuchen Sie,

  • grundsätzlich den Druck aus dem Thema zu nehmen. Es geht um Loslassen, und dafür braucht es eine entspannte Atmosphäre. Unter Druck können wir nur schlecht loslassen.
  • die Ausscheidung Ihres Sohnes nicht mehr im "großen Stil" zu thematisieren. Das erzeugt ebenfalls Druck und bedeutet schamvolle Momente für Ihren Sohn. Wahren Sie hier seine Intimität und einigen Sie sich als Eltern darüber, wer Ihren Sohn wertschätzend begleiten kann.
  • mit Ihrem Sohn in einen konstruktiven Kontakt zu kommen. Machen Sie sich klar: Ihr Sohn kann nicht anders und will Sie nicht ärgern. Laden Sie ihn zu einem kleinen Gespräch ein und fragen Sie, wie es ihm mit seiner Situation geht und auch, ob es aus seiner Sicht etwas gibt, was Sie tun können, um ihn besser zu unterstützen.
insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Didoxion 07.12.2017
1. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein ....
Kind die Prioritäten anders setzt, sich lieber auf das Spiel konzentriert und seine Fähigkeiten zum Aufhalten überschätzt. Wenn Eltern hier die Kontrolle der Konzentration vorziehen, bereuen sie das vermutlich bei den schulischen Leistungen. Die Sauberkeitserziehung geschieht durch sozialen Druck fast von allein. Die Fähigkeit hart, ausdauernd, konzentriert an einem Thema zu arbeiten, ist viel schwerer zu trainieren.
Teilzeitalleinerzieherin 07.12.2017
2. wenn keine organischen Ursachen vorliegen,
würde ich mal fragen, ob es dem Jungen vielleicht im Kindergarten nicht gefällt. Er geärgert wird etc. Kind Nr. 1 stellte beispielsweise mal das Trinken ein, weil es sich nicht auf die als zu groß empfundene Toilette im Kindergarten traute. Kind Nr. 2 hat ab und an Probleme mit der "Steuerung", d.h. er schafft es, sich auf der Toilette sitzend einzunässen. Wenn es dort und auch ansonsten keine Kümmernisse zu entdecken gibt: Abwarten und die Waschmaschine befüllen.
fin2010 07.12.2017
3. chronische/wiederkehrende Blasenentzündung in Betracht ziehen
falls es ausschliesslich um Harnlassen geht. War bei uns so und wurde erst nach vielen Jahren und noch viel mehr Arztbesuchen bemerkt.
hadriani 07.12.2017
4. einnässen oder mehr??
Wenn ein Kind im Alter von 6 Jahren ständig einnässt, dann sind noch einige Fragen wichtiger: War es schon jemals "trocken"?, wie war es mit dem Windeln und Pampers vorher (vielleicht daran gewöhnt???), wurde das Kind schon mal untersucht auf mögliche anatomischen Auffälligkeiten, die ein Einnässen begünstigen? Gibt es möglicherweise in der Familie oder Kindergarten Vorgänge die vom Kind nicht verarbeitet werden können und damit mit Einnässen reagiert? Oder gar in der Familie??? Das Problem jetzt nur dem Kind zu überlassen und mittels "Gesprächstherapie" zu behandeln ist mir nicht ausreichend.
EvaL. 07.12.2017
5. Ich danke Frau Saalfrank
für diesen Artikel. Hoffentlich finden viele Eltern hierdurch Zugang zu einem anderen Umgang mit ihrem Kind in Bezug auf dieses Thema. Für mich kommt es leider zu spät. Als ich in den Kindergarten gehen sollte - ich war damals 4 1/2 (Anfang der 70er Jahre) - und noch immer in die Hose machte, wurde ich von meinem Vater "funktionierend gemacht". Erst nachdem mir meine Mutter - aus welchem Grund auch immer - vor ein paar Jahren erzählte, daß seit dem Moment, an dem mein Vater mich geschlagen hatte, ich nicht mehr in die Hose gemacht habe, war mir klar, warum ich als Kind und auch als Jugendliche nicht mit meinem Vater alleine sein wollte. Unser Verhältnis ist bis heute unklar/schwierig, unterschwellig ist immer noch eine unspezifische Angst vorhanden. Und ich arbeite seit Jahren an meiner (emotionalen) "Unabhängigkeit" von meinen Eltern (zwischenzeitlich erfolgreich).
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