Achtsamkeit mit Nebenwirkungen Verdammt, entspann dich!

Auf der Suche nach Entspannung kommen Stressgeplagte kaum an Achtsamkeitsübungen vorbei. Doch Meditation und ähnliche Techniken sind nicht für jeden geeignet, manche führen zu Frust und Schmerz.

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Meditation: Achtsamkeit boomt
Corbis

Meditation: Achtsamkeit boomt


Wenn ein LKW vorbeifährt, fühlt es sich plötzlich an, als würde er durch dich hindurchfahren. Du verlierst das Gefühl für die Zeit: kein damals, kein demnächst, nur noch jetzt. Angst erfüllt dich. Oder eine tiefe Depression. Oder komplette Leere. Du verlierst die Verbindung zu dir selbst: Worte kommen aus deinem Mund, aber du weißt nicht, wer sie spricht.

Was nach einem Drogentrip klingt, sind Erfahrungen von US-Amerikanern, die intensiv meditieren, ganz ohne zusätzliche Substanzen. Ihre einziges Rauschmittel: Achtsamkeit. Auch in Deutschland gibt es den Trend zur fernöstlichen Besinnung auf sich selbst und das Leben im Jetzt. Meditationskurse, Internetstreams oder Apps mit Achtsamkeitsübungen sollen die gestresste Seele ins Gleichgewicht bringen oder einem Abkippen vorbeugen. Die Erwartungen an die Übungen sind hoch. Dabei ist das Konzept kein Alleskönner und auch nicht für jeden sinnvoll, warnen Experten .

Dass Emotionen hochkommen, ist normal

"Ich glaube die Leute beginnen mit dem Meditieren und denken, dass sie glückselig werden und ihr Geist ruhiger wird, je länger sie da sitzen. Sind die überrascht, wenn sie feststellen, dass es gar nicht so läuft", sagte die Neurowissenschaftlerin Willoughby Britton von der Brown University an der US-Ostküste in einem Interview mit der Internetplattform Buddhist Geeks. Sie hat im Rahmen des "Dark Night Project" die Erfahrungsberichte von Dutzenden Meditationstrainern und ihren Schülern gesammelt. Wer weit genug gehe in seiner spirituellen Praxis, werde diese Dinge erleben, sagte ein Trainer zu ihr. Das gehöre einfach zum kontemplativen Pfad dazu.

"Dass Emotionen hochkommen oder eine innere Unruhe die Menschen plagt, ist ganz normal", sagt auch der Psychologe Johannes Michalak, Professor an der Universität Hildesheim und Leiter der dortigen Hochschulambulanz. Er forscht zu Achtsamkeitstrainings und wendet fernöstliche Methoden in der Psychotherapie an. Für viele sei es schon eine große Herausforderung 30 Minuten da zu sitzen und die Aufmerksamkeit immer wieder ins Hier-und-Jetzt und zum Atem zurückzuholen.

Falscher Ehrgeiz kann zu Frust führen

"Das verlangt Demut. Viele kämpfen richtig und werden während der Übung oft damit konfrontiert, dass es schwer fällt, den Fokus zu behalten", sagt er. Falscher Ehrgeiz kann dann zu Frust führen. Einige verfallen ins Grübeln, andere haben plötzlich angstmachende Gedanken. Und wer nicht abschweift, merkt womöglich besonders deutlich, wie unruhig er eigentlich ist und was in seinem Körper vorgeht. Manche spüren dann mitunter Schmerzen intensiver.

"Deshalb ist es wichtig, solche Übungen und Meditation nicht alleine durchzuführen, sondern in einer Gruppe, in der man sich austauschen kann und mit einem Trainer, der ebenfalls Ansprechpartner dafür ist", betont Michalak. Nachwirkungen in dem Ausmaße wie bei den Teilnehmern des "Dark Night Project" hat er allerdings noch nicht beobachtet.

Auch seine Kollegen nicht: "Achtsamkeit ist eine derart sanfte Methode, dass das Schädigungspotenzial sehr gering ist", betont etwa der Psychologe und Psychotherapeut Gerhard Zarbock. Da sei es weitaus gefährlicher, wenn man einen schlechten Marathontrainer habe. "Höchstwahrscheinlich war es nicht die Achtsamkeit, die die Symptome bei den Befragten hervorrief, sondern die Dosis", sagt Zarbock, der sich schon seit seiner Jugend mit Zen und Meditation beschäftigt.

