Kaufen ohne Kontrolle Wenn Shoppen zur Sucht wird

Noch einen Pulli, noch ein Paar Schuhe - oder den Super-Toaster? Viele Menschen sind kaufsüchtig, das Shoppen befriedigt für sie nur noch einen inneren Drang. Ohne Therapie droht die Verschuldung.

Die böse Überraschung kommt an der Kasse
Getty Images

Die böse Überraschung kommt an der Kasse


Hier ein neues Kleid, dort ein paar Schuhe - meist beginnt es ganz harmlos. Doch manche Menschen geraten irgendwann in einen Kaufrausch, den sie nicht mehr kontrollieren können. Sie shoppen auch, was sie nie benutzen, und horten Unmengen an Dingen. Das Problem: Auf Dauer verschulden sich die Betroffenen, oft stehen sie am Ende ganz allein da - ohne Job, ohne Partner, ohne Freunde.

Damit es nicht so weit kommt, benötigen Menschen mit pathologischem Kaufverhalten unbedingt Unterstützung, sagt Nina Romanczuk-Seiferth, leitende Psychotherapeutin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Dafür braucht es zuallererst die Erkenntnis, dass aus harmlosen Shoppingtouren eine Sucht geworden ist.

Kaufsucht gehört zu den sogenannten substanzungebundenen Abhängigkeiten: Im Gegensatz etwa zu Drogenabhängigkeit ist der Betroffene nicht nach einer Substanz wie Kokain oder Alkohol süchtig, sondern nach einer bestimmten Tätigkeit. Die Mechanismen seien aber ähnlich, erklärt Astrid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinische Hochschule Hannover. In beiden Fällen feuert das Belohnungssystem, wenn der Betroffene mit seinem Suchtstoff konfrontiert wird - egal, ob es sich um eine Flasche Wein handelt oder um ein neues Paar Schuhe.

Trotzdem gibt es bisher nur eine substanzungebundene Abhängigkeit, die als Krankheit anerkannt ist: die Glücksspielsucht. "Andere Abhängigkeiten wie die Kaufsucht werden bagatellisiert", sagt Müller.

Etwa jeder 20. betroffen

Wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, ist schwer zu sagen. Die Zahlen unterscheiden sich abhängig davon, ab wann jemand als kaufsüchtig definiert wird. Eine Analyse verschiedener internationaler Studien ergab, dass im Mittel rund fünf Prozent der Bevölkerung kaufsüchtig sind. Diese Zahl wurde 2015 in einer deutschen Bevölkerungsbefragung bestätigt.

"Gesellschaftlich und kulturell besteht der Anspruch, auf allen Ebenen ein erfülltes Leben zu führen", sagt Karl Kollmann, der unter anderem für die österreichische Arbeiterkammer zum Thema Kaufsucht geforscht hat. Das erzeuge Druck, für den viele Menschen einen Ausgleich suchen. Nach einem stressigen Arbeitstag etwa belohnen sie sich mit dem Kauf eines neuen Pullovers. Der Konsum sei die simpelste Medizin, um Frustration aus dem Alltag zu kompensieren, erklärt Kollmann: "Ich entschädige mich dafür, indem ich mir etwas kaufe, das mir gefällt."

Das an sich ist noch kein Problem. Bei Menschen mit Kaufsucht verselbstständigt sich dieser Mechanismus jedoch. "Aus einem 'Liking' wird ein 'Wanting'", erklärt Müller. Dann macht Kaufen keinen Spaß mehr, es befriedigt nur noch einen Drang - und vertreibt Langeweile.

Unbeobachtet im Internet

Verstärkt wird das Phänomen durch die Möglichkeit, auch online einzukaufen - ungesehen, per Mausklick und ohne Bargeld. TV-Shopping, Kataloge und Onlineversandhändler machen Produkte jederzeit und mit extrem kurzen Lieferzeiten verfügbar. "Es ist davon auszugehen, dass dadurch die Schwelle für exzessives Kaufverhalten bei bestimmten Betroffenen erniedrigt wird", erklärt Psychotherapeutin Romanczuk-Seiferth.

Für jemanden, der mit einem Kaufsüchtigen zusammenlebt, ist schwer zu verstehen, was da passiert: Schon wieder neue Schuhe? Neue Technik, die niemand nutzt? Dass eine Erkrankung dahinterstecken könnte, vermuten die wenigsten. "Anders als Drogensüchtige wirkt der Kaufsüchtige ja keineswegs verwahrlost", sagt Müller. Im Gegenteil: Betroffene sind häufig besonders gut gekleidet.

Von ihrem Umfeld werden sie allenfalls für willensschwach gehalten - eine Stigmatisierung, unter der viele leiden. "Betroffene haben häufig Schuldgefühle und schämen sich für ihr Problem", sagt Romanczuk-Seiferth. Auch gegenüber engen Vertrauten verharmlosen, rechtfertigen oder verheimlichen viele ihre Kaufexzesse.

"Die Versorgungslage ist miserabel."

Romanczuk-Seiferth rät Angehörigen, das Kaufverhalten offen anzusprechen und dem Betroffenen zu helfen, sich seine Probleme einzugestehen. Damit das funktioniert, helfe es, verständnisvoll und nicht anklagend auf den anderen zuzugehen. Trotzdem sei es wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Nur so lässt sich der Betroffene motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Für Angehörige sei es aber auch wichtig, auf sich selbst zu achten und wenn nötig ebenfalls Unterstützung zu suchen. Selbsthilfegruppen etwa gibt es nicht nur für Süchtige, sondern auch für deren Angehörige.

Geeignete Beratungs- und Behandlungsangebote für Kaufsüchtige sind in Deutschland allerdings rar, sagt Müller: "Die Versorgungslage ist miserabel." Idealerweise werden Kaufsüchtige ihr zufolge in kleinen Gruppen therapiert. "Dann können sich die Teilnehmer auch gegenseitig coachen." Einige psychosomatische Ambulanzen bieten solche Gruppentherapien an. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Kaufsucht-Therapie allerdings nicht.

Während der Therapie analysieren die Teilnehmer erst einmal, in welchen Situationen sie unkontrolliert kaufen. "Dann suchen wir gemeinsam nach Wegen, sich auf andere Weise zu belohnen als durch den Kauf eines unnötigen Kleidungsstücks." Ist die Therapie abgeschlossen, sei es ratsam, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen. "Kaufsüchtige sind wie alle anderen Süchtigen nie vollständig geheilt", stellt Müller klar. Sie müssen mühevoll lernen, ihre Impulse besser zu kontrollieren, und diese Kontrolle ein Leben lang aufrechterhalten.

Von Daniela Schumacher und Teresa Nauber, dpa/irb

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sonnemond 08.06.2017
1. Glückliche Menschen kaufen nicht
"Glückliche Menschen kaufen nicht." Ein guter Satz aus der Psychotherapie.
regni84 09.06.2017
2. Behandlung / Versorgung
Meines Wissens zählt die Kaufsucht nach ICD-10 zu den Störungen der Impulskontrolle, deren psychotherapeutische Behandlung i. d. R. von den gesetzlichen Krankenkassen durchaus übernommen wird.
joking_hazard 12.06.2017
3. @sonnemond #1
Sehr schöner Satz, ich stimme voll und ganz zu. Deshalb gibt es ja auch die Marketingindustrie, die Millionen damit verdient, uns durch bösartige Manipulation und Psychoterror einzuhämmern, dass wir erst nach dem Kauf der Ware XYZ glücklich sein können....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.