Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Psychologie: "An Lärm kann man sich nicht gewöhnen"

Typische Reaktion bei zu lautem Krach: Lärm beeinträchtigt unser Wohlbefinden Zur Großansicht
Corbis

Typische Reaktion bei zu lautem Krach: Lärm beeinträchtigt unser Wohlbefinden

Warum sind manche Menschen besonders lärmempfindlich? Der Psychologe Jürgen Hellbrück erklärt, wie sich Lärm auf die Psyche auswirkt und was man tun kann, um sich weniger an lauten Geräuschen zu stören.

ZUR PERSON
Jürgen Hellbrück ist Psychologe, Lärmwirkungsforscher und Professor für Arbeits-, Gesundheits- und Umweltpsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hellbrück, was ist Lärm?

Hellbrück: Lärm ist unerwünschter Schall. Er beeinträchtigt unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit und langfristig auch unsere Gesundheit.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird aus Schall Lärm?

Hellbrück: Ab 80 Dezibel gefährdet Schall das Gehör. Ab 85 Dezibel muss am Arbeitsplatz Gehörschutz sichergestellt sein. Im unteren Schallpegelbereich gibt es eine große Variationsbreite, was wir als Lärm empfinden und was nicht. Es gibt deutliche Unterschiede in der Lärmempfindlichkeit. Wir wissen aber nicht genau, woran das im Einzelnen liegt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Geräusche nerven besonders?

Hellbrück: Es gibt Geräuschcharakteristika, die für alle Menschen schon im unteren und mittleren Pegelbereich unangenehm sind. Denken Sie nur an das Kratzen von Kreide oder Fingernägeln auf einer Tafel. Diese Geräuscheigenschaften bezeichnen wir in der Psychoakustik als Schärfe. Auch raue Geräusche mögen wir nicht, Dieselmotoren beispielsweise klingen für uns in der Regel unangenehmer als Benziner.

SPIEGEL ONLINE: Ist das angeboren?

Hellbrück: Ja, möglicherweise hat das evolutionäre Ursachen. Scharfe Geräusche mit ihrem großen Anteil an hohen Frequenzen haben Signalwirkung - Todesschreie von Tieren oder Babygeschrei beispielsweise ziehen sofort unsere Aufmerksamkeit auf sich. Knurrende, knatternde Geräusche könnten möglicherweise einmal auf gefährliche Tiere hingewiesen haben.

SPIEGEL ONLINE: Was beeinflusst noch unser Lärmempfinden?

Hellbrück: Wir sind anfälliger für Lärm immer dann, wenn er eine unserer Tätigkeiten unterbricht. Besonders, wenn wir unter Stress stehen. Auch der Lärmverursacher spielt eine Rolle. Wenn der Nachbar Ihr Freund ist, verzeihen Sie ihm eher, wenn er seinen Rasen mäht, als wenn das der nicht so nette Nachbar tut.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Ausformung von Territorialverhalten?

Hellbrück: Ja, Ihre eigene Wohnung ist Ihr Territorium, das wollen Sie schützen und kontrollieren, wer reinkommt und wer nicht. Ein Lärmverursacher, der mit seinem Schall durch die Wände in Ihre Wohnung eindringt, ist für Sie gewissermaßen ein Angreifer. Er weiß das in der Regel nicht und er hat möglicherweise nicht das Empathievermögen, um sich das vorzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Ich bin lärmempfindlich, aber mir ist es auch selbst sehr unangenehm, Krach zu machen.

Hellbrück: Ich vermute, dass Lärmempfindlichkeit und Empathiefähigkeit zusammenhängen. Weil Sie lärmempfindlich sind, können Sie sich selbst in die anderen hineinversetzen.

SPIEGEL ONLINE: Laute Menschen sind also weniger lärmempfindlich und weniger empathisch?

Hellbrück: Möglicherweise.

SPIEGEL ONLINE: Fallen auch Harley-Davidson-Fahrer darunter?

Hellbrück: (lacht) Ich glaube, da kommt noch etwas anderes hinzu - Stichwort Territorialverhalten. Geräusche dienen ja auch der Kommunikation und haben Signalcharakter. Das Geräusch einer Harley Davidson ist daraufhin getunt, Stärke zu vermitteln. Das Gleiche bei Sportwagen. Geräuschdesigner heben eben die unangenehmen Geräuschcharakteristika hervor: Rauigkeit und Schärfe. Ein beschleunigender Ferrari beginnt mit einem Grummeln und steigert sich zu einem hochfrequenten Kreischen. Der Fahrer, der sich vielleicht als Teil des Gerätes fühlt, bringt damit seine Stärke und eine gewisse Aggressivität zum Ausdruck. Für Außenstehende ist das natürlich extrem störend.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um sich weniger an Lärm zu stören?

Hellbrück: Sie sollten versuchen, die Lärmquelle kognitiv umzubewerten, um Ihr Unbehagen abzumildern. Sie können sich sagen, dass der Baulärm sein muss, weil das Haus gebaut werden will, der Rasen auch eines unsympathischen Nachbarn gemäht werden muss und er irgendwann damit fertig sein wird. Vor allem, wenn Sie wissen, dass der Lärm zeitlich begrenzt ist, kommen Sie auf diese Weise damit besser zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Wird man im Laufe des Lebens lärmempfindlicher?