Diesen Menschen raten Psychologen zur Vorsicht bei Achtsamkeitsübungen
Menschen mit Depression
Achtsamkeitsübungen könnten für Menschen, die das erste Mal eine Depression erleiden, schädlich sein. "In der Behandlung ist es wichtig, die Patienten zu Bewegung und Unternehmungen zu motivieren. Achtsamkeit richtet jedoch den Blick nach innen, auf das körperliche und emotionale Befinden statt nach positiven Aktivitäten zu suchen. Das blockiert die Menschen zu handeln", sagt der Psychologe und Psychotherapeut Gerhard Zarbock.
Ist die Depression allerdings chronisch, könne Achtsamkeit hingegen sehr hilfreich sein. Patienten könnten dadurch frühzeitig erkennen, wenn sich wieder eine depressive Phase anschleicht und dann gegensteuern.
  • Menschen mit Psychosen
    "Im Grunde gibt es keine klare Gegenanzeige für bestimmte Erkrankungen", betont Psychologe Johannes Michalak. Dennoch sei zur Behandlung von Menschen mit psychotischen Symptomen ein sehr gut ausgebildeter und erfahrener Therapeut unabdingbar. Sie bräuchten mitunter mehr Anleitung und hätten mehr Schwierigkeiten bei den Übungen.
  • Suchtkranke
    Für Menschen mit einer Abhängigkeit sind die Trainings Michalak zufolge in der Regel nicht geeignet. Um Rückfälle vorzubeugen am Ende einer Entwöhnungstherapie könnten sie eingesetzt werden, nicht aber, wenn derjenige noch konsumiert.
  • Körperlich Kranke
    Gerade für Schmerzpatienten sind Achtsamkeitsübungen ursprünglich in die psychologische Behandlung übernommen worden. "Allerdings kann die Konzentration auf Körperempfindungen, wie bei der Meditation üblich, für sie besonders belastend sein und einige überfordern", sagt Michalak. Bei anderen Erkrankungen sei das ebenfalls zu beachten. Mitunter kann eine Übung für Menschen mit sehr ernsthaften Beschwerden wie etwa einer fortgeschrittenen Krebserkrankung körperlich zu sehr anstrengen und muss verkürzt oder abgewandelt werden
  • Selbstkritiker
    Wer viel darauf achtet, wie er oder sie aussieht, auf andere wirkt, sich ständig mit anderen vergleicht und dabei sehr kritisch ist, heißt im Psychologen-Jargon selbstaufmerksam. Diese Menschen sind deutlich depressiver als jene, die weniger kritisch auf sich selbst schauen. Das Problem: Auch Achtsamkeit lenkt den Blick auf einen selbst. "Dieser soll jedoch nicht bewertend, sondern wohlmeinend sein", betont Zarbock. Versteht jemand bei einem Achtsamkeitstraining die Instruktion nicht richtig oder formuliert der Trainer sie nicht konkret genug, kann der Fokus auf sich selbst negative Denkmuster in Gang bringen, Selbstaufmerksamkeit begünstigen und damit schaden.
  • Ausweichende
    Manche versuchen mit Meditation persönliche Probleme von sich wegzuschieben und umgehen damit, Konflikte wirklich zu bearbeiten. "Meditation ist aber kein Allheilmittel, durch sie lösen sich Probleme nicht von allein", sagt die Yoga-erfahrene Psychotherapeutin Silka Ringer.
Entschleuniger
Achtsamkeit kann zur Entspannung beitragen. Die krampfhafte Suche nach mehr Ausgeglichenheit und Entschleunigung im Alltag bewirkt jedoch das Gegenteil, warnt Silka Ringer. "Aus der vermeintlichen Achtsamkeit resultiert dann als Nebenwirkung neuer Stress: Der Stress, die Übung im Alltag unterzubringen. Der Stress, einen Erfolg aus der Übung zu produzieren, damit sich die zehn Minuten, die ich mir von einem Arbeitsprozess oder meiner Freizeit abgerungen habe, auch rechtfertigen lassen. Der Stress, mich als Versager zu fühlen, wenn nach zehn Minuten Meditation kein komplett frischer Geist mit noch frischeren, neuen Ideen entsprungen ist oder ich trotzdem impulsiv reagiert habe."

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yunee 04.09.2014
1. Ernsthaft jetzt?
Wollen sie jetzt allen Ernstes den Leuten Angst machen indem sie ihnen erzählen das Meditieren wie ein Drogentrip sein kann. Und glauben sie wirklich wenn sie uns hier irgendwelche `Experten` nennen glauben wir das? Auf keinen Fall alleine experimentieren! und bestimmt finden sich auch die meisten in ihrer Tabelle unten wieder.. Also wirklich, gar nicht mal schlecht gemacht diese Angstmacherei...schön subtil.. Ich gebe ihnen ne 2+ ich mach ab jetzt mal screenshots von meinen Kommentaren..und werde andere ebenfalls ermutigen.. ist doch wirklich unfassbar diese Zensur.. LG
sonnemond 04.09.2014
2. Wenn ich richtig Stress habe,
mache ich seit Jahren die "Dynamische Meditation" oder etwas softer die "Kundalini Meditation". Kann man sicher googeln.
5b- 04.09.2014
3. Buddhistischer Kontext
Moderne Formen der Achtsamkeitsübungen sind aus dem Buddhistischen Kontext gerissen. Wobei John Kabatt-Zin versucht hat traditionelle religiöse/spirituelle Praktiken zu analysieren um daraus Therapeutische Behandlungsformen abzuleiten sind formen wie TC und Goinko ohne jeglichen Kontext. Es geht angeblich "nur" ums Wohlbefinden uns Stress-Reduktion. Der beschriebene Freak-Out ist ein bereits bekanntes Phänomen. Meine persönliche Meinung ist, dass der philosophische, kulturelle und spirituelle Kontext ein Muss für solche Praktiken ist wenn man den Nutzen voll ausschöpfen will. Das größte Problem, welches Uninformierten entgegen kommt, ist das Unwissen dass es der Sinn dieser Übungen ist an die Erkenntnis herangeführt zu werden dass es kein substanzielles "ich" gibt. Wenn man vorher in die Philosophie eingeführt wurde, weiß man was einen erwartet. Die Erkenntnis dass es kein substanzielles ich gibt erschrickt viele die sich nicht ausführlich damit beschäftigt haben. Dieses Erschrecken führt zu dem erwähnten Freak-Out. Im Buddhismus, besonders dem Tibetischen, ist es essentiell einen qualifizierten Lehrer aufzusuchen, den man erst nach einer Phase des des Abtastens akzeptieren soll. Wenn man kein gegenseitiges Vertrauen hat sollte man es lieber sein lassen. Eigentlich können diejenigen die so stark auf Meditation reagieren sich glücklich schätzen, da sie eine Methode gefunden haben wie sie die Natur des Geistes ergründen können.
bradnex 04.09.2014
4. 5b - grds. richtig, aber
Ich selbst habe eine Yoga-Lehrer Ausbildung genossen und und bin zum Yoga über den Wunsch gekommen, etwas gegen Stress und für Entspannung zu tun. Ich habe mich zunächst für MEditation entschieden und anschließend erst Yoga und in einem weiteren Schritt die Auseinandersetzung mit den spirituellen Hintergründen hinzugezogen. Derzeit praktiziere ich kein Yoga mehr und keine Meditation. Warum? Weil ich bemerkt habe, dass ich die spirituellen Ziele nicht erreiche und mich dies zunehmend "frustrierte". Als ich die Praktik einstellte war mir der Hintergrund hierzu nicht bewußt. Heute ist mir dies deutlicher geworden. Ich sehe es durchaus so, wie es in dem Artikel seitens psycholog. Experten ausgeführt wurde. Menschen, die oben beschriebene Probleme/Beschwerden haben können Gefahr laufen bei der "Konzentration" auf das Auflösen des Egos, dass das eigentliche Problem ihrer Psyche nicht gelöst wird. Sie versuchen gewissermaßen das Problem zu umschiffen (der Ausweichende). Jedoch besteht allgemein fast nur dann eine Chance das Problem zu lösen, wenn man es bearbeitet und durch die damit verbundenen negativen Gefühle hindurch geht. Dieser Prozess ist für viele betroffene, die in professioneller Begleitung sind, schon derart schwer, dass dies im Rahmen von nicht fundiert angeleiteten Meditationspraktiken zu negativen Denkmuster (ich kann auch das nicht - Frust bspw. bei Selbstkritikern oder auch den Entschleunigern) führt. Sofern eine spirituelle Ausbildung hier auch ansetzen kann, kann ich mir vorstellen, dass es klappt. Ich für meinen Teil glaube, dass dies schwierig ist. Insofern sind die Anmerkungen in diesem Artikel durchaus richtig. Jedoch glaube ich, dass die Technik der Achtsamkeit bei diesem Prozess helfen können. Beispielsweise beim Erfühlen von vermiedenen (verdrängten) Gefühlen in Folge von Kindheitstraumas. Jedoch sollte dies gezielt und von geschulten Personen eingesetzt werden.
ruhepuls 04.09.2014
5. Richtig machen...
Wer sonst wenig Zeit zum "zu sich selbst kommen" hat, der kann bei solchen Übungen tatsächlich ins Straucheln kommen. Das sind die gleichen Menschen, denen am Wochenende, wenn "nichts los ist", die Decke auf den Kopf fällt, weil sie dann merken, dass sie mit sich nicht viel anfangen können. Gerade denen täte es aber gut, die "Leere" auszuhalten - und dann zu entdecken, dass sich langsam wieder Impulse melden, die in der Hektik niemand mehr gehört hat. Nur, wer sich auch hier unter Druck setzt und gar "schnelle Entspannung" anstrebt, wird scheitern. Das Geschehen lassen und das Anstreben schließen sich gegenseitig aus.
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