Umstrittene Promi-Ärzte Heiler vom Dienst

Sanft, wirksam und ganz ohne Operation? Gegen Rückenschmerzen soll die Methode von Martin Marianowicz helfen, in Talkshows hat der Münchner Orthopäde seine Lehre schon oft verbreitet. Der Fall verdeutlicht: Nicht jeder Promi-Arzt ist automatisch Experte.

Orthopäde Marianowicz: Renommierter Spezialist, umstrittener Experte?
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Orthopäde Marianowicz: Renommierter Spezialist, umstrittener Experte?


Wer heutzutage nicht an seinem Rücken leidet, ist ein Exot: Jeder siebte Mann und jede fünfte Frau hat dauerhaft Rückenschmerzen. 65,2 Prozent der Bundesbürger litten nach einer repräsentativen Umfrage 2012 mindestens einmal an Rückenschmerzen. Wo so viel Leiden ist, da genießen Heiler große Aufmerksamkeit.

Die Medienkarriere des Bochumer Radiologen Dietrich Grönemeyer war kometenhaft, nun scheint ein Münchner Orthopäde in seine Fußstapfen zu treten - obwohl der den Vergleich gar nicht schätzt. Dabei ist Martin Marianowicz so wie Dietrich Grönemeyer ein häufiger Fernsehgast. Er war unter anderem im ARD-"Mittagsmagazin", bei Maischberger und "Visite".

Zwei Bücher für Laien hat er geschrieben, es gibt die Marianowicz-Methode und das Marianowicz-Zentrum. Seine Botschaft: 80 Prozent der Rückenoperationen sollen überflüssig sein. Seine Agentur bezeichnet ihn als "einen der renommiertesten Rückenspezialisten Europas" und als "Deutschlands bekanntesten Wirbelsäulenexperten". Doch in der medizinischen Fachwelt ist er umstritten: Wer im Fernsehen prominenter Experte ist, muss es nicht auch in der Wissenschaft sein.

Chirurgen kritisieren, einigen "Marianowicz-Methoden" fehle die wissenschaftliche Basis. Dabei ist der Widerspruch zwischen fachlicher und öffentlicher Anerkennung vor allem ein deutsches Phänomen.

"Wer ein guter Experte ist, dafür gelten in den Medien andere Kriterien als in der Wissenschaft", sagt der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Daniel Nölleke. In der Wissenschaft zählen Publikationen, Kongressteilnahme, eine elaborierte Sprache und die Langfristigkeit. Medien dagegen brauchen Experten, die Themen schnell auf den Punkt bringen. Das sei "ein Einfallstor für meinungsstarke Experten". Und für einfache Erklärungen.

Eine riskante Mischung

"Das Grönemeyer Rückentraining" kommt beim Publikum gut an, in der Wissenschaft dagegen kaum. Grönemeyer als Popstar der Medizin - der Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr kritisiert bei solchen Konstellationen die riskante Vermischung von Wissenschaft und Außenseitermethoden.

Denn Patienten könnten kaum unterscheiden, ob Therapien anerkannt oder zweifelhaft seien. Nölleke: "Gerade beim Thema Gesundheit ist dieser Widerspruch heikel, weil er konkrete Folgen für Betroffene haben kann." Dass das Ansehen in der Fachwelt umso mehr schwinden kann, je mehr man in der Öffentlichkeit steht, merkten Leser und Zuschauer in der Regel nicht.

Die Bremer Journalismusforscherin Beatrice Dernbach hat für ihr Buch "Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht" 14 prominente Wissenschaftler befragt. Der Kriminologe Christian Pfeiffer oder der Historiker Michael Wolffsohn sagten ihr ganz klar: Nur wer etwas knapp und zugespitzt darstellen kann, findet Gehör bei den Medien - und kann eher auf Forschungsgelder hoffen. In anderen Ländern, etwa in den USA, sei das ganz und gar nicht anrüchig. "In Deutschland ist es immer noch ein Schimpfwort, wenn ein Wissenschaftler populär ist", sagt Dernbach. Deshalb müssten Wissenschaftler vorsichtig umgehen mit der Aufmerksamkeit: "Sie kann auch kontraproduktiv sein."

Dass sich Wissenschaftler öffentlich von einem Medienstar distanzieren, ist allerdings selten, vielleicht auch, weil heute fast alle unter dem Druck stehen, ihr Wirken durch Öffentlichkeitsarbeit zu legitimieren. Grönemeyer hatte schon mehrere Bestseller geschrieben, als führende Krebsforscher nach einem ARD-Auftritt des Bochumers 2006 zum Gegenangriff übergingen. Was Grönemeyer als Neuigkeit verkaufe, sei entweder medizinische Platitude oder aber Hokuspokus - und zudem teilweise gefährlich, schrieben sie dem Intendanten.

Selten Kritik von Kollegen

Öffentlich üben Mediziner kaum Kritik an Marianowicz. Dessen Kernaussage, dass zu viel operiert werde und Rückenpatienten meist besser konservativ behandelt würden, stellen führende Experten auch nicht in Frage. Manche Behandlungsmethoden des Münchners sehen sie allerdings kritisch.

"Erhebliche Zweifel" hat etwa der Orthopäde Joachim Grifka von der Universität Regensburg an manchen Behandlungsmethoden von Marianowicz: Einiges sei unspezifisch, wie etwa Akupunktur oder Laser, anderes, etwa körpereigene Stoffe zu spritzen, sei fragwürdig. Der Flensburger Neurochirurg Wolfgang Börm kritisiert, auf Marianowicz' Homepage finde man eine "Vielzahl von konservativen und interventionellen Methoden", objektive Informationen zu deren Wirksamkeit fehlten allerdings. Es reiche nicht, auf die persönliche Erfahrung hinzuweisen.

Martin Marianowicz argumentiert, der wissenschaftliche Nachweis sei für viele Therapien mangelhaft, vor allem für Operationen. "Warum der eine Patient mit sichtbaren Schäden keine Schmerzen hat und der andere Patient Schmerzen hat, aber keine sichtbaren Schäden - wir wissen es nicht." Die Orthopädie sei ein "subjektives Fach". Man habe keine Laborwerte als Beweis, nur die Aussage des Patienten, ob es ihm besser geht oder nicht.

Dabei wirkt Marianowicz nicht wie ein Aufschneider, gibt sich bescheiden. Um die Formulierungen seiner Agentur, sagt er, habe er sich einfach "nicht gekümmert". Vor allem jedoch kann Marianowicz mit einem anderen wichtigen Faktor punkten: Mit ärztlicher Zuwendung, mit sprechender Medizin. Sie kann viel zum Heilungserfolg beitragen, das weiß man heute. "Manche Erfolge am Rande der Schulmedizin können auch Placeboeffekte sein", sagt Grifka.

Für eine "Rundumbetreuung" hat Marianowicz bessere Karten als die meisten seiner Kollegen. Denn seine Kassenzulassung hat er schon lange zurückgegeben. In seinen drei Niederlassungen zahlt der Patient selbst.

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thelma&louise 03.07.2013
1. Na und?
Und wenn wir wissenschaftlich nicht belegen können, warum etwas hilft, das aber nicht schadet, dann ist das egal. Die nicht wirklich indizierten Operationen sind alle wissenschaftlich gut belegt - die Indikation im Einzelfall nie, oder ist genau dieser Patient schon ausreichend oft operiert worden, dass man den Erfolg vohersagen kann? Hier werden doch Totschlägerargumente von den Wissenschaftlern gebracht. Seit wann wird man ein guter Arzt durch das Verfassen wissenschaftlicher Schriften? Wer jemals Assistenzarzt in einer Uniklinik war weiß, dass der mit den meisten Veröffentlichungen die geringste ärztliche Erfahrung hat - wann hätte er die auch sammeln sollen? Wissenschaft ist wichtig, aber sie ist nur ein Bruchteil der ärztlichen Alltagsarbeit. Und wenn Grönemeyer das Volk von "ich muss mich schonen und brauche eine Krankmeldung, denn im Liegen geht es mir ja gut"-Dichter und Denkern dazu bringt, sich zu bewegen: Danke, Herr Kollege. Dieses schlechtmachen guter und gleichzeitig eloquenter Ärzte durch die Copy and Paste Fraktion ist nur eine subtile Form von Neiddebatte.
Spiegelleserin57 03.07.2013
2. eiskaltes Geschäft!
Chirurgen verdienen nun mal an ihren OPs, das ist ihr Geschäft. Kein Wunder ist dass gegen Leute gehechelt wird die von ihrem Geschäft abraten. Mit Krankengymnastik und Vorsorge verdienen diese Leute kein Geld, gut nachvollziehbar. Auch klar ist jeh nachdem welche Liga man befragt in dieser Richtung bekommt man auch die Antwort. Entscheidend sollte doch sein dass der Patient schmerzfrei wird. Was zu bedenken ist: mit jeder Operation werden Schnitte gesetzt die auch gesundes Gewebe zerstören und Fasern zerstrennen die wieder zusammen wachsen müssen. Auch kar ist dies nicht wird wie vorher. Zu bedenken sind auch die Narbenschmerzen und die Schmerzen später bei jedem Wetterumbruch. Es bedarf auch einer Narbenpflege die Kosten erzeugt und Krankengymnastik um wieder fit zu werden und die verschreibt kaum ein Arzt. 6 Mal reichen da nicht aus und der Patient muss zu zahlen, mittlerweile Minuten dazu kaufen, auch ein Geschäft. Desweiteren besteht immer ein Infektionsrisiko. Ob die Hygiene in Krankenhäusern gut ist mag dahin gestellt bleiben. Dass das Seelenleben besonders im Schmerzbereich eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dürfte auch gut nachvollziehbar sein. Ein guter Arzt muss eben auch auf psycholoigschen Ebene seine Pastienten betreuen und nicht nur in OP. Da hapert es oft und da ist sicher die "Rundumbetreuung" deutlich im Vorteil und erzielt auch große Erfolge OHNE OP. Geld verdient sie auch damit. Leider können sich viele Patienten diesen Komfort nicht leisten, die Zwieklassenmedizin eben! Vieles Leid kann verhindert werden vorausgesetzt man hat das Geld dazu und den Arzt der auch die Rezepte ausstellt. Es heißt nicht umsonst : weil du arm bist mußt du früher sterben, leider auch eine Tatsache!
Lorbeerblatt 03.07.2013
3. Informationsgehalt?
Was ist das denn wieder für ein Informationspotpourri? Hier werden völlig verschiedene Aussagen wahllos und leider auch Sinn verzerrend durcheinander geworfen. Richtig ist, dass man im Ausland weniger Probleme innerhalb der Branche hat, wenn ein Kollege in dem Medien rumhampelt. Falsch ist aber, dass die medizinische Anerkennung damit in irgendeinem Zusammenhang stehen. Der Artikel suggeriert, dass die Verfahren der Medienstars nur deshalb schlecht bewertet seien unter Kollegen, weil deren "Erfinder" in den Medien präsent seien. Dabei wird -an anderer Stelle - sogar indirekt gesagt: Der Grund liegt einzig im fehlenden Nachweis der Wirksamkeit. Die Medien haben in dem Bereich eine sehr große Verantwortung! Sie können Scharlatanen, also jenen, die Geld abschneiden, aber bestenfalls nicht helfen, wenn nicht schaden, genauso eine Plattform bieten, wie echten Innovationen oder nützlichen Rückbesinnungen. Wichtig wäre eine Berichterstattung, die die Kompetenz der Bürger unterstützt. Das ist sicher nicht dann erfüllt, wenn es sich ganz offensichtlich um einen Werbeartikel mit geführter Feder handelt. Diese Artikel häufen sich in letzter Zeit!
plagiatejäger 03.07.2013
4. Unterschiedliche Medien
Die Medien dürfen sich ihre Experten selbst wählen. Eine andere Meinung in der Medizin kann der Journalist ja nicht selbst wissenschaftlich prüfen. Ich bin klar für wissenschaftlich spezifische, kausale Methoden, was unspezifische Methoden in die Körperverletzung abgrenzt (akkupunktur etc. ). Medienärzte sind aber auch nicht immer nur Quacksalber, aber seriöse Ärzte machen ja auch keine Werbung.
altefrau99 03.07.2013
5. Herr Marianowicz hat Recht
Mein Mann ist auch rückenleidend, trotz viel Bewegung, Sport und Schlankheit. Vor acht Jahren konnte kaum aus dem Bett aufstehen, die Schmerzen ertrug nur mit Tabletten. Der Orthopäde hat OP vorgeschlagen. Da ich noch im Kopf hatte, wie ein Arbeitskollege nach zweimaligen Operation keine Besserung hatte, schickte meinen Mann gegen seiner Willen zu einem zweiten Arzt. Er hatte ihn zum Herrn Marianowicz geschickt und siehe da, seine Schmerzen sind nicht ganz verschwunden, aber er kann wieder Ski fahren, Inlineskaten , Schlittschuhlaufen, radfahren. Klar, er muss manche Vorschriften beachten und schlucken, wenn manche Menschen Bemerkungen machen, dass seine Frau die schweren Taschen trägt, aber er ist ohne OP ausgekommen. Seitdem bin ich auch überzeugte Gegnerin der schnellen RückenOPs.
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