Hellbrück: Der Lärmexperte Murray Schafer hat diese These in einem Buch vertreten. Er glaubt, dass man ab 30 lärmempfindlich wird. Ich kann das nicht mit Belegen untermauern, aber ich vermute, da ist was dran. Kinder sind laut und müssen das auch ausleben. Junge Leute stecken Lärm einfacher weg, besuchen ja auch Konzerte und Discotheken. Als Erwachsener wollen Sie Ihre Ruhe haben, weil Sie mehr Territorialverhalten entwickeln und mehr Kontrolle brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Um unangenehmen Lärm zu übertönen, höre ich oft laute Musik. Dazu kann ich sehr gut arbeiten. Ist das nicht paradox?

Hellbrück: Nicht unbedingt. Wie sehr laute Musik unser Leistungsvermögen beeinträchtigt, hängt stark von der Art der Musik ab. Wenn wir sprachliche Informationen verarbeiten, ist unser Kurzzeitgedächtnis aktiv. Es ist für Sprache sehr empfänglich, da es Worte und Sätze wie auf einer Tonspur kurzzeitig festhalten muss, um die Bedeutung zu analysieren. Aber das Gehirn muss erst einmal wissen, ob Schall Sprache ist oder nicht, damit dieser Schall Eingang ins Kurzzeitgedächtnis findet. Anhand seiner physikalischen Eigenschaften analysiert das Gehirn den Schall und lässt nur jenen durch, der zeitliche Veränderungen aufweist, wie sie auch für Sprache typisch ist.

Sprache, auch wenn sie relativ leise ist, und Gesang stören das Kurzzeitgedächtnis und damit unsere Leistungsfähigkeit stärker als Instrumentalmusik. Aber da gibt es einen interessanten Effekt. Wenn Instrumentalmusik scharfe, schnelle Unterbrechungen hat - typische stakkatoartige Barockmusik beispielsweise - und damit der zeitlichen Charakteristik von Sprache ähnelt, beeinträchtigt auch das unser Kurzzeitgedächtnis stärker. Fließende Instrumentalmusik mit weichen Übergängen stört weniger.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt Lärm auf unsere Psyche?

Hellbrück: Akut kann er aggressiv machen und Stressreaktionen bewirken. Stresshormone können selbst im Schlaf, wenn wir ihn gar nicht bewusst wahrnehmen, ausgeschüttet werden. Chronischer Lärm kann körperlich krank machen, weil sich der permanente Stress auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Manche Menschen reagieren aber auch mit Hilflosigkeit, die in eine Depression übergehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich an Lärm gewöhnen?

Hellbrück: Nein.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
jenzy 16.04.2014
Empathie kann ich bei der katholischen kirche nebenan nicht erwarten, da wird täglich um 7:00 Rabatz gemacht als wäre sturmflut und Feuersbrunst gleichzeitig. Das macht einen krank! Doch diese Menschenverachter werden in diesem Land ja weiterhin legitimiert sich an den Bürgern zu vergehen.
2. Gewöhnung
goodcharlotte 16.04.2014
Mein Buero liegt oberhalb eines Kinderspielplatzes. Die Kindern kreischen und schreien ziemlich laut. Insbesondere ein Kind kann man deutlich aus der Menge hören, das ganze Buerohaus kennt es, wenn es nachmittags kommt. Anfangs dachte ich, ich ziehe aus, das ist unerträglich. Dann haben wir uns das angesehen, das Kindist ein aufgewecktes Mädchen, eigentlich immer froehlich. Wie der Bericht sagt, ich kann ihr verzeihen. An den Laerm hab ich mich gewöhnt. Manchmal sagen Anrufende, "Wo sind Sie denn", dann mache ich Fenster zu und merke dann erst den Lärm der Kinder. Ich finde, man kann sich gewoehnen.
3. Mikroben spielen eine Rolle
marianneluxemburg 16.04.2014
Nach meiner Erfahrung gibt es mikrobielle Erreger, die bewirken, dass man Lärm-empfindlicher wird. Ich hatte sowas mal ein paar Wochen lang, und dann ging es wieder weg. Meine Mutter scheint das immer zu haben. Während ich das hatte, hätte ich hochgehen können, wenn nur einer unter meinem Fenster mit dem Auto manövrierte, um einzuparken. Normalerweise bin ich tolerant gegenüber Geräuschen, sie regen mich nicht auf. Nur wenn sie zu laut werden, bekomme ich noch früher Ohrenschmerzen als die meisten Leute, so musste ich mir immer Watte in die Ohren tun, wenn ich zu einer Tanzveranstaltung ging, bei Dämpfung der Musik hörte man dann auch besser, wenn die Musik gar nicht so gut war. Jedenfalls liegt es nicht an der Empfindlichkeit meiner Ohren, ob Geräusche mich nerven oder nicht. Es gab da einen Faktor, der auf die Psyche wirkte, die Verarbeitung im Gehirn, und der schien mir infektiös.
4. Bläser
graylynx 16.04.2014
Meine "Lieblings-Lärmquelle" sind seit ein paar Jahren die Laubbläser, mit denen unsinnigerweise nicht viel mehr produziert wird als eben nervender Lärm ... Warum? Ist das der Ferrari für Kleingärtner und Stadtarbeiter?
5. Musik die beeinträchtigt
skal666 16.04.2014
Zum Hören von Musik und verminderte Leistungsfähigkeit: wenn ich gelangweilt bin und keine 3 Sekunden (übertrieben) etwas tun kann ohne gleich bei SPON vorbeizusurven (was ich zum Glück ungestraft tun kann), dann ist das Einschalten von Musik über Kopfhörer und der positive Effekt durch die einsetzende Euphorie sicherlich viel größer als die Ablenkung des die Worte des Textes verarbeitende Gehirn... Musik ist auch nicht blos eine Schallquelle, auch wenn sie es wird bei permanenter Berieselung. Es kommt drauf an wie man sie einsetzt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: