SPIEGEL ONLINE: Herr Höbel, wie geht man mit Betroffenen nach einer Katastrophe angemessen um?
Höbel: Die meisten Betroffenen sind sich kurz nach so einem Ereignis überhaupt nicht über ihre Gefühle und die Folgen im Klaren. Ob sich ein Trauma und Spätschäden entwickeln, kann man oft erst nach Monaten absehen. Aber die Weichen werden bereits unmittelbar nach dem Ereignis gestellt. Deshalb ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, geschulte psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss haben die schlimmen Bilder, die nach so einer Katastrophe in Endlosschleife zu sehen sind, auf die Betroffenen?
Höbel: Die Täter haben sich perfiderweise mit dem Zieleinlauf ein Anschlagsziel gesucht, das ihnen die maximale Aufmerksamkeit garantiert - mit vielen Kameras. Medien, die die grausamen Bilder zeigen, lassen sich instrumentalisieren. Das ist ein Kommunikations-Paradox: Alle Welt empört sich über den Anschlag, fördert aber gerade durch das Zeigen der Bilder das Ziel der Terroristen. Für Betroffene und ihre Angehörigen ist dieser Mechanismus unerträglich. Insofern finde ich es beispielhaft, wenn inzwischen einige Medien bewusst auf blutige Klickstrecken verzichten.
ZUR PERSON

Peter Höbel, Jahrgang 1955, gilt als einer der renommiertesten Krisenexperten in Deutschland. Der Gesellschafter der Frankfurter Unternehmensberatung crisadvice berät internationale Konzerne, Verbände, Organisationen, Behörden und Ministerien in der Krisenprävention und bei Großschadensereignissen wie etwa dem Concorde-Absturz.
Höbel: Medienpsychologisch kann ich das nur schwer erklären - wahrscheinlich ist es eine Mischung aus der uralten Faszination des Bösen, dem Aufatmen, selbst von dem Ereignis verschont geblieben zu sein, und einem Stück Empathie. Und neuerdings sicher auch eine Konditionierung. Denn mittlerweile haben wir einen regelrechten Veröffentlichungswahn: Alles, was mir vor die Handykamera kommt, muss die Welt sehen.
SPIEGEL ONLINE: Helfen die Videos und Fotos eines solchen Ereignisses nicht auch, das schlimme Ereignis zu verarbeiten?
Höbel: Für Veranstaltungsteilnehmer und Zuschauer, die die Szenen vor Ort erlebt haben und die körperlich unverletzt geblieben sind, können die selbst aufgenommenen Bilder eine Ventilfunktion haben. Sie kanalisieren auf diese Weise womöglich, dass sie noch mal davongekommen sind.
SPIEGEL ONLINE: Neben der Solidaritätswelle für die Betroffenen ist gerade in der Läuferszene eine gewisse Trotzreaktion spürbar, nach dem Motto "Laufen - jetzt erst recht". Laut Facebook-Umfrage haben viele Läufer erklärt, auch weiter bei Lauf-Veranstaltungen teilzunehmen und sich nicht einschüchtern zu lassen.
Höbel: Das ist erst einmal ungewöhnlich. Normalerweise setzt reflexartig eher eine Fluchtreaktion und Vermeidungshaltung ein. Schadensereignisse wie etwa Flugzeugabstürze oder Anschläge in Urlaubsregionen führen üblicherweise sofort messbar zu Stornos, zum Einbruch von Buchungszahlen oder dazu, dass bestimmte Airlines oder Zielgebiete gemieden werden. Ich bin selbst kein Läufer, ich weiß also nicht, ob die Läuferszene besonders hart im Nehmen ist oder ob sich hier bereits die Auswirkungen der neuen Kommunikationsformen zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Es ist unwahrscheinlich, dass das Attentat von Boston gezielt die Läuferszene treffen sollte, trotzdem fühlt die sich stark betroffen. Ist es vielleicht eine kollektive Verdrängungstaktik nach dem Motto: Weiterlaufen, als wäre nichts passiert?
Höbel: Es ist durchaus möglich, dass das mit den Läufern gar nichts zu tun hat. Vielleicht haben wir alle uns durch die mediale Präsenz so an das Risiko gewöhnt, dass Terrorgefahren inzwischen zum Alltag gehören. Rational betrachtet, stellt tatsächlich jede Massensituation eine potentielle Gefahr dar. Der öffentliche Raum kann naturgemäß nie vollständig überwacht werden. Damit muss man leben.
SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag stehen die großen Marathons in London und Hamburg an. Die Veranstalter haben angekündigt, die Events laufen zu lassen. Die richtige Entscheidung?
Höbel: Grundsätzlich ja. In so einer Situation Großveranstaltungen abzusagen, wäre eine Kapitulation vor den Tätern, die damit ihr Ziel erreicht hätten.
SPIEGEL ONLINE: Andererseits wäre es womöglich unangemessen, so zu tun, als wäre nichts passiert. Wie sollte man als Veranstalter auf so ein Ereignis reagieren?
Höbel: Es ist immer eine Gratwanderung. Klar ist: So kurz nach einem Attentat ist ein pietätvoller Umgang gefragt. Da schauen besonders die Opfer sehr genau hin. Die einen sagen: Jetzt erst recht laufen, andere fänden es unangemessen, wenn - wie in London üblich - maskiert und ausgelassen gefeiert würde.
SPIEGEL ONLINE: Wie vermittele ich Sicherheitsgefühl - durch mehr oder weniger Polizeipräsenz?
Höbel: Der Grundsatz der Krisenkommunikation ist stets: Durch geeignete Botschaften Vertrauen schaffen. Noch Anfang der neunziger Jahre, etwa vor dem ersten Golfkrieg, war die vorherrschende Meinung, Sicherheit zu produzieren, aber dezent zu zeigen. Die Menschen sollten sich nicht verunsichert fühlen. Das hat sich geändert. Heute soll der Anblick von Uniformen insbesondere die Handlungsfähigkeit des Staates demonstrieren und potentielle Täter abschrecken. Je mehr Polizeipräsenz sichtbar ist, desto offenkundiger wird aber auch die Gefahr visualisiert. Macht es Spaß, Marathon zu laufen, wenn an jeder Straßenkreuzung ein Panzer steht? Wohl kaum.
Das Interview führte Frank Joung
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