Konfliktbewältigung Wenn Geschwister immerzu streiten

Frederike und Markus kennen ihr Leben lang nur eines: Streit. Die Konflikte belasten die ältere Schwester - sie leidet an Essstörungen und ist mitunter depressiv. Beim Coaching lernt die 52-Jährige schließlich, ihre Blockaden abzubauen.

Gestörte Kommunikation: Rivalitäten und Streit unter Geschwistern können sich durchs ganze Leben ziehen
Corbis

Gestörte Kommunikation: Rivalitäten und Streit unter Geschwistern können sich durchs ganze Leben ziehen


Frederike Bernd*, 52, und ihr jüngerer Bruder Markus, 47, streiten seit ihrer Kindheit. In jenen Tagen genoss es Frederike, dass sie oft bevorzugt wurde - insbesondere von ihrem Vater. Markus ließ sie das gewaltig spüren: Sie, die große Schwester, hatte immer recht. Wo sie nur konnte, unterdrückte sie ihren kleinen Bruder. Daran hatte Markus sehr zu knabbern.

Als er zehn Jahre alt war, nutzte Markus seine erste große Chance, es der Schwester heimzuzahlen. An einem Sonntag beim Mittagessen: Frederike, die damals in der Pubertät war, litt unter Essstörungen. Ihre vermeintliche Fettleibigkeit bekämpfte sie mit Pillen, die eine Gewichtsreduktion versprachen. Als die Familie am Tisch saß, weigerte sich Frederike mal wieder zu essen. Im Streit kam schließlich heraus, dass sie diese Pillen schluckte. Ihr Vater war außer sich. Markus platzte mitten in das Wortgefecht hinein: "Ich habe meinen Teller aufgegessen!"

"Das kleine Scheißerchen"

Viele Jahre später, bei unserem ersten Coaching-Treffen, erzählt mir Frederike von dieser Episode. Die Situation sei für sie ein Trauma gewesen. Da habe sich ihr Bruder doch glatt erdreistet, sie vom Thron zu stoßen. "Das kleine Scheißerchen", sagt Frederike, habe ihr einfach das Licht genommen. Plötzlich sei sie nicht mehr die klare Nummer eins gewesen - mit fatalen Folgen: Ihre Essstörung verstärkte sich, fortan hatte sie immer wieder mit stark depressiven Phasen zu kämpfen und leidet seither unter Beziehungsproblemen. Fast vierzig Jahre lang.

Für Erstgeborene, das versuchte ich Frederike klarzumachen, ist es zunächst ein absolutes Privileg: Sie erhalten die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern - solange, bis das zweite Kind, oder bis es zum ersten großen Aufstand des Jüngeren kommt. Darauf reagieren die Älteren unterschiedlich - mitunter aber eben mit Rechthaberei oder Unterdrückung des Kleineren, so wie es bei Frederike der Fall war. Interessanterweise geschieht das nicht nur im Kindesalter: Auch bei Jugendlichen oder Erwachsenen lässt sich dieses Phänomen beobachten.

Einsicht des Stärkeren

Fast zwei Jahre dauerte das regelmäßige Coaching mit Frederike, bis sie einsah: Auch der Größere kann sich kleinmachen. "Es tut mir leid, dass ich Fehler gemacht und dich schlecht behandelt habe." Diesen Satz brachte sie lange Zeit nicht über die Lippen, schließlich sagte sie ihn doch ihrem inzwischen erwachsenen Bruder.

Mit Hilfe ausführlicher Analysegespräche und zusätzlichen Massagen zur Entspannung schaffte es Frederike langsam, ihre mentalen Blockaden zu lösen. Sie begann zu erkennen, dass ihre Glaubenssätze im Verhältnis zu ihrem Bruder mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten. Frederike lernte, in Phasen der Entspannung, neue und positive Glaubenssätze zu platzieren.

Durch spezielle Übungen, in denen Frederike wechselnde Rollen einnahm, lernte sie, sich in Demut zu üben, ihren Bruder als eigenständiges Wesen zu erkennen und sich ihm schließlich auch anzunehmen. Das war ein langer Weg.

Zu Ende ist er noch nicht: Obwohl sie inzwischen ein riesengroßes Stück weiter ist, erlebt Frederike mit ihrem jüngeren Bruder auch heute noch konfliktreiche Momente. Aber das Verhältnis hat sich grundlegend geändert - auch Markus hat dazu beigetragen. Als er merkte, wie sich seine Schwester ihm gegenüber verändert, konnte er auch seine eigene Haltung ändern. Frederike und Markus bewegen sich aufeinander zu. Das ist neu in ihrer Beziehung. Und sie genießen es.

*Name von der Redaktion geändert



insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
derdave3000 15.04.2014
1. optional
Wenn die Essstörungen schon bestanden als sie die Nr 1 war müsste man doch zusätzliche Probleme erwarten als "nur" Hierarchiestreit zwischen Geschwistern?
opaerwin 15.04.2014
2. Komischer Artikel …
Bloß nicht das Wort "Psychotherapie" in den Mund nehmen!
sok1950 15.04.2014
3. wozu man heute doch alles Analysegespräche braucht
Wer Kinder, und vor allem Geschwister hat, kennt diese Situation. Aber diese Probleme gibt es nur, wenn das Mädchen älter als der Junge ist. Mädchen kommen mit kleineren Brüder einfach nicht zurecht, vor allem nicht mit der Tatsache, dass der kleine Bruder eben auch Zuwendung braucht und bekommt. Wenn der Junge der Ältere ist, gibt es in der Regel überhaupt keine Probleme, erst recht nicht, wenn das jüngere Kind ein Mädchen ist. ...und für alle Foren-Fachleute und Möchtegern-Psychologen: zwei eigene Kinder (Schwester und Bruder), zwei Kinder meiner Lebensgefährtin (Bruder und Schwester), 5 Enkelkinder und Uni-Abschluss in Soziologe.
Kometenhafte_Knalltüte 15.04.2014
4. ...
Zitat von sysopCorbisFrederike und Markus kennen ihr Leben lang nur eines: Streit. Die Konflikte belasten die ältere Schwester - sie leidet an Essstörungen und ist mitunter depressiv. Beim Coaching lernt die 52-Jährige schließlich, ihre Blockaden abzubauen. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/konflikt-zwischen-geschwistern-so-loest-man-den-dauerstreit-a-963305.html
Warum wird ständig dieser Schwachsinn verbreitet? Es ist ganz klar ein Fehler der Eltern, wenn das Erstgeborene derart darunter "zu leiden" hat, das es ein Geschwisterchen bekommt. Nein, das ist absolut nicht normal, das das Erstgeborene dann in zweiter Reihe steht. Hier versagen die Eltern, wenn sie es nicht schaffen beiden die gleiche Aufmerksamkeit zuteil kommen zu lassen. Und das sage ich aus Erfahrung! Man erkennt sofort, welche Eltern mehrere Kinder haben und damit umgehen können und welche an der "Aufteilung" der Aufmerksamkeit scheitern. Und mich regt diese Normalisierung dieses Umstandes, die Anhebung zur "allgemein gültigen Lehrmeinung", die Behauptung es sei der Normalzustand, einfach nur auf. Denn im Gegenzug bescheinigt man den "langweiligen, weil normalen" Eltern, die sich nicht auf derartige "Lehrmeinungen" zurückflüchten müssen, stehts immer nur "...Glück, das es bei euch anders ist..." zu haben. Schwachsinn, da steckt Arbeit von Anfang an dahinter!
wiealle 15.04.2014
5. Einfach mehrere Kinder machen!
Dann verteilt sich der Druck, wechselnde Allianzen sind möglich und das einzelne Kind muss nicht zu viel Aufmerksamkeit - oder deren Fehlen - verkraften. Habe ich selber so erlebt, halte es auch bei meinen Kindern so. Darüber hinaus ist es Aufgabe der Eltern, den Großen Respekt für die Kleinen und Schwächeren beizubringen. Wieso muss ich jetzt die Krankenkassenkosten für so einen Quatsch mitfinanzieren?
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