Von Jana Hauschild
Jungen wirken oft sorglos. Doch auch sie haben Probleme, Ängste und Sorgen. In vielen Fällen werden ihre psychischen Nöte allerdings übersehen. So lautet das Fazit im "Männergesundheitsbericht 2013", den die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Krankenversicherung DKV am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben. Im Fokus des Reports steht die psychische Gesundheit von Männern jeden Alters - eines der Kapitel trägt den Titel: "Sorglos oder unversorgt? Zur psychischen Gesundheit von Jungen".
Dem Report zufolge haben Jungen im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen deutlich häufiger psychische Probleme und sind verhaltensauffällig. Gleichwohl seien sie "hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit unversorgt, zumindest unterversorgt", beklagen die Autoren des Berichts. Dies zeige sich sowohl in der Diagnostik, Behandlung und Prävention von Lebenskrisen und psychischen Erkrankungen.
ADHS und Medienkonsum sind Jungenprobleme
Als Beispiele führen die Autoren die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie exzessiven Medienkonsum an, Phänomene, die unter Jungen deutlich stärker verbreitet sind als unter Mädchen. Jungen erhalten eine ADHS-Diagnose viermal häufiger als Mädchen. Zudem wird ADHS bei Jungen besonders häufig zu Unrecht gestellt - insbesondere, so der Bericht, von männlichen Psychologen oder Psychiatern.
Die Autoren monieren, dass diese Erkenntnis jedoch kaum berücksichtigt werde: "Obwohl der gravierende Geschlechterunterschied allgemein bekannt ist, sind weder in der Diagnostik noch in der Therapie geschlechtsbezogene qualifizierte Aspekte erkennbar", schreiben die Pädagogen Gunter Neubauer und Reinhard Winter. Ähnlich sei die Situation bezüglich der ausufernden Computernutzung. Jungen sind zehnmal so häufig davon betroffen wie ihre Klassenkameradinnen. Dennoch mangele es an zugeschnittenen Projekten, die dem vorbeugen, so Neubauer und Winter.
Die häufigste psychische Erkrankung unter Jugendlichen ist dem Bericht zufolge die Depression. Wie auch bei Erwachsenen fallen jedoch männliche Jugendliche mit Depression im Vergleich zum weiblichen Geschlecht eher durch Alkohol- und Drogenkonsum sowie durch Aggressivität auf. Das Problem: Diese Symptome führen häufig dazu, dass die Depression übersehen wird - und folglich seltener behandelt wird als bei Mädchen.
Doch warum kehren Mädchen und Frauen bei seelischen Krisen eher in sich, während Jungen und Männer nach außen boxen? "Schon im Mutterleib unterscheiden sich Jungen und Mädchen", sagt Matthias Stiehler, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Bereits da seien Jungen aktiver, so auch später als Kinder und Jugendliche. Der höhere Testosteronspiegel mache sie lebhafter, bewegungsfreudiger.
Dieser biologische Umstand steht häufig den gesellschaftlichen Ansprüchen entgegen. "Externalisiertes Verhalten wie Hyperaktivität und Aggressivität sind nicht erwünscht", sagt Stiehler. Kämpfe und Rangeleien würden fast immer negativ bewertet, dabei gehörten sie zur Identitätsfindung und männlichen Entwicklung dazu. "Die Jungen werden als Jungen nicht wertgeschätzt", so Stiehler, der darin ein Grund für häufige Auffälligkeiten sieht.
Stressfaktor Nummer eins: Mann-Sein
Gleichwohl sei eine weitere Interpretation möglich: "Man könnte hier drastisch auch von einer zu femininen Gesellschaft sprechen, in der normales Jungenverhalten schnell als auffällig gilt", schreibt Stiehler. Die Folgen: Wer als unangepasst gilt, wird von seinem Umfeld eher ausgegrenzt. Dies wiederum belastete die Psyche und führe womöglich zu noch mehr abweichendem Verhalten. Ein Teufelskreis kommt in Gang, der das gesamte Leben beeinflussen kann.
Für die Autoren des Berichts steht fest: Ihre Männlichkeit ist für Jungen der Hauptstressfaktor im Leben. Das ständige Sich-Beweisen-Müssen gegenüber Gleichaltrigen, aber auch der schulische Rahmen an sich, belasten sie. Vor allem der schulische Lehrplan beschränke ihre Entfaltungsmöglichkeiten, so die Experten. Die Forderungen des Schulsystems an Jungen fassen Neubauer und Winter so zusammen: "Vereinfacht gesagt, sollen Jungen sich einfach weniger dominant und nicht kämpferisch verhalten." Dabei seien das menschliche Eigenschaften, die auch positive Seiten hätten.
Dem Bericht nach haben Jungen zudem mit einem weiteren Problem zu kämpfen: Ihnen bleibt oft wenig Raum, um über sich und ihre Gefühle zu sprechen. Vor allem ihre sexuelle Entwicklung sei stark tabuisiert, heißt es. Während Mädchen mit den Eltern oder Freundinnen offen über ihre erste Menstruation sprechen können, ist der erste Samenerguss mit viel Scham besetzt. Auch homo- oder bisexuelle Neigungen kommen selten zur Sprache. Dabei erleiden gerade jene Jugendliche, die sich kurz vor oder während des Coming-outs befinden, eher eine Depression und haben Suizidgedanken.
Bei seiner Arbeit trifft Matthias Stiehler regelmäßig erwachsene Männer, die von der Sprachlosigkeit aus ihrer Jugend berichten: "Die Männer waren einsam", sagt er und meint aber nicht ihren sozialen Status. "Sie hatten Freunde und Familie. Aber mit ihren Nöten und Ängsten standen sie allein da."
Eltern rät Stiehler, aufmerksam zu sein und ihren Jungen zuzuhören. Vor allem Väter, als direkte Vorbilder, sollten auch Schwächen zugeben können - und nicht immer den Helden markieren, sondern Offenheit zeigen.
Sie wollen wissen, was in der neuesten SPIEGEL-Ausgabe steht? Dann melden Sie sich jetzt einfach für den SPIEGEL-Brief an. Die Chefredaktion des Magazins informiert Sie persönlich und kostenlos per E-Mail.
Sie wollen den neuen SPIEGEL jetzt sofort lesen?
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Gesundheit | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Psychologie | RSS |
| alles zum Thema Männergesundheit | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH