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Licht und Wohlbefinden: 10.000 Lux für das pure Glück

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Lichtforscher suchen das perfekte Licht - denn es macht glücklicher, gesünder und steigert die Konzentration. Mit einem virtuellen Himmel wollen Wissenschaftler die natürlichen Lichtverhältnisse im Büro simulieren. Auch Schüler könnten mit der richtigen Lichtdusche im Zaum gehalten werden.

Künstliche Beleuchtung: Lichtduschen für die Seele Fotos
Corbis

Unter Lichtforschern kursiert eine Anekdote: Wenn der Wissenschaftler Richard Stevens nachts erwachte, knipste er nie eine Lampe an, auch nicht auf dem Weg zum Klo. Stevens war nämlich der Erste, der darüber nachdachte, dass Licht in der Nacht unserer Gesundheit schaden könnte. Inzwischen gilt dieser Zusammenhang als erwiesen: Helles, künstliches Licht am Abend schadet dem Biorhythmus und kann, das zeigen Untersuchungen mit Schichtarbeitern, sogar krank machen.

Doch gibt es auch künstliches Licht, das uns glücklich und gesund macht?

Ja, sagt Lichtforscher Oliver Stefani. Er arbeitet am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart und kommt bei Licht ins Schwärmen: "Licht hat Einfluss auf das Wohlbefinden, da ist es erlaubt, dass man an jedem Quäntchen dreht. Wir suchen das optimale Licht."

Zusammen mit seinem Team am IAO arbeitet Stefani an einem virtuellen Himmel, dem "Virtual Sky", der ein dynamisches Licht erzeugt. "Der Mensch mag nicht so sehr statisches Licht", sagt Stefani. "Das Beste wäre, wenn wir bei der Arbeit riesige Fenster hätten und natürliches Licht mit seinem Wechsel von Sonne und Wolken abbildeten."

Lichtduschen gegen Winterdepression

Dass Licht Gesundheit und Wohlbefinden beeinflusst, beschäftigt Lichtdesigner, Psychologen und Arbeitsmediziner. Experten empfehlen morgens möglichst viel helles Licht, einen Spaziergang als Wachmacher oder auf dem Weg zur Arbeit. So wird nicht nur die Bildung des Schlafhormons Melatonin gestoppt - eine natürliche Lichtdusche kurbelt auch den Wachmacher Serotonin an, das Glückshormon. Selbst ein bedeckter Himmel bringt es auf mehrere tausend Lux, Lichtduschen ab 10.000 Lux wirken gegen Winterdepressionen, wahre Muntermacher.

Bereits vor einigen Jahren entdeckten Forscher in unserem Auge einen Photorezeptor, der auf Licht reagiert. Trifft blaues Licht darauf, setzt es wie eine Flipperkugel eine Hormonreaktion in Gang: Die Melatonin-Produktion wird unterdrückt und das aktivierende Cortisol wird produziert, wir fühlen uns wach. Frühlingsgefühle nach dem Wintergrau sind ebenfalls ein Effekt dieser Hormonkaskade. "Am Tag und bei der Arbeit hält uns blaues Licht munter", sagt Stefani. "Da sind Energiesparlampen mit ihrem kalten Lichtspektrum gar nicht verkehrt."

Natürliche Lichtverhältnisse im Büro

Auch wenn der Frühling mit großen Schritten naht: Für die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts spielt die Sonne längst keine große Rolle mehr. Deshalb simuliert der "Virtual Sky" die natürlichen Lichtverhältnisse im Büro. Der Blauanteil, der tagsüber variiert, wird in seinem Wechsel nachgebildet. Es lasse sich sogar ein Sonnenaufgang oder -untergang mit rötlichen Stimmungen programmieren.

Blaues Licht: Boom der Psychiater
Der Lichtdesigner Ingo Maurer prophezeite angesichts der Energiesparlampen mit ihrem bläulicheren Lichtspektrum in unseren Wohnzimmern einen "Boom der Psychiater".

Auch Goethe schätzte Blau nicht besonders. In seiner Farbenlehre schrieb er: "Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte."

Der Stararchitekt Lord Norman Foster dachte ebenfalls über ideales Licht nach: "Jeder Ingenieur kann die Lichtmenge errechnen, die nötig ist, um ein Buch zu lesen. Wo aber bleibt die poetische Dimension des natürlichen Lichts: der stetige Wandel eines bewölkten Himmels, die Entdeckung des Schattens, die Leichtigkeit eines Tupfers Sonnenlichts?"

Die Wirkung von blauen Licht konnte auch Dieter Kunz belegen. Der Leiter der Abteilung Schlafmedizin an der Berliner Charité bestrahlte Probanden mit bläulichen Lichtduschen. Schon nach zehn Minuten sank der Melatonin-Gehalt im Körper. Melatonin taktet die innere Uhr, den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen. Kunstlicht am Abend bringt die Uhr durcheinander. Kunz hält deswegen langfristig depressive Erkrankungen, ein höheres Tumorrisiko, Herzinfarkte und andere Krankheitsbilder in Folge des verschobenen Rhythmus für denkbar.

Die Fraunhofer-Forscher entwickeln derzeit einen Prototypen, bei dem sich die Lichtfarbe sogar der Stimmung anpasst. Die Idee dahinter: Ein vollbepackter Outlook-Terminkalender könnte ein Indiz für viel Stress und Aufregung sein. Entsprechend könne man ein beruhigendes Licht am Bürohimmel anbieten, erklärt Stefani. Ist der Mitarbeiter müde, könnte das eine Gesichtserkennungssoftware registrieren - zur Aufmunterung würde blaues Licht verabreicht. Auch rosa Licht könnte helfen: Untersuchungen mit besonders aggressiven Häftlingen ergaben, dass diese in einer rosa Zelle "friedlich wie Lämmchen" wurden.

Lieblingslichtstimmungen

Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf mit dem Lampenhersteller Philips testete dynamisches Licht in Schulklassen: Wurden Farbtemperatur und Lichtintensität optimal auf Situationen und Anforderungen im Klassenraum eingestellt, verbesserten sich die Leistungen der Schüler. Unter sehr hellen, bläulichem Licht waren die Schüler schneller beim Lesen und machten weniger Fehler. Durch Beigabe von gelbem Licht konnten sie sich schneller beruhigen. Per Knopfdruck konnte die Lehrerin das passende Ambiente für die Schüler wählen: "Aktivieren", Beruhigen" oder "konzentriertes Arbeiten". Bald hatten die Schüler sogar Lieblingslichtstimmungen.

Überraschend positive Wirkungen von Licht entdeckten auch Mediziner: Kaltes, bläuliches, also wachmachendes Licht, wirkte günstig auf die Verwirrtheit von Demenzkranken; hyperaktive Kinder wiederum beruhigten sich in rötlichen Lichtumgebungen schneller. Licht könnte ein Glücks-Medikament der Zukunft sein.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. was hier als wissenschaft.neuheit berichtet wird
kolibri73 07.03.2013
Ist in wirklichkeit ein alter hut: in finnland beispielsweise sind in vielen cafes luxlampen als lichtduschen installiert und dienen als kompensation fuer.die vielen dunklen wintertage.
2.
steve_88 07.03.2013
Sehr schön. Ich wünsche mir mehr Artikel über Licht und seine Auswirkungen. Ich war vor ein paar Wochen bei einem Vortrag über Lichtverschmutzung. Dort wurde auch das Thema mit dem Bürolicht erleutert, aber auch, wie wichtig Dunkelheit ist. Ich würde mich freuen, wenn das Thema weiter in die Öffentlichkeit gerückt wird, weil das alle etwas angeht.
3.
brooklyner 07.03.2013
Zitat von kolibri73Ist in wirklichkeit ein alter hut: in finnland beispielsweise sind in vielen cafes luxlampen als lichtduschen installiert und dienen als kompensation fuer.die vielen dunklen wintertage.
Und die Selbstmordrate in den dunklen Monaten ging in Finnland daher zurück, kein Witz!
4. Das perfekte Licht
tetaro 07.03.2013
Zitat von sysopCorbisLichtforscher suchen das perfekte Licht - denn es macht glücklicher, gesünder und steigert die Konzentration. Mit einem virtuellen Himmel wollen Wissenschaftler die natürlichen Lichtverhältnisse im Büro simulieren. Auch Schüler könnten mit der richtigen Lichtdusche im Zaum gehalten werden. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/licht-und-wohlbefinden-10-000-lux-fuer-das-pure-glueck-a-886853.html
Das perfekte Licht wurde ja leider von der EU verboten: Glühfadenlicht. Und die Leuchtenindustrie hat es in 30 Jahren noch nicht so recht geschafft, dieses Licht durch Sparlampen zu imitieren. Vielleicht könnten sie es, aber wozu bemühen, wenn der Kunde gern so lebt wie das Vieh im Stall unter der Neonröhre. Bis vor kurzem wurde uns noch gegen den Wiederstand der Klügeren weisgemacht, dass Bruttohelligkeit und Stromverbrauch alles ist, worauf es ankommt, und nun wird die Frage nach der Lichtfarbe plötzlich als neue Weisheit verkauft. Wahrscheinlich, weil man langsam Geld damit verdienen kann.
5. Wie hiess es schon...
stelzenlaeufer 07.03.2013
...in einer Werbung für eine bekannte Automarke. Blau macht glücklich. ;-)
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ZUR AUTORIN
  • Stefanie Maeck ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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